Salzburg erprobt "intelligente Straße"

6. Oktober 2010, 19:03
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Autos liefern Daten - Mit den so in Echtzeit erfassten Verkehrsströmen steuern Zentralcomputer Ampelanlagen - Ergebnis: weniger Stau, weniger Umweltbelastung

Salzburg - Das Prinzip klingt so einfach, dass man sich als Laie wundert, warum das System nicht längst weltweit in Betrieb ist: Ein an den Bordcomputer von Kraftfahrzeugen angeschlossenes Modul übermittelt die im Pkw oder Lkw ohnehin vorhandenen Daten via Handy-Netz alle 15 Sekunden anonym an einen Zentralcomputer. Dieser wiederum stellt die Daten - Position, Geschwindigkeit, Temperatur, Kilometerstand und vieles mehr - beispielsweise einem Verkehrsrechner zur Verfügung. Nach den so in Echtzeit erfassten Verkehrsströmen werden Ampelanlagen so geschaltet, dass Wartezeiten verkürzt werden und ein Stau erst gar nicht aufkommt.

Das System trägt den sperrigen Titel "Fahrzeug-Echtzeitdaten-Management" und wurde von der Firma AMV-Networks aus dem oberösterreichischen Ranshofen zur Serienreife gebracht. Ab kommendem Jahr soll gemeinsam mit dem Land Salzburg ein Pilotprojekt gestartet werden. Vorerst werden 200 Fahrzeuge aus dem Bereich der Landesverwaltung mit dem Datenerfassungssystem ausgerüstet, heißt es aus dem Büro des Verkehrsreferenten der Landesregierung Wilfried Haslauer (ÖVP). Nicht viel angesichts der von AMV-Networks veranschlagten 10.000 Fahrzeuge, die notwendig wären, um die Verkehrsströme im Großraum Salzburg vollständig zu erfassen.

Der Teufel liegt im technischen Detail - und beim Geld. Etwa elf Millionen Euro wären notwendig, wollte man den Großraum Salzburg flächendeckend zur Modellregion machen. Zu viel, heißt es beim Land. Und: Derzeit wäre man nicht in der Lage, alle Ampeln über den zentralen Verkehrsrechner anzusteuern. Dies wäre erst irgendwann "zwischen 2013 und 2015" der Fall. Jährlich investiere Salzburg in neue Ampelsteuerungen rund 500.000 Euro.

Trotzdem will das Land Salzburg beim neuen System dabei sein. Dieses soll mit anderen Daten, die man derzeit von fix installierten Anlagen beziehe, vernetzt werden, um die Verkehrsströme besser steuern zu können.

Die Entwickler bei AMV-Networks sind da schon ein paar Gedankensprünge weiter. Geschäftsführer Raimund Wagner argumentiert, dass die in Echtzeit erfassten und übermittelten Daten das gesamte Verkehrssystem Richtung "intelligente Straße" revolutionieren könnten. Beispielsweise könne man nach den erfassten Temperaturen den Winter- und Streudienst effizienter einsetzen. Auch für den Verkehrsfunk wären die Daten verwertbar.

Werden die Informationen zumindest teilweise fahrzeugbezogen übermittelt und verwertet, könne man auch ein kilometerabhängiges Versicherungssystem aufbauen; eine City-Maut oder Parkgebühren könnten so ebenfalls verrechnet werden. Nicht zuletzt argumentiert Wagner auch mit der Reduktion von Emissionen. Bis zu einem Viertel weniger CO2 und bis zu einem Viertel weniger Feinstaub würden durch weniger Staus erreicht werden.

Neben Salzburg sei man auch mit Graz im Gespräch, berichtet Wagner. Hier könnte das System mit den geplanten Umweltzonen verbunden werden. Motto: Wer sein Auto mit dem Echtzeitdaten-Management ausstattet und der Gemeinschaft Daten liefere, darf auch mit seinem alten Stinker in die Zone fahren. (Thomas Neuhold, DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2010)

  • Salzburg im Dauerstau. Jetzt sollen über zentral gesteuerte Ampelanlagen die Verkehrsströme optimiert werden.
    foto: wild & team

    Salzburg im Dauerstau. Jetzt sollen über zentral gesteuerte Ampelanlagen die Verkehrsströme optimiert werden.

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