"Wenn wir die Probleme hier lösen, lösen wir sie in ganz Wien"

7. Oktober 2010, 14:17
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In Rudolfsheim-Fünfhaus gibt es viele Konflikte - ÖVP und Grüne wollen bei der Wahl dazugewinnen

Wettlokal reiht sich an Wettlokal, sobald es dunkel wird, stehen leicht bekleidete Frauen am Straßenrand und bieten Sexdienste an. Viele Geschäftsräume stehen leer. Der fünfzehnte Bezirk ist nicht gerade das Aushängeschild von Wien. Auf nur 3,68 Quadratkilometer treten die Themen des Wahlkampfes in Rudolfsheim-Fünfhaus geballt auf. Jeder zweiter Bewohner hat Migrationshintergrund, das durchschnittliche Einkommen liegt bei 15.800 Euro pro  Jahr und ist damit das niedrigste in ganz Wien. 

Während der Wiener Wahlkampf sich vor allem um das „Duell" zwischen SPÖ und FPÖ dreht, versuchen hier auch Grüne und ÖVP mehr Boden zu bekommen. Die Grünen haben eine bessere Ausgangslage als die Volkspartei: Sie sind auf Platz zwei, während die Schwarzen bei den Wahlen 2005 nur den vierten Platz ergattern konnten.

Grünes "Herzensthema" Armut

Birgit Hebein, Spitzenkandidatin der Grünen im Bezirk, ist ausgebildete Sozialarbeiterin. Früher hat sie am Westbahnhof mit Obdachlosen und Drogenkranken gearbeitet. Sie hat dort gemerkt, dass der „Kreislauf" kein Ende nimmt und wollte an den Strukturen etwas ändern, deshalb ging sie in die Politik. Ihr „Herzensthema" ist die Armut im Bezirk, wie sie sagt. „Die Familienarmut ist in den letzten Jahren um 25 Prozent gestiegen. Was das bedeutet, merkt man, wenn man Hausbesuche macht", erzählt sie. 

Bei ihren Hausbesuchen, weiß sie nie, wer die Tür aufmacht. Bei den Gesprächen mit den Bewohnern stößt sie auf ihre bezirkspolitischen Themen. „Jugendliche haben Angst davor, in die Schule zu gehen. Sie werden von österreichischen und türkischen Jugendlichen gepflanzt. Sie haben mir dann gesagt, dass sie den Strache wählen werden, weil dann zumindest die türkischen Jugendlichen abgeschoben werden", erzählt Hebein. Im Gespräch hätte sie gemerkt, dass die Schüler keinen Ansprechpartner haben. „Sie werden alleingelassen", so die Grüne. Die Lösung sind für sie Schulsozialarbeiter und die hat sie trotz anfänglichen Widerstandes der SPÖ durchgesetzt. Bisher gibt es allerdings nur drei Schulsozialarbeiter für alle Schulen im Bezirk.

Für Roman Adametz, Kandidat der ÖVP, ist die Vielfalt das, was den Bezirk ausmacht. „Man muss aber auch ältere Menschen verstehen, die mit den verschiedenen Kulturen nicht zurecht kommen", sagt er. Die Migranten hätten auch Pflichten, an die sie sich halten müssten, so Adametz. Der ehemalige Chef des Leuchtmittelherstellers Osram Österreich ist in Rudolfsheim-Fünfhaus geboren und hat dreißig Jahre lang im Bezirk gelebt. Heute wohnt er in Liesing. „Man kann die Wurzeln nicht kappen", erklärt er sein Engagement für den fünfzehnten Bezirk.

Parkpickerl für Anrainer

Ihm sind vor allem die leeren Geschäftslokale und die mangelnden Parkplätze ein Dorn im Auge. Adametz will ein Parkpickerl für Anrainer, sie sollen bevorzugt Parken dürfen. Auf der Fahrt durch den Bezirk zeigt er aufgebracht auf alle Kennzeichen die nicht aus Wien stammen: Autos mit niederösterreichischen Kennzeichen reihen sich an jene aus Deutschland oder Polen. 

Während der ÖVPler den Bezirk auf einer Autofahrt vorstellt, geht die grüne Spitzenkandidatin lieber zu Fuß. Ihr Rad lässt sie derweil vor einem Café auf der äußeren Mariahilfer Straße, in das sie besonders gerne geht, stehen. Drinnen kennt man sie bereits. „Das Foto am Plakat von Ihnen ist besonders schön geworden", lobt die Besitzerin des Cafes.

"Grätzelzentren" als Lösung von sozialen Konflikten

Am Weg durch den Bezirk zeigt Hebein ein Glücksspiellokal, das sie am liebsten in ein „Grätzelzentrum" umwandeln würde. „Man kann in Nachbarschaft investieren, indem man Orte schafft, wo sich Menschen begegnen. Wir wollen im Fünfzehnten überall Grätzelzentren einrichten. Das sollen ganz niederschwellige Stellen sein, bei denen Menschen das machen können, was ihnen taugt. Angefangen vom Kochkurs bis zu gemeinsamen Überlegungen, wie man den Bezirk gestalten kann", sagt sie. Zudem gäbe es im Bezirk viel zu viele Glücksspiellokale, in denen sich Jugendliche in Schulden stürzen würden. Sie verlangt, dass die Bezirksparteien bei der Konzessionsvergabe für diese Lokale ein Mitspracherecht haben.

