Italien klagt VolxTheater Karawane nicht an

7. Oktober 2010, 18:31
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Jene österreichischen AktivistInnen, die 2001 für drei Wochen im italienischen Gefängnis saßen, müssen nicht vor Gericht

Neun Jahre nach der umstrittenen Inhaftierung von 25 Mitgliedern des KünstlerInnen-Kollektivs "VolxTheaterKarawane" in Italien hat die italienische Justiz die Ermittlungen nun eingestellt. Das bestätigte der Wiener Anwalt des Kollektivs, Wilfried Embacher, auf derStandard.at-Anfrage.

"Verdächtiges Material"

25 Mitglieder des Kollektivs, darunter 16 ÖsterreicherInnen, waren im Sommer 2001 drei Wochen in norditalienischen Gefängnissen festgehalten worden. Sie seien verdächtig, im Zuge der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua schwere Sachbeschädigungen begangen zu haben und Verbindungen zu "kriminellen Organisationen" zu unterhalten, hieß es damals. Die Begründung: Im Bus der Karawane sei "verdächtiges" Material gefunden worden, beispielsweise schwarze Kleidung und Holzstöcke - laut dem KünstlerInnen-Kollektiv jedoch durchwegs Theaterrequisiten. 

Drei Wochen vergingen damals, bis ein Untersuchungsrichter die Freilassung der Gefangenen genehmigte. Die AktivistInnen wurden daraufhin abgeschoben. Die Staatsanwältin von Genua erhob jedoch Einspruch gegen den Entscheid des Richters, und parallel wurden die Ermittlungen fortgesetzt. De facto war somit bis heute nicht klar, ob es noch zu einem Prozess kommen würde.

Entschädigung möglich

Auf eine schriftliche Begründung warten die AktivistInnen noch - bis dato wisse er nur, dass die Ermittlungen eingestellt worden sind, sagt Rechtsanwalt Embacher. Ob die Betroffenen nun auf Entschädigung klagen werden, ist offen. "Das müssen wir uns gut überlegen", sagt eine der Betroffenen, die Wiener Künstlerin Gini Müller. Eine Chance auf Erfolg hätten sie, glaubt Embacher, der dazu bereits erste Informationen eingeholt hat: In Italien seien Entschädigungen aufgrund langer Verfahrensdauern möglich. "Das schaut aussichtsreich aus."

"Trauma-Erlebnis"

Neun Jahre nach der Gefangennahme sagt Gini Müller, die Inhaftierung "war sicher für viele von uns ein Trauma-Erlebnis". Bei ihr selbst habe die Erfahrung jedoch nicht zu einem Rückzug aus dem politischen Aktivismus geführt: "Wir sehen ja, dass die Botschaft ‚No border‘, die wir damals verbreitet haben, heute noch extrem notwendig ist." Die Vorgänge rund um die Schubhaft und Abschiebung der beiden achtjährigen Zwillinge in den Kosovo (derStandard.at berichtete) hätten dies einmal mehr verdeutlicht. 

Gleichzeitig sei jedoch spürbar, dass politischer Aktivismus zunehmend kriminalisiert werde: "Bei uns haben sie es ausprobiert, aus uns eine kriminelle Organisation zu machen. Mittlerweile ist das ein europaweites Phänomen, das alle politischen AktivistInnen trifft."

Thema schlug Wellen

Die Causa VolxTheaterKarawane dominierte im Sommer des Jahres 2001 über mehrere Wochen die mediale Berichterstattung. Auch innenpolitisch schlug das Thema Wellen: Die damalige Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) war wegen ihres Umgangs mit der Inhaftierung heftig kritisiert worden: Anstatt sich um die Freilassung der österreichischen StaatsbürgerInnen zu engagieren, bezeichnete sie diese gegenüber Medien als „amtsbekannt" - obwohl alle Betroffenen nachweislich unbescholten waren. Im derStandard.at-Chat im Präsidentschafts-Wahlkampf 2004 bezeichnete Ferrero-Waldner diese Aussagen Jahre später als "Hänger in meiner Karriere". (Maria Sterkl, derStandard.at, 7.10.2010)

  • Mitglieder der VolxTheaterKarawane nach ihrer Abschiebung aus Italien im Jahr 2001
    foto: standard/newald

    Mitglieder der VolxTheaterKarawane nach ihrer Abschiebung aus Italien im Jahr 2001

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    Nach den Genua-Protesten blieb die VolxTheaterKarawane weiter aktiv - unter anderem  beim NoBorder-Camp Straßburg und bei der dokumenta11 in Kassel 2002 und beim Festival der Regionen 2003

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