"Auch Integration ist ein Euphemismus"

7. Oktober 2010, 18:56
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Das Problem der Migration wird anhand von Kopftüchern und Minaretten und damit anhand der falschen Fragen debattiert, meint Konrad Paul Liessmann

Der Wahlkampf langweilt ihn, meint der Philosoph im Gespräch mit Thomas Trenkler.

Standard: Die Intellektuellen melden sich nur mehr selten zu Wort. Gibt es eine Politikverdrossenheit?

Liessmann: Es gibt zwar immer noch Kommentare zu den brennenden Fragen wie Integration und Ausländerpolitik, aber es gibt eine gewisse Ermüdung - nach diesen Aufregungen über die schwarz-blaue Koalition, die in besonderem Maße provoziert hat. Eines fällt schon auf: Das Verhältnis zwischen den Intellektuellen und den führenden Parteien ist unterkühlt. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Koalitionsparteien bemühen sich nicht besonders, ihre programmatischen Überlegungen durch intellektuelle Höchstleistungen anzureichern.

Standard: Dimitré Dinev sagte in einem "Kurier" -Interview: "Politiker reden mittlerweile so sehr in den gleichen Formalismen, dass man gar nicht mehr heraushört, von welcher Partei sie sind."

Liessmann: Aber das betrifft nicht nur die Politik: Der Zeitgeist gibt einen Jargon vor, der alle Bereiche durchzieht. Wenn Sätze wie "Die Herausforderungen müssen angenommen werden" oder "Wir müssen das Beste geben, um im Wettbewerb bestehen zu können" fallen: Wer sagt das? Ein Wirtschaftskapitän, ein Medien-Guru, ein SPÖ- oder ÖVP-Politiker, ein Uni-Rektor? In der Tat ist es so, dass sich der Diskurs auf Formeln reduziert, die auch etwas zudecken. Das ist eine raffinierte Strategie: Man sagt Sätze, die sich so sehr selbst immunisieren, dass jede Kritik unmöglich ist.

Standard: Was wird mit diesen Null-Sätzen zugedeckt?

Liessmann: Dass es auch Widersprüchlichkeiten gibt. Rituell wiederholte Begriffe wie Wettbewerb, Mobilität und Internationalisierung sind Euphemismen, denn sie beschreiben Entwicklungen, die nicht von allen Menschen als angenehm empfunden werden. Man macht mit diesen positiv besetzen Begriffen negative Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung bis zu einem gewissen Grad unsichtbar. Mit Worthülsen verliert man aber den analytischen Blick auf die Realität. Natürlich kann ich ständig behaupten, dass Zuwanderung immer eine Bereicherung ist, aber vielleicht täusche ich mich über den ambivalenten Charakter von Migration einfach hinweg - und bin dann bass erstaunt, wenn es Konflikte gibt.

Standard: Robert Schindel meint, dass die SP das Problem "viele Jahre verschlafen" habe. Und Dinev bezeichnet es als Versagen der Politik, dass sich Parallelgesellschaften bilden. Teilen Sie den Befund?

Liessmann: Beim letzten Philosophicum Lech ging es um den Staat. Zu Gast waren u.a. Gerhard Schröder und Alfred Gusenbauer. Man hat gemerkt, dass es ein Oszillieren zwischen Machtanspruch und realer Machtlosigkeit gibt. Und es gibt Verantwortungen, die der Staat den Menschen weder abnehmen kann noch soll, und dies gilt auch für Immigranten. Aber natürlich gibt es Versäumnisse - und natürlich ist man hinterher immer klüger. Manche Entwicklungen waren offenbar nicht wirklich einschätzbar.

Standard: Welche?

Liessmann: Man war sich nicht über den Charakter der Migration im Klaren. Die Immigranten waren eben nicht nur auf Zeit geholte Gastarbeiter. Hätte man allerdings schon vor zehn Jahren eine strikte Einwanderungspolitik betrieben, dann wären die, die jetzt die Politik kritisieren, die ersten gewesen, die dagegen protestiert hätten. Denn das wäre eben eine Politik gewesen, die sehr selektiv danach trachtet, junge und qualifizierte Menschen ins Land zu holen. Eine entsprechende Kontingentierung wäre politisch nicht durchsetzbar gewesen. Erst jetzt wird sie von vielen als dringliche Notwendigkeit gesehen.

Standard: Proteste gibt es dennoch - und Spannungen.

Liessmann: Auch Integration ist ein Euphemismus, der verschleiern soll, dass es ein notwendiges Spannungsverhältnis zwischen Assimilationansprüchen und potentiellen Parallelgesellschaften gibt. Integration ist nicht ohne Reibungsverluste zu machen. Ich glaube auch nicht, dass wir, wenn die Politik alles richtig gemacht hätte, eine Integrationsidylle hätten. Die Geschichte der Migrationen von der Völkerwanderung bis in 20. Jahrhundert zeigt, dass es eine konfliktfreie Mobilität von Menschen nicht gibt.

