Tickende Bombe in Ungarns Bankensektor

7. Oktober 2010, 18:01
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Der schwache Forint und der star­ke Schweizer Franken werden zur Belastungsprobe. Der angeschla­genen MKB könnte die Regierung aushelfen

Wien - Im angeschlagenen ungarischen Bankensektor mehren sich Meldungen über einen bevorstehenden staatlichen Großeinkauf. Konkret geht es um die MKB-Bank, die zu den fünf größten ungarischen Geldhäusern zählt. Die Bank wird 2010 ein tiefrotes Ergebnis einfahren. Bereits für das erste Halbjahr 2010 meldete die MKB-Gruppe einen Vorsteuerverlust von 190 Millionen Euro. Bis Jahresende sollen es 350 Millionen Euro werden.

Die beiden Eigentümer der Bank, BayernLB (90 Prozent) und Bawag (zehn Prozent), führen gerade eine Kapitalerhöhung durch, um die Verluste zu stemmen.

Schon im Sommer meldeten ungarische Medien, die Bayern wollten die MKB verkaufen. Die ungarische Regierung unter Premier Viktor Orbán sei auch bereit, das Geldhaus zu übernehmen, um eine Destabilisierung im Bankensektor zu verhindern. Bayern LB und Budapest dementierten.

Neuer Anlauf

Nun berichtet das Wochenmagazin Figyelo, die ungarische Regierung unternehme einen neuen Anlauf, nachdem die Gespräche mit den Bayern wegen eines Streits über den Verkaufspreis festgefahren sind. Diesmal soll sich alles um die Bawag drehen.

Ungarns Regierung soll Zsigmond Járai und eine Investorengruppe beauftragt haben, über einen Auskauf mit der Bawag zu verhandeln. Járai ist kein Unbekannter: Er steht der regierenden Fidesz sehr nahe, war Finanzminister in Orbáns erstem Kabinett und unter ihm auch Notenbankchef (2001 bis 2007).

Járai ist mit anderen Fidesz nahen Geschäftsleuten einer der Eigentümer und Aufsichtsratchef bei CIG Pannónia Életbiztosító. Die CIG wagt zurzeit gerade den Gang an die Budapester Börse. Durch einen Einstieg Járais hätte die ungarische Regierung einen engen Partner in der MKB und könnte die Gespräche mit den Bayern leichter vorantreiben, wird kolportiert. "Ich halte das absolut für möglich", sagt etwa der Bankanalyst Norbert Harcsa von Ipopema Securities in Budapest. Die ungarische Regierung will seiner Ansicht nach in die Bank - habe derzeit aber noch nicht das Geld dafür. Der Einstieg Járais würde Einfluss bringen, aber Budapest nicht sofort etwas kosten. Auch die Bawag würde profitieren: Sie muss laut Auflagen der EU-Kommission ihren Anteil an der MKB ohnehin verkaufen.

Verkauf nicht eilig

Bei der Bawag folgt prompt ein Dementi: "Ich höre davon zum ersten Mal", sagt Bawag-Vize Stephan Koren. Man habe es mit dem Verkauf der MKB nicht eilig - weder EU-Kommission noch Bawag haben bekanntgegeben, bis wann der Deal abgeschlossen sein muss.

Das ungarische Engagement für die ausländischen Banken in Ungarn könnte durch die vielen Fremdwährungskredite noch teurer werden. Devisendarlehen gibt es (fast) überall in Osteuropa, in Ungarn verschärft sich aber die Lage, weil 80 Prozent der Kredite in Schweizer Franken notieren. Der Forint ist gegenüber dem Franken abgesackt (siehe Grafik), wodurch sich die monatlichen Raten der Kunden extrem verteuert haben. Die desaströse Folge davon offenbart sich bei einem Blick in die Statistiken der Bankenaufsichtsbehörde PSAF: Die ungarischen Haushalte halten Kredite in Höhe von umgerechnet 27,9 Milliarden Euro. Auf 2,2 Milliarden davon werden seit 90 Tagen keine Zahlungen geleistet, bei fünf weiteren Milliarden ist ebenfalls Zahlungsverzug (unter 90 Tagen) eingetreten. Addiert man noch Kredite die Umstrukturierung wurden dazu, ist fast ein Drittel der Kredite in irgendeiner Form notleidend. Ein Großteil davon notieren in Fremdwährungen. Bei der Osteuropabank EBRD schrillen deshalb schon seit längerem die Alarmglocken.

Denn auch wenn in Ungarn die Neuvergabe von Devisendarlehen massiv erschwert wurde, verschwindet das Problem nicht. Viele Darlehen haben Laufzeiten von zehn oder gar zwanzig Jahren.(András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 8.10.2010)

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    Der Forint hat sich zuletzt leicht erholt, dennoch sind 400.000 Ungarn mit ihren Ratenzahlungen in Verzug.

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