"Koro" wird nur von 800 bis 1.200 Menschen gesprochen - seine Entdeckung beinhaltet auch historische Aspekte
Washington - In einer abgelegenen Gebirgsregion in Indien haben US-Wissenschafter eine Sprache entdeckt, die der Linguistik bis dato unbekannt war: Die "Koro" genannte Sprache existiere nur in mündlicher, nicht in schriftlicher Form, gaben die Forscher bekannt. Sie zähle zur tibetobirmanischen Sprachfamilie und werde nur noch von 800 bis 1.200 Menschen gesprochen. Obwohl alleine in Indien etwa 150 Sprachen dieser Familie existieren (im gesamten Verbreitungsgebiet von der Himalayaregion bis nach Südchina und Südostasien sind es mehr als doppelt so viele), konnten die Wissenschafter bei keiner dieser Sprachen eine enge Verwandtschaft mit dem Koro feststellen.
Die US-Wissenschafter um Gregory Anderson von einem Spracheninstitut in Oregon und Gary Harrison vom Swarthmore College in Pennsylvania hatten in Indien im Rahmen einer Untersuchung zur Sprachenvielfalt geforscht. Dazu hatten sie die abgelegene Region des nordost-indischen Staates Arunachal Pradesh ausgewählt, der für seine Sprachenvielfalt bekannt ist. Zunächst dokumentierten sie hier die beiden noch wenig bekannten Sprachen Aka und Sajalong bzw. Miji. Aus ihren Aufzeichnungen wurde aber ersichtlich, dass es auch eine dritte Regionalsprache gibt, die sich in Wort- und Satzbildung, in Vokabeln sowie auch in den Zahlen und Konzepten deutlich unterscheidet. Allerdings sind nur wenige Sprecher unter 20 Jahre, weshalb die Forscher die Entdeckung als "gerade noch rechtzeitig" bezeichnen.
Kulturelle und historische Aspekte
"Die Koro sind als Volk bekannt, nicht aber, dass sie eine eigene Sprache sprechen", erklärt Anvita Abbi, Linguistin an der Jawaharal Nehru University in New Delhi. "Viele kulturelle Elemente teilen sie mit den Aka-Sprechern. Auch die Gewänder der Koro sind auf dieselbe Art kunstvoll geschmückt und handgewebt", so die Expertin, die derzeit in Leipzig am Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie forscht. Auch im Sozialleben sind die Koro eng mit anderen Sprachgruppen verbunden, leben mit ihnen in gemeinsamen Dörfern und teilen Traditionen.
Eine Ursache für das Nebeneinander der verschiedenen Sprachen könnte in der Geschichte liegen: Aka gilt als Sprache der einstigen Sklavenhändler, weshalb vermutet wird, dass Koro die Sprache der Sklaven gewesen sein könnte. Die Bedeutung der Entdeckung geht daher weit über die Linguistik hinaus: Auch in historischer, mythologischer, technologischer und grammatikalischer Hinsicht dürfte das Koro eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse bringen.
Viele Sprachen sind inzwischen vom Aussterben bedroht, auch weil sie nicht geschrieben werden und daher wenig erforscht oder dokumentiert werden können. Den Wissenschaftern zufolge verschwindet weltweit alle zwei Wochen eine Sprache: Demnach könnte die Hälfte der weltweit 6.909 erfassten Sprachen infolge von kulturellen Umwälzungen, politischer Unterdrückung oder aus anderen Gründen verschwinden. Das Koro soll nun in einem Audio-Wörterbuch dokumentiert werden. (APA/pte/red)