Standard: Diese Reibungsverluste dienen Strache: Hat die SPÖ ihm ein zu großes Feld überlassen?

Liessmann: Im Vergleich zu anderen Großstädten ist das Konfliktpotential in Wien trotz allem eher gering. Aber sehr wohl gibt es Probleme, weil sich die zweite und dritte Generation von Immigranten zum Teil immer weiter von der Gesellschaft entfernen, in die sie eigentlich aufgenommen werden sollten. Und natürlich gibt es Konfliktlinien mit Menschen, die von der islamischen Kultur geprägt sind. Früher ging man davon aus, dass der Einwanderer so leben will, wie man eben im Westen lebt: in einer säkularen, liberalen Konsumgesellschaft mit hohen sozialen Absicherungen. Dass man in ein anderes Land geht, aber seine Kultur, seine Religion, seine Sprache, seine soziale Strukturen, seine Vorstellungen von Ehe und Sexualität bewahren will: Das hat man sich nicht vorstellen können.

Standard: Was zur Folge hat, dass die Religion an Bedeutung gewinnt.

Liessmann: Das ist richtig, und gerade deshalb für Europa ein Problem. Die klassische Aufklärung, der sich das moderne Europa verdankt, ist der Auffassung, dass Religion prinzipiell problematisch ist. Von Voltaire über Feuerbach, Marx, Nietzsche bis zu Freud reicht eine Kritik, die behauptete: Religion macht den Menschen unmündig. Kant schrieb, dass ein Mensch, der sich vor einem Gott auf den Boden wirft, seine Würde verloren hat. Würde man das heute sagen, würde einem sofort vorgeworfen werden, religiöse Gefühle zu verletzen. Und vergessen wir nicht: Die Religionsfreiheit ist ein Resultat dieser Kritik!

Standard: Ist es nicht immer problematischer, andere Religionen zu kritisieren als die eigene?

Liessmann: Es ging der Aufklärung ja nicht nur um die Kritik bestimmter Religionen, sondern um eine Kritik von Religion an sich. Das muss auch bei allem Respekt vor religiös bestimmten Lebensformen welcher Art auch immer weiterhin möglich sein. Und dort, wo von diesen Lebensformen menschenrechtliche Fragen tangiert werden, müssen Verbindlichkeiten, die für alle gelten, festgelegt werden. Leider debattiert man das Problem an den falschen Fragen, an Äußerlichkeiten wie Kopftüchern oder Minaretten.

Standard: Darin ist Strache gut.

Liessmann: Die FP hat eine erstaunliche Treffsicherheit: Sie weiß, womit sie provozieren kann. Und reflexartig kommt die Empörung der anderen Seite. Das ist ein langweiliges, abgekartetes Spiel.

Standard: Ist der Wahlkampf insgesamt langweilig?

Liessmann: Auch wenn die SPÖ die absolute Mehrheit verlieren sollte, wird sie einen Koalitionspartner finden, mit dem sie de facto absolut weiterregieren kann. Denn die potentiellen Koalitionspartner haben sich bereits derart angedient, dass nichts anderes zu erwarten ist. Aber ich bin nicht unglücklich darüber. Man kann natürlich den einen oder anderen Skandal, den eine Partei, die - wie die SPÖ in Wien - so lange an der Macht ist, fast notgedrungen produziert, kritisieren. Aber es gibt nicht die sozialen Spannungen, die eine solche Wahl zu einer Schicksalswahl machen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2010)

 

  •  Liessmann: "Eine konfliktfreie Mobilität von Menschen gibt es nicht."
Zur Person:Konrad Paul Liessmann (57), geboren in Villach, ist Philosoph, Essayist, Literaturkritiker. Am Dienstag wurde er in Prag mit dem Preis der "Vision 97" -Stiftung von Václav Havel ausgezeichnet. Seit 1996 leitet er das Philosophicum Lech. Jüngste Veröffentlichung: "Das Universum der Dinge"  (Zsolnay-Verlag)
    foto: standard / corn

     Liessmann: "Eine konfliktfreie Mobilität von Menschen gibt es nicht."

    Zur Person:
    Konrad Paul Liessmann (57), geboren in Villach, ist Philosoph, Essayist, Literaturkritiker. Am Dienstag wurde er in Prag mit dem Preis der "Vision 97" -Stiftung von Václav Havel ausgezeichnet. Seit 1996 leitet er das Philosophicum Lech. Jüngste Veröffentlichung: "Das Universum der Dinge" (Zsolnay-Verlag)

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