Gaskonsorten können erst 2011 über Nabucco urteilen

7. Oktober 2010, 17:43
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Das Konsortium unter OMV-Führung muss weiter zittern. Weil sich Gespräche mit Aserbaidschan ziehen, verschiebt sich der Zeitplan

Ankara/Wien - Der Bau eines ultramodernen Röhrensystems, durch das dereinst Gas aus dem kaspischen Raum 3300 km weit zum Speicher Baumgarten bei Wien strömen soll (siehe Grafik), verzögert sich. War ursprünglich vom ersten Halbjahr 2010 die Rede, in dem die Investitionsentscheidung für das unter dem Namen Nabucco laufende Projekt definitiv fallen sollte, ist der dann auf Ende 2010 verschobene Zeitpunkt jetzt auch schon wieder Makulatur.

"Heuer schaffen wir das sicher nicht mehr, es wird 2011 werden", sagte der bei der OMV für internationale Pipelineprojekte zuständige Michael Ulbrich dem Standard. Aserbaidschan, das für die Grundauslastung der im Endausbau 31 Mrd. m3 fassenden Röhre sorgen soll, sei interessiert, die einseitige Ausrichtung seiner Gasexporte nach Russland aufzuheben. Die Gespräche seien aber anspruchsvoll und erforderten mehr Zeit.

Türkei wird ungeduldig

Die Hoffnungen des Pipelinekonsortiums, dem neben der OMV die Gasgesellschaften der beteiligten Länder Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn sowie die deutsche RWE angehören, richten sich auf das Gasfeld Schach Denis II. An diesem ist u. a. der norwegische Konzern Statoil Hydro beteiligt. Das Projekt wurde immer wieder verschoben, weil bei Investitionen von 20 Mrd. Dollar der Abtransport nicht gesichert war.

In der Türkei steigt unterdessen die Ungeduld. Die Regierung in Ankara wirft den Europäern Nachlässigkeit bei der Planung des Projekts sowie politische Engstirnigkeit vor, was einen anderen potenziell großen Gaslieferanten betrifft - Iran. Zwölf Prozent ihres Gasbedarfs deckt die Türkei derzeit durch Lieferungen aus diesem Land. Ankara fordert die USA bewusst heraus, indem es trotz UN-Sanktionen wegen des iranischen Atomprogramms eine Intensivierung der Handelsbeziehungen zum Nachbarstaat ankündigte.

"Der Iran ist die natürliche Alternative", sagte der türkische Energieminister Taner Yildiz bei einer Schwarzmeerkonferenz Ende September in Istanbul. Die Europäer müssten flexibler sein. "Wir sind mit allem fertig, doch diejenigen, die für die Koordinierung verantwortlich sind, haben nichts Ernsthaftes unternommen", polterte Regierungschef Tayyip Erdogan kürzlich und hatte dabei die immer noch fehlenden Lieferzusagen für Nabucco im Blick

Türkei als Energiedrehscheibe

Die Türkei sieht sich als Energiedrehscheibe. Aserbaidschan liefert Erdgas und speist es in Erzurum ins türkische Netz ein. Russland versorgt die Türkei über die Blue-Stream-Pipeline durch das Schwarze Meer nach Samsun. Das Gaskraftwerk, dessen Bau die OMV heute, Freitag, in der Schwarzmeerstadt mit einem Spatenstich startet, bezieht seinen Rohstoff aus dieser Leitung.

Die kurdische Regierung im Nordirak hat für Mitte 2011 Gaslieferungen zugesagt. Fünf Mrd. m3 im Jahr könnte die Türkei erhalten. Der kurdische Energieminister Ashti Hawrami erklärte, der Nordirak könne mit seinen Gasreserven die Hälfte des Bedarfs für Nabucco füllen. Schließlich will Pearl Natural Gas, ein Unternehmen zweier türkischer Firmen und einer irakisch-kurdischen Gruppe, die Lieferungen sowohl in die Türkei als auch für Nabucco abwickeln. (Markus Bernath, Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2010)

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