Top of the Flops im Wien-Wahlkampf

9. Oktober 2010, 12:14
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"Geile" Politik, "saubere" Kandidaten und Wahlhilfe durch die "Kronen Zeitung" - derStandard.at erstellte eine Liste über die Fehlgriffe im Wahlkampf

Die Wochen des Wahlkampfes sind vorbei. Am morgigen Sonntag geht es darum, ein Kreuzerl am Stimmzettel zu machen. derStandard.at ließ den Wahlkampf noch einmal Revue passieren und hat eine Liste über die Flops erstellt.

Wiener Blut. Die Plakate der FPÖ sorgten zu Beginn des Wahlkampfes für Aufregung. Heinz-Christian Strache und Co. warben mit dem Spruch "Mehr Mut für unser 'Wiener Blut'", Nachsatz: "Zu viel Fremdes tut niemandem gut." Die Grünen kritisierten: "Diese Kampagne ist das Mieseste an Ausländerhetze, was seit langer Zeit in Wien plakatiert worden ist."

ORF-Elefantenrunde. Gleich drei TV-Konfrontationen gab es im Vorfeld der Wahl. Als Verlierer stieg eindeutig der ORF aus. Die Sendung war langweilig, wenig innovativ und brachte auch nichts Neues zu Tage. Erfrischend hingegen waren die Formate auf ATV und PULS4.

Comics. Die FPÖ brachte einen Comic heraus, die SPÖ ebenso. Die Freiheitlichen veröffentlichten in einem Heft "Sagen aus Wien", durch Comic-Elemente ergänzt. Anlässlich der Türkenbelagerung 1683 fordert ein gezeichneter Partei-Obmann Heinz-Christian Strache einen kleinen Buben auf, dem "Mustafa" mit der Steinschleuder eine "aufzubrennen". Die SPÖ stellt in ihrem Comic einen vermummten Müllmann zusammen mit dem Wiener Bürgermeister in den Mittelpunkt, die gemeinsam gegen Nazi-Zombies und einen Androiden mit dem Aussehen von Strache kämpfen. Unterschwellig werden auch Anspielungen auf einen angeblichen Drogenkonsums Straches gemacht. Er reagierte prompt. Der FP-Chef präsentierte Tests, wonach er "sauber" sei.

Arbeitspflicht. Staatssekretärin und ÖVP-Spitzenkandidatin Christine Marek preschte mit dem Vorschlag vor, Arbeitslose sollen gemeinnützige Arbeit verrichten, wenn sie die Mindestsicherung länger als sechs Monate beziehen. Als mögliche Einsatzgebiete nannte Marek Hilfsorganisationen wie die Caritas oder das Hilfswerk, aber auch Rasenmähen oder Straßenkehren.

Geilomobil. Die ÖVP Jugend versuchte einen "geilen" Wahlkampf zu führen. Mit einem "Geilomobil" (ein schwarzer Hummer) tingelten sie von Disco zu Disco, um sich die Stimmen der Jungwähler zu sichern. "Der Wahlkampf wird geil werden, weil jeder weiß in der Jungen ÖVP: Schwarz macht geile Politik, Schwarz macht geile Partys und Schwarz macht Wien geil", sagte Jugendkandidat Sebastian Kurz.

Strachegasse. Die Grünen in Simmering forderten, die nach dem Gastechniker Hugo Strache benannte Strachegasse umzubenennen und brachten einen entsprechenden Antrag - mit Unterstützung der Bezirks-SP - ein. Die Begründung für die geforderte Umbenennung: "Wir wollen nicht, dass der Politiker Strache mit der Gasse in Verbindung gebracht wird. Das hat sich der Bezirk nicht verdient."

HC Rap. Strache kann es nicht lassen: er versuchte sich neuerlich als Rapper. Gangster Rapper sei er keiner, vielmehr Polit-Rapper, betonte er. Im Lied wettert er gegen die regierende SPÖ: "Islamisten auf dem Vormarsch! Minarett samt Muezzin. Das wollen Rote installieren, aber sonst kein Mensch in Wien!"

Grüne Spaltungen. Noch bevor der Wahlkampf richtig losging, schossen sich die Grünen ein Eigentor nach dem anderen. Zuerst kam es zur Abspaltung in Wien-Mariahilf, danach wurde bekannt, dass der Bezirksvorsteher im 8. Bezirk, Herbert Rahdijan, mit einer eigenen Liste kandidieren wird. Zu guter Letzt gab Bundesrat Stefan Schennach bekannt, dass er zur SPÖ wechselt.

"Vorderungen". Die ÖVP-Donaustadt hat in einer ihrer Wahlbroschüren einen Rechtschreibfehler eingebaut, der wehtut. Statt Forderungen formuliert sie "Vorderungen". Ein zweiter peinlicher Fehler ist den Schwarzen bei einem Flyer passiert, der in vier Sprachen Werbung für einen Favoritner VP-Kandidaten mit türkischem Hintergrund machen soll. In Türkisch, Serbisch und Albanisch steht "Geben Sie Ihrem Kandidaten Ihre Vorzugsstimme" drauf, auf arabische jedoch: "Schreiben Sie hierhin den Namen Omar Al-Rawi". Letzterer ist SP-Politiker. Die ÖVP vermutet den Fehler bei der Werbeagentur.

Causa Ekici. Die im Gemeinderat vertretene Integrationssprecherin der Wiener ÖVP, Sirvan Ekici, wird nach der Wahl nicht mehr im Stadtparlament vertreten sein. Sie wurde in der Liste weit nach hinten gereiht und an ihrer Stelle soll Schwimm-Star Dinko Jukic die Stimmen der Migranten holen. Dazu kommt, dass ein "Parteifreund" bei einer Bezirksvertretungssitzung der Währinger ÖVP Ekici als "faule Sau" und "Scheiß-Türkin" beschimpft haben soll.

Abschaffung der Wehrpflicht. Die SPÖ hat sich wenige Tage vor der Wahl jüngste Umfragen noch einmal sehr gut angesehen. Die Mehrheit der Bevölkerung fordert Umfragen zufolge ja die Abschaffung der Wehrpflicht. Und Bürgermeister Michael Häupl fordert nun eine Volksbefragung darüber. Er sagte: "Bei einem so wichtigen Thema muss man die Stimme des Volkes hören". Eigentlich schön, aber warum ist Häupl das gerade sechs Tage vor der Wahl eingefallen? Platziert hat er die Forderung in der "Kronen Zeitung", die wieder einmal Wahlhilfe leistet. (derStandard.at, 9.10.2010)

  • Die JVP war "geil" auf den Wahlkampf.
    foto: övp

    Die JVP war "geil" auf den Wahlkampf.

  • "Volksbefragung zur Wehrpflicht": Häupls Forderung im Wahlkampf-Finish.
    foro: rwh/derstandard.at

    "Volksbefragung zur Wehrpflicht": Häupls Forderung im Wahlkampf-Finish.

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    Ein Android mit dem Aussehen von Heinz-Christian Strache. Nicht nur die FPÖ publizierte einen Comic, auch die SPÖ.

  • Strache-Plakat in der Strachegasse in Simmering.
    foto: rwh/derstandard.at

    Strache-Plakat in der Strachegasse in Simmering.

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    Ex-Grüner Stefan Schennach mit Josef Cap und Josef Ostermayr, seinen neuen Parteikollegen bei der SPÖ.

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