Albaz: "Reiche wollen aus Russland auswandern"

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Jewgenija Albaz wurde am Mittwoch in Wien gewürdigt.
    foto: ott

    Jewgenija Albaz wurde am Mittwoch in Wien gewürdigt.

Die wirtschaftliche Elite in Russland fürchte sich vor Premier Wladimir Putin und verabscheue dessen Politik der harten Hand, sagte die russische Journalistin Jewgenija Albaz im Gespräch mit Alexander Fanta.

STANDARD: In den Medien wurde viel über einen Machtkampf in Russland zwischen Premier Wladimir Putin und Präsident Dmitri Medwedew spekuliert. Gibt es den?

Albaz: Es gibt einen Machtkampf, aber nicht zwischen Putin und Medwedew persönlich, sondern zwischen den Clans und Interessengruppen rund um die beiden. Die Absetzung des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow zeigt das deutlich. Putin wollte ihn nicht absetzen, er wollte ihn bis zum Ende seiner Amtszeit im Juni 2011 als Bürgermeister behalten. Medwedew fühlte sich aber von Luschkow bedroht. Nun können sich die beiden Clans nicht darauf einigen, wer Moskau regieren soll.

STANDARD: Worum geht es für Medwedew und Putin bei der Frage nach der Nachfolge des Moskauer Bürgermeisters?

Albaz: In Moskau wohnen nicht nur zwölf Millionen Menschen, es fließt auch 80 Prozent allen russischen Geldes in Moskau. Alle wesentlichen Firmen zahlen ihre Steuern in der Hauptstadt. Der Moskauer Bürgermeister ist de facto immer auch die Nummer drei in der politischen Hackordnung Russlands. Putin und Medwedew sind zu einem Kompromiss gezwungen. Sie wollen der Außenwelt zeigen, dass es keinen Konflikt zwischen ihnen gibt. Das ist aber gelogen, es gibt Streit.

STANDARD: Was, wenn einer der beiden etwas ohne Einverständnis des anderen unternehmen würde?

Albaz: Medwedew ist immer noch ziemlich schwach, obwohl er nominell Präsident in einem präsidentiellen System ist. Putin ist in Wahrheit viel stärker. Die Eliten haben Putin jedoch satt. Sie haben Angst vor ihm. Das wissen wenige im Ausland. Verstört hat die Elite nicht nur der Umgang mit (Ex-Ölmagnat Michail, Anm.) Chodorkowski, sondern auch Putins ständige Attacken gegen mittelständische Unternehmer und seine Hilfe für kremlnahe Oligarchen. Darum wächst die russische Exil-Community in London jedes Jahr weiter. Viele Reiche wollen auswandern, sollte Putin noch einmal an die Macht kommen.

STANDARD: Ihr Magazin berichtet häufig über das russische Krisengebiet Tschetschenien. Kann man die Lage dort als stabil bezeichnen?

Albaz: Nein, kann man nicht. Tschetschenien ist in einer gewissen Art kein Teil von Russland. Präsident Ramsan Kadyrow herrscht dort wie ein Sultan, es gibt keinerlei Menschenrechte oder Eigentumsrechte. Er regiert mit eiserner Hand und tötet Menschen, wie es ihm passt. Das konnte man sogar in Österreich beobachten. (Gemeint ist der Fall Israilow, Anm.) Auch die Lage in den Nachbarprovinzen Inguschetien und Dagestan wird instabiler.

STANDARD: Spielt der Konflikt in Tschetschenien auch im Moskauer Führungskampf eine Rolle?

Albaz: Kadyrow steht unter der direkten Kontrolle Putins. Er erkennt die Autorität Medwedews nicht an. Dennoch erhält er uneingeschränkte Unterstützung aus Moskau. Kadyrow herrscht nach den islamischen Scharia-Gesetzen. Das ist in unserer Verfassung nicht vorgesehen. Frauen müssen in Tschetschenien nun Kopftücher tragen. Kadyrow hat völlig freie Hand. Gerüchten zufolge will Putin sogar tschetschenische Guerilla-Kämpfer einsetzen, sollte es Unruhen in Moskau geben.

STANDARD: Ihr Magazin hat immer wieder über Korruption und illegale Handlungen der Staatsmacht berichtet. Wann haben Sie sich zuletzt persönlich vom russischen Staat bedroht gefühlt?

Albaz: Das war gestern (Dienstag, Anm.). Eine meiner Reporter schrieb eine Geschichte über Korruption innerhalb der russischen Sicherheitskräfte in Moskau. Daraufhin bekam ich einen Anruf, dass ein weiteres Strafverfahren gegen unser Magazin eröffnet wird. Das Innenministerium will, dass wir unsere Quellen innerhalb der Behörden bekanntgeben. Ich habe mich natürlich geweigert.

 

 

JEWGENIA ALBAZ (52) ist seit 2009 Chefredakteurin des regimekritischen Magazins The New Times in Moskau. Sie wurde am Dienstag im österreichischen Parlament für ihr Engagement gewürdigt. Geboren 1958 als Tochter eines Ingenieurs und einer Schauspielerin, lernte sie beim Studium an der Moskauer Universität die 2006 ermordete Anna Politowskaja kennen, mit der sie eng befreundet war und zusammenarbeitete. Nach Lehrjahren bei sowjetischen Blättern schrieb sie nach der Wende für Newsweek Russia und finanzierte so ihr Studium an der US-Universität Harvard.

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