"Tag und Nacht": Wer zahlt, schafft an

7. Oktober 2010, 17:09
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Sabine Derflingers Prostitutions-Film "Tag und Nacht"

Wien - "Gut schaust aus." Den Satz bekommt Lea recht häufig zu hören. Er fällt im Rahmen eines Flirts oder eines Geschäftstermins. Er stiftet Identität und eine gute Verhandlungsbasis. Der Satz ist im Film so etwas wie Kleingeld, ein wenig abgegriffen, immer im Umlauf. Welche größere Ökonomie in der Beziehung zwischen Männern und Frauen herrscht und welcher buchstäbliche Gewinn dabei für letztere zu machen sein könnte, das ist im Film die zentrale Frage: Das sogenannte älteste Gewerbe der Welt wird als ein Geschäft gezeichnet, zu dem sich zwei junge Frauen, Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger), Studentinnen in Wien, aus freien Stücken entschließen.

Tag und Nacht versucht zwischen der melodramatischen Fallgeschichte mit unausweichlich bitterem Ende und der Romantisierung à la Pretty Woman einen dritten Weg. Das Drehbuch stammt von Kamerafrau und Koproduzentin Eva Testor. Aber die beiden Protagonistinnen passen auch gut zu den Heldinnen aus früheren Filmen von Regisseurin Sabine Derflinger: zu den ungleichen Schwestern Katrin und Romy oder zur wilden Evi, die sich in Vollgas mit dem Dilemma zwischen Selbst- und Fremdbestimmtheit herumgeschlagen hat.

Auch für die Schauspielstudentin Lea und die angehende Kunsthistorikerin Hanna spielt die Idee, die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen umzukehren, eine Rolle. Wer zahlt, schafft an - aber auch das Anschaffen wird doch wohl nicht ohne Grund so heißen. Zugleich weiß der Film immer schon um die Tücken eines derartigen Experiments.

Wer am Ende anschafft, ist der Mann, der kassiert (Philipp Hochmair). Dass und auf welche Weise Tag und Nacht die Verhältnisse punktuell spielerisch offenhält, die Frauen einmal triumphieren und dann wieder als Dienstleisterinnen aufschlagen lässt, ist eine der Stärken des Films. Genau wie die nüchterne Inszenierung von Körpern und Sex oder das Herausarbeiten von Ambivalenzen und Graubereichen.

Gerade in den eindeutigsten Zuschreibungen verliert Tag und Nacht an Schärfe: Einmal fährt Lea halb unwillig zur Hochzeit ihrer Schwester aufs Land. Die Frauen dort müssen gleich ein kleines Spektrum an gesellschaftlichen Möglichkeiten abgeben, Varianten von (ökonomischer) Abhängigkeit darstellen. Sie habe nichts gelernt, sei aber immerhin "gut geschieden", sagt eine von ihnen (viel interessanter ist an dieser Stelle die akkurate Ausstattung oder das präzise, dabei ganz selbstverständlich wirkende Spiel von Claudia Martini als Leas Mutter).

Exemplarische Freier

Ähnlich verhält es sich mit dem Reigen der Freier: der Geschäftsmann, der kokst und sich gleich beide Frauen mietet; der ältere Biedermann, der Damenwäsche trägt; oder der Familienvater, der sich Lea für eine schnelle Nummer in den Kaufhauslift bestellt, bevor er Frau und Kinder am Auto wieder trifft - sie wirken sehr vordergründig exemplarisch.

Immer wieder irritieren an Tag und Nacht solche Anflüge von Thesenhaftigkeit. Die stärkste Erkenntnis dieses letztlich unerschrockenen Films bleibt die, dass es kein Modell gibt, in dem die Widersprüche aufzulösen wären. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2010)

Jetzt im Kino

  • Nüchternes Sexgeschäft: Lea (Anna Rot), Kai (Martin Brambach) und Hanna (Magdalena Kronschläger) in "Tag und Nacht".
    foto: mobilefilm

    Nüchternes Sexgeschäft: Lea (Anna Rot), Kai (Martin Brambach) und Hanna (Magdalena Kronschläger) in "Tag und Nacht".

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