IWF warnt vor weltweitem Währungskrieg

6. Oktober 2010, 17:25
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Der Wettlauf um die billigste Währung gewinnt an Fahrt. Die Angst, dass Devisenspannungen in Handelskriege ausarten, steigt

Die Angst vor einem Währungskrieg und in der Folge vor neuen Handelsschranken nimmt zu. Der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, warnte am Mittwoch vor einer Abwertungsspirale, die die Erholung der Weltkonjunktur abwürgen könnte. In einem Interview mit der Financial Times kritisierte er die Versuche, die Währungspolitik als Druckmittel einzusetzen.

Im Zentrum der Währungsdifferenzen steht China, dessen Regierungschef Wen Jiabao beim EU-China-Gipfel in Brüssel mit Forderungen der Union nach einer stärkeren Aufwertung der Landeswährung Yuan konfrontiert wurde. Der Premier wies dies erneut zurück.

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Wien - Erst kam die Finanzkrise, dann der Einbruch der Realwirtschaft; die Interventionen der Regierungen gegen Banken- und Konjunkturkollaps mündeten dann in die Staatsschuldenkrise. Die Anzeichen, dass die dritte Etappe direkt in die vierte Abstiegsphase übergeht, häufen sich: Die Rede ist vom Währungskrieg, den manche Ökonomen und Politiker ausgerufen haben.

Erst gebrauchte Brasiliens Finanzminister Guido Mantega das Wort vom "Währungskrieg" . In die boomende Nation strömen gewaltige Kapitalsummen, die die Landeswährung Real nach oben treiben. Am Mittwoch stimmte Währungsfonds-Chef Dominique Strauss-Kahn in den Chor ein und warnte via Financial Times davor, dass die Abwertungsspirale die konjunkturelle Erholung abwürge und die "Stabilität der Weltwirtschaft in ernste Gefahr" bringe.

Starökonom Joseph Stiglitz heizte die Diskussion an und gab den Notenbanken der Eurozone und der USA die Schuld: Die zur Stützung der Wirtschaft und der Banken gewählte lockere Geldpolitik führe zu einer Liquiditätsflut und destabilisiere die Devisenmärkte, erklärte der Wirtschaft-Nobelpreisträger.

Der Investment-Guru Marc Faber legt noch eines drauf: Er rechnet infolge der riesigen Staatsschulden und der Währungsturbulenzen mit einem Zusammenbruch des Finanzsystems. Die Verbindlichkeiten würden dann "zu einem großen Teil oder vielleicht auch ganz abgeschrieben werden" , sagte er zum Handelsblatt. Das münzt er besonders auf den Dollar, US-Anleihen könnten sogar wertlos verfallen, meint Faber, der für seinen Pessimismus bekannt ist.

Jedenfalls sind die Kassandrarufe längst nicht mehr nur aus der Ecke publicitygeiler Ökonomen und Analysten zu vernehmen. Auch der Internationale Bankenverband IIF befürchtet in einer neuen Untersuchung, dass die expansive Niedrigzinspolitik der USA, Eurozone, Japans und Großbritanniens zu einem weiteren Anstieg der Kapitalströme in die Schwellenländer führen, was neue Abwehrmechanismen auslösen könnte. Das bedeutet in der Regel Kapitalverkehrskontrollen, Verzicht auf stärkere Zinserhöhungen (weil die zusätzlich Geld anlocken) und Interventionen am Devisenmarkt, zu denen in den letzten Monaten neben Brasilien u. a. Thailand, Südkorea und Kolumbien griffen. Die dank attraktiver Renditen in die Schwellenländer fließenden Geldströme explodieren laut Bankenverband-Direktor Charles Dallara von 581 Milliarden Dollar im Vorjahr auf 845 Milliarden heuer.

Die eigentliche Gefahr freilich sind nicht die Devisenmarkt-Spannungen, sondern die Folgen, da keiner gewinnen kann, wenn alle abwerten. Wie schon das Beispiel China versus USA zeigt, kann der Versuch, sich über die Währungspolitik Vorteile im Außenhandel zu verschaffen, direkt in den Protektionismus führen. In den USA liegt derzeit eine Vorlage des Repräsentantenhauses, die auf die Verhängung von Strafzöllen auf chinesische Importe abzielt. Im wahlkämpfenden Washington erhofft man sich von einem Rückgang der Importe aus dem Reich der Mitte mehr Jobs im Inland.

Europa drängt Peking

Beim EU-China-Gipfel legt sich auch Europa mit Peking an. Auf die Aufforderung zur Stärkung der Landeswährung lächelt Regierungschef Wen Jiabao regelmäßig und verlautet höflich aber bestimmt, dass eine deutliche Verteuerung des Yuan zu einer Pleitewelle im Binnenmarkt führen werde. Und: Das Drehen an der Währungsschraube führe lediglich zu einer Verlagerung der Produktion in andere Billiglohnländer wie Vietnam oder Bangladesh. Mehr Jobs in den USA oder Europa - so der Sukus - werde der Schritt jedenfalls nicht bringen.

Die aktuelle Entwicklung erinnert bereits bedrohlich an die Große Depression der 30er-Jahre. Währungsabwertung und Handelsschranken waren für viele Ökonomen der weit wichtigere Grund für den langen Niedergang als verabsäumte Konjunktur- und Bankenspritzen. Deshalb werden die Forderungen nach einer neuen Währungsordnung nun lauter. Internationaler Währungsfonds und G-20 dürften ein neues Top-Thema gefunden haben. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2010)

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