Fang das Licht

7. Oktober 2010, 17:02
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Durch Central Otago führt ein Radwanderweg, auf dem sich das alte Goldgräberland und seine Cowboys entdecken lassen. Ingo Petz trat in die Pedale

Wie ein narbiger, knotiger Teppich entrollt sich das grasgrüne Maniototo-Tal, durchzogen von Bächen und Kanälen, eingerahmt von schroffen goldbraunen Hügeln und orangegrauen Bergen. Darüber der Himmel der Dämmerung. Weit und breit kein Mensch, nur der Wind, die Hitze und ein paar Schafe, die aus der Ferne betrachtet wie dicke Baumwollflocken ausschauen. Das ist sie also - die neuseeländische Seele: Central Otago. Land der Farmer, Region der Riesen-Steaks und Heimat einer Spezies Mann, von denen man im Espresso-süchtigen Städte-Neuseeland mit Ehrfurcht spricht.

"Natürlich bin ich ein richtiger Cowboy", raunt Stuart Duncan, Nussknacker-Kinn und Schrank-breite Schultern, und man glaubt ihm das gern. Stuarts Haut ist ledern und rotbraun von der Arbeit auf den Weiden und Hängen. Seine Hände sind groß. Seine Waden gewölbt wie kleine Spoiler. Stuarts Reichtum ist viel Land, sehr viel Land und viele Schafe; mehr als 11000 besitzt er. Seine Familie lebt im kleinen Wedderburn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, als hier im Süden der Südinsel die ersten Siedler landeten. Angelockt vom Ruf des Goldes, das seit den 1840ern gefunden worden war und 1861 einen gewaltigen Goldrausch auslöste, der zwei Jahre lang Europäer, Chinesen, Australier und Amerikaner ans Ende der Welt zog.

"Damals waren die Flüsse gelb vor Gold", wird Sean Doyle, ein Geologe, der im Otago heute nach Goldvorkommen sucht, zu einem späteren Punkt dieser Reise sagen. Einige Siedler blieben und machten aus dem abgelegenen wild-kargen Landstrich zur Fleisch-, Wolle- und Obstkammer des Landes. Die Geschichte seiner Familie und der von Wedderburn, wo heute etwa 30 Seelen leben, hat Stuart in einer kleinen roten Holzscheune ausgestellt und dokumentiert. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos blickt man in ausgemergelte, gespenstergleiche Gesichter. Damals war das Leben in Otago kein Spaß. Heute ist das anders. Stuart strahlt und lacht. Der Grund für seine gute Laune hat einen Namen: Otago Rail Trail.

Der Radwanderweg führt entlang der alten Central-Otago-Eisenbahnlinie, durch Schluchten, Täler und Tunnel, über Hügel, entlang von Flüssen wie dem Taieri, dem drittgrößten Fluss des Landes, und vorbei an den all den Käffern, die die Zeit zu vergessen haben scheint. 152 Kilometer ist er lang, mitten durch das mystische Herz der Südinsel, wo man tolle Landschaften, eine Menge Geschichte und bizarre Menschen trifft.

In Otago, sagt man, sei Neuseeland noch so, wie es einst mal war: ungehobelt, rau - und natürlich hart, aber herzlich. Rund dreieinhalb Tage braucht ein normal trainierter Radler für die Strecke, ausgehend von dem Mini-Städtchen Middlemarch nach Clyde, das 1907 als letzte Station an die Bahn angeschlossen wurde. Die Strecke war bis dahin über 16 Jahre lang in Hügel, Berge gesprengt und geschlagen worden, um Otago über Dunedin mit dem Rest des Landes zu verbinden. Als immer mehr Autos und Lkws aufkamen, Benzin und Diesel billig waren, verlor die Eisenbahn als Transport- und Reisemittel ihre Bedeutung. 1990 wurde sie stillgelegt. Heute ist nur noch die Strecke zwischen Dunedin und Middlemarch als Touristenattraktion in Betrieb. Die restlichen Gleise wurden abmontiert. Auf der Suche nach Arbeit zogen viele Menschen in die Städte. Dörfer und Farmen verwüsteten. Nur die kleinen Bahnhöfe, Unterstände, Haltestationen und Scheunen blieben in der erschlagenden Leere zurück.

"Ohne den Rail Trail wäre diese strukturschwache Region heute nahezu menschenleer", sagt Stuart. "Die ganze Region ist durch den Trail wieder zum Leben erwacht." Dann zeigt Stuart mit seinem muskulösen Arm auf das alte Farmhaus, das er für seine Gäste hergerichtet hat und auf die fünf schicken Holzhütten, die er in den Hang mit ausladendem Blick ins Tal gebaut hat. "Von denen will ich mir noch zwei bauen. Das reicht. Otago soll ja kein Ort für Massentourismus werden. Unsere Ruhe wollen wir hier auch künftig genießen." Die Arbeit als Gastgeber und Farmer geht bei Stuart Hand in Hand.

2000 wurde der Otago Rail Trail offiziell eröffnet. Verwaltet wird er von einer Stiftung und dem Departement of Conservation. Seitdem wurden Wege ausgebaut, Informationsschilder aufgestellt, Rastplätze gebaut, Unterkünfte, Cafés, Restaurants eröffnet. Viele der historischen Pubs, Hotels und Postämter sind wieder mit Leben gefüllt. Jedes Jahr kommen mehr und mehr Radler. Bis dato sind es aber vor allem Neuseeländer. Unter internationalen Touristen ist der Trail noch recht unbekannt. Als im März 2007 ganze 714 Gäste im Lion Hotel von Ranfurly übernachteten, sagte Besitzer Dave Weyer einer Zeitung: "Zum ersten Mal seit 25 Jahren habe ich wieder das Wort Stress gehört. Normalerweise gibt es das bei uns nicht."

