"Keine Hetzer wählen!"

7. Oktober 2010, 15:50
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Dino Šoše, Herausgeber des MigrantInnenmagazins Bum, über seine provokante Aktion gegen den FPÖ-Wahlkampf

daStandard.at: Herr Šoše, im Zuge des Wahlkampfes zur Wienwahl haben Sie die Aktion „BUM gegen Rechts!" gestartet. Was wollen Sie mit dieser Aktion erreichen?

Dino Šoše: Das ist ganz einfach: Wir möchten erreichen, dass niemand die FPÖ wählt! Wir wollen, dass unsere LeserInnen keine Hetzer wählen! Was kommt nach dem Wienerblut-Plakat? Nach dem islamophoben Comic? Wir wissen einfach nicht, wie weit die FPÖ noch gehen würde. Wie können wir sicher sein, dass die Hetze der FPÖ nicht zu etwas Schlimmen führt? Nur indem wir nicht die FPÖ wählen! Wir wollen also auf die massive Gefahr, die von der rechtspopulistischen Propaganda der FPÖ ausgeht, aufmerksam machen. Was passiert, wenn nationalistisch-populistische Hetzer zu Massenmörder mutieren, habe ich im Jugoslawienkrieg persönlich miterlebt.

Auf einem der Sujets zur Aktion ist das Schild: "ÖsterreicherInnen wehrt euch! Kauf nicht bei Tschuschen!" zu lesen - eine offenkundige Anspielung auf den "Judenboykott". Ist das nicht etwas zu radikal oder gar geschmacklos, bedenkt man, welche Konsequenzen der Judenboykott für die jüdische Bevölkerung hatte?

Šoše: Ich bin eigentlich kein großer Freund von solchen Analogiebildungen, weil sie bei aller Berechtigung des Vergleichens Gefahr laufen, den Nationalsozialismus und seine Verbrechen - wenn auch ungewollt - zu verharmlosen. Gleichzeitig ist es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit, angesichts der antimuslimischen Kampagnen der FPÖ nicht an die Antisemitischen der Nazis zu denken. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, dieses Sujet für unsere Aktion zu wählen auch wenn wir anfangs noch die Befürchtung hatten, dass es vielleicht als zu heftig empfunden werden könnte.

Die Aktion läuft jetzt seit einiger Zeit, wie sehen die bisherigen Reaktionen aus?

Šoše: Wir haben zu 100 Prozent positives Feedback auf unsere Kampagne erhalten. In der deutschsprachigen online-Ausgabe von Bum sind zum Beispiel die Reaktionen verschiedener PolitikerInnen nachzulesen. Der Tenor: Sie alle begrüßen unsere Initiative, weil sie sich kritisch mit den Kampagnen der Blauen auseinandersetzt.

Gab es denn auch eine Reaktion der FPÖ?

Šoše: Nein, die gab es meines Wissens nach nicht. Aber auch wenn es sie gegeben hätte, wäre sie für uns nicht von Interesse gewesen. Strache selbst wollte vor zwei oder drei Jahren, dass wir ihn für BUM interviewen, aber wir haben abgelehnt und das werden wir auch immer machen.

Es ist im Wahlkampf viel darüber geredet und spekuliert worden, ob WählerInnen mit Migrationshintergrund über den Wahlausgang entscheiden werden. Wie sehen Sie das?

Šoše: Da bin ich mir nicht sicher. Heuer werden WählerInnen mit Migrationshintergrund den Wahlausgang vielleicht noch nicht maßgeblich beeinflussen. Aber in 20 oder 30 Jahren schon eher. Man muss sich nur die demografische Entwicklung ansehen, etwa im Bereich der Geburtenrate. Jene Kinder, die heute in Migrantenfamilien geboren werden, haben in 16 Jahren ein aktives Wahlrecht. Und wir wissen, dass autochthone ÖsterreicherInnen weniger Kinder bekommen als zum Beispiel türkische Frauen.

Wie sieht Ihre Prognose für die Wahl aus?

Šoše: Düster. Ich fürchte, dass die FPÖ auf über 20 Prozent kommen könnte, was vor allem zwei Gründe hat. Erstens steht mit der "Kronen Zeitung" das meistgelesene Blatt des Landes eindeutig hinter der FPÖ und zweitens haben der amtierende Bürgermeister Häupl und seine Partei den Fehler begangen, sich auf das von Strache ausgerufene „Duell um Wien" einzulassen. Der Wahlkampf wirkte streckenweise dann tatsächlich wie ein Fight zwischen Häupl und Strache, was der FPÖ einen Zuwachs an Stimmen bringen könnte, wie ich befürchte. (Meri Disoski, daStandard.at, 07. Oktober 2010)

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    foto: bum
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