Musikrundschau, umfrisiert

7. Oktober 2010, 17:09
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Neue Alben von Neil Young, Paul Smith, Cyndi Lauper, No Age, Someone Still Loves You Boris Yeltsin und MF Doom

NEIL YOUNG
Le Noise
(Warner)
Der Titel des neuesten Albums des grummeligen Altmeisters ist ein Wortspiel mit dem Namen seines Produzenten. Daniel Lanois, der kanadische Spezialist für flächige, verhallte und manchmal dem atmosphärischen Kitsch zugeneigte Produktionen zwischen U2, Bob Dylan oder Coldplay, hat den hinlänglich bekannten, üppig verzerrten Gitarrensound Neil Youngs mit allerlei innovativer Studio- und Tonabnehmertechnik auffrisiert. Dies ermöglicht es Neil Young, sozusagen live und solo im Studio in einen künstlerisch nicht durchwegs zufriedenstellenden Dialog mit sich selbst zu treten. Das klingt dann mitunter, als ob hier einer im Gitarrengeschäft diverse Effektgeräte ausprobiert und nebenher alte Songs von seiner Stammband Crazy Horse mit neuen Liedtexten auf Demotape-Basis zu reanimieren versucht. Das Schlagzeug fehlt. Youngs Stimme wird immer dünner. Das Stück "Hitchhiker" allerdings, in dem Young auf seine veritable Drogenkarriere zurückblickt, das hat schon was.

PAUL SMITH
Margins
(Universal)
Der Sänger der britischen Band Maximo Park hat sich nach dem zackigen Start im Zeichen eines modernen Modtums im Sinne Pete Townshends und tiefem künstlerischen Fall seiner Stammformation solo nun etwas zurückgenommen. Statt der Rampensau auf Open-Air-Festivals setzt es auf Margins vergleichsweise besonnenes Songwritertum mit der Tendenz zur Nachdenklichkeit. Gitarren zirpen, statt zu brettern, das Schlagzeug wird mit Besen gestreichelt, der Bass rumpelt gemütlich. Das wird zwar niemanden interessieren, aber wen interessiert heutzutage schon noch etwas.

CYNDI LAUPER
Memphis Blues
(Downtown)
Mit ihren alten Hits "Girls Just Wanna Have Fun" und "Time After Time" hat die schrille New Yorker Aids-Aktivistin bis heute gut 25 Millionen Tonträger verkauft. Dieses Back-to-the-roots-Album wird zu ihrem Ruhm nichts Neues beitragen können. Trotz Gästen wie Johnny Lang, B. B. King oder Charlie Musselwhite ist es nicht schön, wie hier im Zeichen des Blues gekrächzt und hysterisch gekiekst wird, was das Zeug hält. Eines der unglaubwürdigsten Alben seit langer Zeit.

NO AGE
Everything In Between
(Sub Pop / Trost)
Das Duo aus Los Angeles produziert auch auf seinem neuen Album angenehm lärmigen Punk zwischen Kunst, Beton, Gib-Gummi und Beach Boys. Der Schlagzeuger wütet, der Gitarrist lässt sein Instrument kreischend rückkoppeln und hackt Riffs aus dem Lehrbuch von Iggy & the Stooges. Wenn jetzt auch noch die Songs halten würden, was der energetische Ansatz verspricht, wäre das eine tolle Platte.

SOMEONE STILL LOVES YOU BORIS YELTSIN
Let It Sway
(Polyvinyl Records)
Das Quartett aus der Heimatstadt der Simpsons spielt sympathischen gitarrenlastigen und melodieverliebten Gitarrenpop, der allerdings in der Welt sein Alleinstellungsmerkmal noch nicht gefunden hat. Wer Weezer und Lalelu mit zünftiger Rhythmussektion gern hat, Leute, das ist eure Zweit- oder Drittband.

MF DOOM
Expektoration
(Cold Dust)
Der verdiente US-Rapper arbeitete schon mit Danger Mouse oder Madlib. Was ihn allerdings dazu treibt, ein liebloses Livealbum zu veröffentlichen ... Schwamm drüber. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2020)

 

  • Neil Young versucht auf seinem neuen Album "Le Noise" krachige Rocker solo zu interpretieren.
    foto: warner

    Neil Young versucht auf seinem neuen Album "Le Noise" krachige Rocker solo zu interpretieren.

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