"Das kann man sich nur mit Studierenden erlauben"

7. Oktober 2010, 12:00
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Unerlaubte Wartezeiten behindern ein Drittel der Studenten, kritisieren die ÖH-Chefs Sigrid Maurer und Thomas Wallerberger

UniStandard: Wie viele Studierende betrifft das OGH-Urteil, wonach es nicht zu Studienzeitverzögerungen kommen darf?

Maurer: Es sind sicher ein Drittel der Studierenden betroffen.

UniStandard: In welchen Fächern kommt es zu Verzögerungen?

Wallerberger: Der Anlassfall war an der Med-Uni in Graz, aber es sind ganz verschiedene Studienrichtungen betroffen - denn die meisten haben Kapazitätsprobleme. In Politikwissenschaften könnte so gut wie jeder klagen.

Maurer: Verschärfend kommt hinzu, dass durch die fehlgeleitete Bologna-Umstellung in vielen Studienrichtungen starke Sequenzierungen gemacht wurden. Es gibt nicht zwangsweise zu wenige Lehrveranstaltungen, das Problem sind die Verkettungen. Die sind oft absurd und hängen inhaltlich überhaupt nicht zusammen. Man muss beispielsweise "Statistik I" machen, um "Einführung in die österreichische Politik" besuchen zu können. Doch im Uni-Gesetz steht, dass man Verkettungen nur machen darf, wo es inhaltlich notwendig ist.

UniStandard: Was wird sich für die Studierenden durch den OGH-Beschluss nun ändern?

Maurer:Es ist ja kein Wahnsinns-Urteil. Da steht drinnen: Ja, was im Gesetz steht, stimmt tatsächlich, und die Universitäten müssen sich daran halten. Das ist sinnbildlich für den Umgang mit den Studierenden. Man tut so, als müsste man sich nicht um solche Dinge kümmern. Das kann man sich nur mit Studierenden erlauben.

UniStandard: Den Schadensersatz für die Studienzeitverzögerung müsste dann der Staat zahlen ...

Maurer: Ja, er muss haften, aber die Situation ist absurd: Zuerst finanziert der Staat die Lehrveranstaltungen nicht. Wenn er dann geklagt wird, kann er sich aber wieder damit herausreden, dass er den Unis zu wenig Geld gegeben hat (der OGH-Beschluss schränkt die Haftung bei "massiven wirtschaftlichen Gründen" ein. Anm., siehe Wissen unten).

UniStandard: Ihr ruft die Studierenden auf, sich zwecks weiterer Klagen an euch zu wenden, wie viele haben sich bereits gemeldet?

Wallerberger: Fast 150. Wir werden in den nächsten Monaten mit weiteren Fällen zu Gericht gehen.

UniStandard: Wie steht ihr zu Wissenschaftsministerin Karls Gebühren-Vorschlag?

Wallerberger: Der jüngste Vorschlag zu den Prüfungstaxen wurde nicht einmal von der Rektorenkonferenz positiv aufgenommen.

Maurer: Es gibt kein Modell, wo wir sagen könnten, das wäre besser oder schlechter. Studiengebühren wirken immer sozial selektiv. In sämtlichen Studiengebühren-Modellen wird außerdem die KonsumentInnen-Idee unterstrichen. Wir sind aber an der Uni Kolleginnen und Kollegen und keine Kundinnen und Kunden.

UniStandard: Stichwort Budgetverhandlungen - setzt sich Karl genügend für die Hochschulen ein?

Maurer: Sie setzt sich überhaupt nicht ein. Sie ist Teil der Partei, die beide Ministerien - das Wissenschafts- und das Finanzministerium - hält, und sie tut trotzdem so, als hätte sie mit all dem nichts zu tun.

Wallerberger:  Aus unserer Sicht ist sie die Gehilfin des Finanzministers und traut sich nicht, ihren Parteifreund anzugehen.

Maurer: Sie redet dauernd von Umverteilung. Wenn die ÖVP von Umverteilung redet, ist das prinzipiell unglaubwürdig. Aber dann sollte sie doch ernsthaft darüber nachdenken und zu einem Zeitpunkt umverteilen, zu dem es sich die Leute leisten können, höhere Steuern zu zahlen. Das immer direkt an das Studium zu koppeln ist absurd, vor allem weil immer die gesamte Gesellschaft davon profitiert, dass jemand studiert, und nicht nur die, die tatsächlich studieren. In die Krankenkasse zahlen auch alle ein, obwohl nicht alle krank werden.

UniStandard: Warum will die ÖVP nicht mehr in die Unis investieren?

Maurer: Die bürgerliche Elite hat Angst davor, dass plötzlich alle höher gebildet sein könnten und sie ihre Machtposition verliert.

UniStandard: Wie ist die Gesprächsbasis zwischen der ÖH und Beatrix Karl?

Maurer: Professionell.

Wallerberger: Wir werden nicht Freundschaft schließen.

(Stefanie Preiner, Astrid-Madeleine Schlesier, Tanja Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2010)

SIGRID MAURER (25) ist seit Juli 2009 im ÖH-Vorsitzteam (Grüne und Alternative Studierende), davor hat sie Politikwissenschaft in Innsbruck studiert.

THOMAS WALLERBERGER (23) ist seit Juli 2009 im ÖH-Vorsitzteam (Fraktion engagierter Studierender) und studiert Soziale Arbeit an der FH Campus Wie

  • Thomas Wallerberger und Sigrid Maurer wollen den Staat in die Pflicht nehmen: Er muss dafür sorgen, dass die Unis genügend Kurse anbieten und die Studenten nicht warten lassen.
 
    foto: standard/cremer

    Thomas Wallerberger und Sigrid Maurer wollen den Staat in die Pflicht nehmen: Er muss dafür sorgen, dass die Unis genügend Kurse anbieten und die Studenten nicht warten lassen.

     

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