Straßenstrich: Gescheitertes Pilotprojekt

Bei einem Thema sind sich Grüne und ÖVP einig: Die Zone für Sexarbeiterinnen, die als Pilotprojekt im Bezirk eingeführt wurde, war eine schlechte Idee. „Das Ergebnis ist, dass die AnrainerInnen in den Zonen - zurecht - kopfstehen. Die Sexarbeiterinnen werden in Seitengassen verdrängt und müssen Strafen bis zu 700 Euro zahlen. Man muss Laufhäuser forcieren und die AnrainerInnen dabei mit einbeziehen", schlägt Hebein vor. Auch Adametz ist für „Bordelle, oder Laufhäuser, wie man heute sagt". Der Lärm durch den Straßenstrich sei für die Bewohner untragbar.

Die Politik der ÖVP würde sich aber insofern abgrenzen, als dass sich die Grünen vor allem um die „Liebesdienerinnen" kümmern würde. „Mir geht es um die Bevölkerung", so Adametz. Zudem würden sich die Grünen vor allem der Armut annehmen und die ist für den Konservativen kein Thema für Bezirkspolitik. „Das soll im Landtag oder im Nationalrat behandelt werden", so der Bezirkspolitiker. Die Grüne wiederum findet, dass die ÖVP im Bezirk nicht besonders präsent ist. „Ich glaube, das ist nicht ihr Revier", sagt Hebein.

"Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir die Probleme im Fünzehnten lösen, dann lösen wir sie auch in ganz Wien. Von Prostitition, bis zu Auswirkungen der Armut, Wettbüros, soziale Konflikte im öffentlichen Raum", so die Grüne.

Die ÖVP will kaufkräftigere Bewohner

Tatsächlich merkt man auf der Fahrt durch den Bezirk mit Adametz, dass er mit der Bevölkerungsstruktur nicht sehr zufrieden ist. „Es gibt viele Mietwohnungen und wenig Eigentumswohnungen, dadurch lebt nicht sehr viel zahlungskräftiges Publikum im Bezirk", sagt er. Das Nibelungenviertel präsentiert er als „den bürgerlichen Teil" von Rudolfsheim-Fünfhaus. Er erhofft sich durch den Bau von neuen Wohnungen mehr Kaufkraft im Bezirk. „Früher hat es drei florierende Einkaufsstraßen gegeben", erzählt Adametz. Heute sei beispielsweise die Reindorfgasse, in die er früher mit seiner Mutter einkaufen gegangen sei, wie ausgestorben.
Ein weiteres Problem für beide Oppositionsparteien sind fehlende Grünflächen. Die Grünen haben die Bepflanzung selbst in die Hand genommen und betreiben Guerilla-Gardening. In den kleinen Beeten rund um die Bäume am Schwendermarkt haben sie Samen gesetzt, gegossen wird das Beet von den Bewohnern der umliegenden Häuser.

Wahlwerbung bei Polen

Der ÖVP-Spitzenkandidat hat sich als Wahlziel gesetzt, nicht mehr Vierter sein zu wollen. Wie er das schaffen will? „Mit mehr Mandaten", sagt er und lacht. In den letzten zwei Wochen sei er regelmäßig auf der Straße gestanden und hätte Wahlwerbung gemacht. Zudem hat er versucht, polnische und deutsche Staatsbürger, die dank EU-Recht auf Bezirksebene wählen dürfen, von sich zu überzeugen. „Das sind 2.000 Menschen und Daumen mal Pi drei Mandate", sagt er.

Hebein blickt dem Wahlsonntag zuversichtlich entgegen. „Ich glaube, dass die Arbeit der Jahre bei den Leuten ankommt. Wir waren die einzige grüne Bezirksgruppe, die bei den letzten Nationalratswahlen dazugewonnen hat. Ich glaube die Menschen schätzen es, wenn man für sie konkret etwas macht und eine gerade Haltung einnimmt", sagt sie. Sie will Zweite bleiben. (Lisa Aigner, derStandard.at, 7.10.2010)

  • Der Meiselmarkt soll für ein Jahr wegen Umbaus teilweise geschlossen werden, die Standler müssen nach draußen ausweichen - Das wäre ein Kappen der "Hauptschlagader des Bezirkes", meint ÖVP-Bezirkspolitiker Adametz.
    foto: derstandard.at/aigner

    Der Meiselmarkt soll für ein Jahr wegen Umbaus teilweise geschlossen werden, die Standler müssen nach draußen ausweichen - Das wäre ein Kappen der "Hauptschlagader des Bezirkes", meint ÖVP-Bezirkspolitiker Adametz.

  • Birgit Hebein von den Grünen zeigt den Radweg in der Reindorfgasse, den sie durchgesetzt hat.
    foto: derstandard.at/aigner

    Birgit Hebein von den Grünen zeigt den Radweg in der Reindorfgasse, den sie durchgesetzt hat.

  • Viele Geschäftslokale stehen leer, Straßenzüge sterben aus, kritisiert Adametz.
    foto: derstandard.at/aigner

    Viele Geschäftslokale stehen leer, Straßenzüge sterben aus, kritisiert Adametz.

  • Hier will Hebein ein Grätzelzentrum einrichten - Glücksspiellokale gäbe es schon mehr als genug.
    foto: derstandard.at/aigner

    Hier will Hebein ein Grätzelzentrum einrichten - Glücksspiellokale gäbe es schon mehr als genug.

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