Das große Glück im Schrott

6. Oktober 2010, 18:12
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Die Performance-Reihe von "Push and Pull" im Tanzquartier und im Mumok

Wien - Es war ein Coup zur Eröffnung der neuen Spielsaison im Tanzquartier und zu dessen Gemeinschaftskuratierung Push and Pull mit dem Wiener Mumok. Ein Stück über den berühmten Philosophen Michel Foucault, noch dazu eine Oper, die ihrem eigentlichen Fach entschlüpft ist und in Tanz und bildender Kunst wieder auftaucht.

Der amerikanische Autor, Filmer und Aids-Aktivist Gregg Bordowitz und sein Kollege Paul Chan stellten The History of Sexuality Volume One by Michel Foucault: An Opera in der Tanzquartier-Halle G vor.

Nun setzt sich das einmonatige Push and Pull-Programm im Mumok mit der Ausstellung Momente des Umschlags fort. Die erste einer Reihe von Performances, die im Rahmen der Schau gezeigt werden, stammt von der irischen Künstlerin Sarah Pierce.

In ihren Future Exhibitions wird umgeräumt. Während einer Aktion am Dienstag bewegten Pierce und ihre Performer Gerümpel, im Museumsraum Objekte, die nur dem Zwecke dienen, in Bewegung gesetzt zu werden. Und die Performance geht weiter. Denn nun ist das Publikum an der Reihe. Bis zum 31. Oktober können Besucher der Ausstellung den von Pierce gestalteten Teil neu arrangieren, herumräumen und nach ihrem Geschmack verstellen .

Wie zufällig wurde ein paar Tage vor Bordowitz' Opernaufführung eine Performance der New Yorker Regisseurin Annie Dorsen vorgestellt, in der Foucault ebenfalls eine Schlüsselposition innehatte. Dorsen bearbeitete ein Fernsehgespräch zwischen dem Philosphen und seinem US-amerikanischen Kollegen Noam Chomsky. Der 1984 an Aids verstorbene Foucault hat nicht nur Chomsky verärgert, sondern auch seinen Landsmann Sartre und die Frankfurter Schule und die Marxisten überhaupt.

Ihm gewinnen sowohl Dorsen als auch Bordowitz popkulturelle Qualitäten ab. Diese hatte der Schöpfer der Simpsons, Matt Groening, schon lange vor den beiden erkannt, und zwar vor allem in seinem weniger bekannten Comic School is Hell - wobei sich Groening vor allem an Foucaults Werk Überwachen und Strafen orientierte. Dieses hat mit der The History of Sexuality Volume One insofern zu tun, als es auch hier um Unterdrückung geht, was Bordowitz und Chan auch mit der Anwesenheit eines Papstes und eines Polizisten deutlich machen.

Im Vergleich zu den Simpsons und zu Dorsens Arbeit ist die Aufführung der beiden Opernbastler Schrott. Ein banales Libretto, billige Figuren, platte Regie, die Bühne geradezu Schwachsinn. Aber wie bei Pierce macht diese provokante Anti-Oper absolut Sinn. Denn mit gewitzter Begeisterung werkeln alle Beteiligten am Unmöglichen.

Guter Dilettantismus

Darunter Mara Mattuschka, die begnadete Filmkünstlerin, als Sigmund Freud und Fuckhead-Sänger Didi Bruckmayr als Foucault mit Schleppe und Jeans-Schürze, aus der ein buntes Gemächt spitzt.

Wie wirksam Dilettantismus als bewusste Strategie sein kann, zeigte bereits Fritz Ostermayer vor drei Jahren mit seinem Stück Rettet die Mäuse oder Conducting Kafka While Whistling Against Interpretation in der ebenfalls ausverkauften TQW-Halle G. Gregg Bordowitz und Paul Chan haben dieses Konzept nun noch einmal radikalisiert. In der Londoner Tate Gallery soll es nächstes Jahr heißen: Foucault, die zweite. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2020)

 

  • Xavier Le Roys "low pieces"
Uraufführung im Rahmen von "Push and Pull": Do 7.10, & Fr. 8.10., 20.30 im TQW (Halle G)

www.tqw.at

 
    foto: tqw / vincent cavaroc

    Xavier Le Roys "low pieces"

    Uraufführung im Rahmen von "Push and Pull":
    Do 7.10, & Fr. 8.10., 20.30 im TQW (Halle G)

     

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