Art déco in neuem Glanz

Die Legende erzählt, dass es vor allem die Otago-Frauen waren, die ihre skeptischen Männer von der Idee des Radweges überzeugt haben. "Ja, das stimmt", sagt David Mcatamney, ein Farmer aus Ranfurly, der bis vor ein paar Jahren einer der bekanntesten Opernsänger Neuseelands war. "Auch meine Frau Edna musste mich ganz schön bereden. Wir Farmer und Landeier kommen doch nur schwer damit klar, wenn Fremde durch unseren Garten spazieren. Wir haben die Idee sogar belächelt. Touristen bei uns? Was sollen die denn hier? Radfahren? Lächerlich, haben wir gehöhnt. Nun läuft alles, und ich bin froh, dass unsere Frauen klüger waren als wir." Das Ehepaar setzte sich auch für die Wiederherstellung des Art-déco-Erbes der 800-Einwohner-Stadt ein. Die Gebäude erstrahlen nun wieder in den schönsten Pastelltönen. In der grellen Sonne wirkt das 1898 gegründete Ranfurly wie ein mexikanisches Dorf in einem Western.

Die Stadt erreicht man am dritten Tag der Tour, nachdem man von Wedderburn kommend hinab ins Maniototo-Tal geprescht ist, die Sonne im Nacken, das Krachen des Schotters in den Ohren, der Duft des Grases in der Nase.

In den Pubs und Raststätten entlang des Trails trifft man Familien, Paare zwischen 30 und 45 und vor allem Rentner. Nur selten wird man von einem dieser hyperfitten, sportfanatischen Neuseeländer überholt. Einem selbst bläst der heiße Wind wie ein Fön ins Gesicht. Das Herz schlägt wie ein alter Dieselmotor, die Schafe verziehen sich in den Schatten unter die knöchrigen Bäume, bewegen ihre malenden Mäuler in Zeitlupe, und man wird das Gefühl nicht los, dass sie einen mitleidig anschauen. Die Beine sind schwer. Das Pausenbier in Chatto Creek, einer der ältesten Kneipen Neuseelands am Fuße des Tiger Hill, bremst Muskeln und Willen. Belohnt wird man schließlich mit einem weiteren kühlen Bier in der formidablen Tiger Hill Lodge von der wunderbaren Farmersfrau Gwenyth White und einer famosen Aussicht auf die orange-braunen Dunstan Mountains. Die hatte wohl auch der aus Otago stammende Dichter Brian Turner im Blick, als er schrieb: "Nur die Berge wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, und das wird geschehen, wenn wir verschwunden sind."

Man muss sich viel Zeit nehmen, die unscheinbaren Wunder am Wegesrand zu entdecken. Wie etwa die alte grüne Lagerstation in Wedderburn, die wie ein Monument an eine vergangene Zeit an einem ins Nichts laufendem Gleis steht. Das mag sich seltsam anhören, aber das trostlose Gebäude ist eines der Höhepunkte des Trails. Der neuseeländische Maler Grahame Sydney hat das Gebäude 1975 auf einem seiner Bilder verewigt, überwölbt von einem grauen Himmel und umweht von einer tiefen Traurigkeit. Sydneys ikonenhafte Bilder, die als Drucke in vielen neuseeländischen Haushalten hängen, zeigen häufig die verwitterten Briefkästen, Pubs und Stromleitungen Otagos, die sozialen und ökonomischen Veränderungen durch den Wegfall der Eisenbahn dokumentierend.

Sydney, so sagen die Einheimischen, habe Otago ein Gesicht, eine Identität, eine Geschichte gegeben. Auf der Sonnenveranda seines Hauses nahe des einstigen Goldgräberstädtchens Saint Bathans, sagt der Künstler, dass er nicht daran gedacht habe, Otago eine Identität zu geben. "Ich liebte die Eisenbahn in Otago. Außerdem hatten all diese von Menschenhand geschaffenen Überbleibsel für mich etwas unglaublich Pathetisches und Poetisches, so wie sie da in dieser wunderschönen Natur vor sich hin gammelten." Was hatte Stuart doch gleich gesagt? "Mit dem Rail Trail haben die Menschen begonnen, sich für ihre Geschichte zu interessieren und ihre Denkmäler zu pflegen.

Neuseeland hat eine sehr junge Geschichte. Aber Otago war von Anfang an dabei. Die Erinnerung daran muss man bewahren. Seitdem das passiert, erblüht unsere Heimat wieder." In Wedderburn haben die Einheimischen das berühmte Gebäude sogar wieder an seinen ursprünglichen Platz geholt - in einer gemeinschaftlichen Kraftanstrengung. Vor ein paar Jahren, als die Lagerhalle noch ein einfacher, ziemlich heruntergekommener Schuppen ohne Bedeutung war, war sie an einen Farmer in der Nähe von Dunedin verkauft worden. Nun steht der grüne Stall wieder in Wedderburn. Er ist zu einem Symbol für eine wundersame Wiederauferstehung geworden. Von jedem Radler oder Wanderer wird die Halle passiert und von vielen fotografiert und mit bestaunt - als sei sie der Kölner Dom oder das Kolosseum in Rom. Schönheit kann viele Gesichter haben. (Ingo Petz/DER STANDARD/Rondo/08.10.2010)

Soeben erschienen: Ingo Petz: "Kiwi Paradise. Reise in ein verdammt gelassenes Land", 344 Seiten im Verlag Droemer/Knaur, 8,99 Euro

 

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