"The Social Network": "Die letzten fünf Minuten ist er ein tragischer Held"

6. Oktober 2010, 17:05
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"The Social Network"- Drehbuchautor Aaron Sorkin über komplexe Persönlichkeiten und Wut im Internet

David Finchers Film erzählt, wie der Harvard-Außenseiter Mark Zuckerberg Facebook erfand. Bert Rebhandl traf Autor Sorkin zum Gespräch.

Wenn Aaron Sorkin ein neues Drehbuch schreibt, ist ihm Aufmerksamkeit gewiss. Seit er mit der TV-Serie "The West Wing" einen der intelligentesten Brückenschläge zwischen populärer Form und anspruchsvollem Inhalt erfand, stand er immer ein wenig unter Druck, ein ähnlich relevantes Projekt folgen zu lassen. Die Serie "Studio 60 on the Sunset Strip" war eher ein Flop, die Satire auf die verworrene US-Afghanistanpolitik, "Der Krieg des Charlie Wilson", mit der er sich wieder ins Kino wagte, fand allenfalls durchwachsenen Zuspruch. Nun hat Sorkin einen ihm gemäßen Stoff gefunden und mit dem Drehbuch zu "The Social Network" eine der bemerkenswertesten Geschichten des Internet-Zeitalters bearbeitet.

Standard: "The Social Network" wird schon mit "Citizen Kane" verglichen, es geht um einen schwer durchschaubaren Medienmogul, der im Erfolg einsam wird. Waren die Parallelen Absicht?

Sorkin: Ich möchte mich wirklich nicht mit Herman Mankiewicz und Orson Welles vergleichen, aber diese Interpretationen gibt es. Der Film funktioniert ein wenig wie ein Rorschachtest, das vor allem war uns angelegen. Wir möchten, dass man noch auf dem Parkplatz diskutiert, wer oder was in "Social Network" gut oder böse ist.

Standard: Was hat Sie an der recht unscheinbaren Persönlichkeit Zuckerbergs interessiert?

Sorkin: Ich habe die Geschichte nie als bloße Biografie gesehen. Am ehesten als Gerichtssaaldrama, in dem wir fünfmal unsere Meinung ändern. Eine klassische Geschichte vor modernem Hintergrund, die Grundmotive sind uralt: Freundschaft, Loyalität, Verrat. Klasse, Macht, Eifersucht. Mich interessiert an Mark, was ich selbst kenne: dass man schüchtern ist, sich manchmal sozial schwer zurechtfindet. Das Gefühl, dass es irgendwo eine Party gibt, zu der ich nicht eingeladen wurde. Nur ist er eben ein Genie und erfindet deswegen, wonach 500 Millionen Menschen verlangt haben, ohne es zu wissen.

Standard: In "Citizen Kane" gibt es ein Rosebud, eine Kindheitsgeschichte, die zugleich ein Rätsel ist. "The Social Network" verzichtet auffällig auf so eine Vorgeschichte.

Sorkin: Ich wollte die Sache nicht durch so eine erklärende Szene aus Zuckerbergs Kindheit entschärfen. Wir brauchten diese Absicherung nicht. Und dies, obwohl er eine Stunde und 55 Minuten ein Antiheld ist - die letzten fünf Minuten ist er ein tragischer Held.

Standard: Worin besteht sein Genie genau, wenn man in Rechnung stellt, dass Facebook eine Erfindung ist, die eher zufällig zustande kam und keineswegs aufgrund eines individuellen Genieblitzes?

Sorkin: Nun, da ist einmal sein IQ. Und seine Kreativität. Er war nicht der beste Programmierer, das würde er selbst sofort zugeben. Aber er hatte etwas, was ihn brillant machte. Mark erfand etwas, an das niemand vorher gedacht hatte (darüber wird natürlich immer noch gestritten), und er ging damit als Erster über die Ziellinie.

Standard: Im Film ist ganz wesentlich, dass er Facebook mehr oder weniger aufgrund seines Ressentiments erfindet. Er ist ein gekränkter junger Mann.

Sorkin: Die Dinge sollen heute gemeinhin nicht zu kompliziert werden, und Mark ist ein sehr komplizierter Held. Seine Wut reflektiert eine Menge von der Wut, die es im Internet gibt. Hollywood hat in den 1980ern gern Filme über "cuddly nerds" gemacht, Sonderlinge, die man gern abschmusen würde, weil sie den Tollen und Schönen kluge Streiche spielen. Wir haben es mit Tech-Genies zu tun, die sehr wütend sind, weil die Mädchen mit anderen ausgehen. Minderwertigkeitskomplexe äußern sich im Netz leicht als Überlegenheitsgestus, niemand hindert einen, wen auch immer als Idioten zu beschimpfen. Dieser unflätige Blogpost von Zuckerberg, den man am Anfang als Voice-over hört, ist verbatim überliefert. Er ist ein unangenehmer Typ, wir wollten an die Wurzeln dessen gehen, bis er in den letzten fünf Minuten beginnt, sich etwas zu rehabilitieren.

Standard: Einer Stellungnahme von ihm ist zu entnehmen, dass er den Film nicht mag. Hat er die positiven Ansätze übersehen?

Sorkin: Ich kann nicht für ihn sprechen. Er hat den Film am Freitag gesehen und seine Sache dazu gesagt. Niemand von uns hätte vermutlich Freude, wenn jemand einen Film über einen von uns im Alter von 19 Jahren machen würde. Ich denke, er sollte sich die Worte Rachida Jones' zu Herzen nehmen, der jungen Anwältin, die gegen Ende sagt: "Du bist kein Arschloch, aber warum nimmst du alles so tierisch ernst?" (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2020)

 

  • Machte aus Mark Zuckerberg eine Filmfigur: Autor Aaron Sorkin.  Geboren 1961 in New York, adaptierte er nach einem Studium an der Syracuse University 1992 sein Bühnenstück "A Few Good Men" für eine Verfilmung und arbeitet seither als Autor für TV und Film.
    foto: sony

    Machte aus Mark Zuckerberg eine Filmfigur: Autor Aaron Sorkin.  Geboren 1961 in New York, adaptierte er nach einem Studium an der Syracuse University 1992 sein Bühnenstück "A Few Good Men" für eine Verfilmung und arbeitet seither als Autor für TV und Film.

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