Majestätische Zeichnungen eines Genies

6. Oktober 2010, 13:45
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Michelangelo in exklusiver Nahaufnahme: Große Herbstausstellung der Albertina mit Echtheitsdebatten und Symposium

Wien - Als Höhepunkt in der Geschichte der Albertina bezeichnet deren Direktor Klaus Albrecht Schröder die Ausstellung mit Michelangelos Zeichnungen, die am Donnerstagabend eröffnet wird. Zu sehen sind rund hundert der - so Schröder - schönsten und besten Zeichnungen des italienischen Renaissance-Meisters. Neben kostbaren Blättern aus eigenen Sammelbeständen präsentiert die Albertina Leihgaben aus bedeutenden europäischen und amerikanischen Museen - etwa aus den Uffizien und der Casa Buonarroti in Florenz, dem Pariser Louvre, dem Metropolitan Museum in New York und dem British Museum in London - sowie aus Privatbesitz.  "Die Bestrafung des Tityos" (siehe Abbildung links) beispielsweise stammt aus der Royal Collection Ihrer Majestät, Königin Elisabeth II.

Ausgestellt sind unter anderem die früheste erhaltene Zeichnung (eine Kopie nach Giotto) sowie Vorzeichnungen für die berühmten Fresken in der Sixtinischen Kapelle, die der geniale Künstler unter größten körperlichen Mühen malte: stehend, und nicht, wie lange angenommen wurde, im Liegen.Für ihn selbst waren die Zeichnungen aber nicht mehr als vorbereitende Skizzen. Die Rückseiten dienten ihm mitunter als Einkaufsliste. Für die Picasso- und Michelangelo-Ausstellungen weitert die Albertina die täglichen Öffnungszeiten auf 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr aus, mittwochs sogar bis 21.00 Uhr.

Authentizitätsdabette

Dass manche, gerade in den Tagen vor der Eröffnung laut gewordene Zweifler unter den Kunsthistorikern die Echtheit von einigen Zeichnungen infrage stellen - davon betroffen ist auch der Großteil jener acht Blätter, die sich im Besitz der Albertina befinden - ist für Kurator Achim Gnann allerdings "kein Richtungsstreit" der Kunstgeschichte, wie er bei der Präsentation am Mittwoch hervorhob. "Die Zweifler beschränken sich auf zwei oder drei; unsere Ansicht, die wir hier vertreten, ist ein breiter Konsens unter internationalen Forschern." Allerdings, räumte Gnann ein, hätte man man sich "mit den Zweiflern früher dezidiert auseinandersetzen müssen", was in der Ausstellung, im Katalog (im Hatje Cantz Verlag in einer deutschen und englischen Ausgabe) und bei einem Symposium am 19. und 20. November geschehen soll.

Die Fragen der Echtheit und Authentizität habe man bei Michelangelo statt der Wissenschaft "der millionenfachen Verbreitung eines Buches überlassen", bedauerte auch Schröder mit Bezug auf die Taschen-Verlagspublikation "Michelangelo - Das vollständige Werk". Solche Untersuchungen müssten jedoch stets von Kennerschaft getrieben sein, ganz sicher keine Motivation sei "die fixe Idee, Bestände zu wahren", wies der Direktor jeden Verdacht von sich, Zweifel an den Blättern der Albertina nicht zulassen zu wollen. Sowohl bei der Dürer-Ausstellung als auch bei Rembrandt habe die Albertina selbst mehrere zentrale Werke abgeschrieben: "Wir bürgen mit unseren Namen und dem Namen des Hauses für das, was hier präsentiert wird".

In dreieinhalbjähriger Vorarbeit hatten sich Kurator Gnann und seine Assistentin Gisela Fischer mit Michelangelos Zeichenkunst auseinandergesetzt, alle wesentlichen Museen mit Michelangelo-Beständen, darunter die Florentiner Uffizien oder die Royal Collection der britischen Königin, der Louvre und die Casa Buonarroti, überzeugt, ihre Schätze einer "einmaligen Zusammenschau" zur Verfügung zu stellen, so Gnann. "Wir wollten die gesamte Schaffenszeit abdecken" - bei Michelangelo sind das 75 Jahre. Dass dennoch nur rund 600 Zeichnungen von Michelangelo bekannt sind - "es müssten 20.000 bis 30.000 sein", so Gnann - liegt nicht zuletzt daran, dass der Meister selbst viele vernichtete. (red/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2020 / APA)

  • Michelangelo Buonarroti: "Die Bestrafung des Tityos", 1532
    foto: the royal collection © 2009, her majesty queen elizabeth ii

    Michelangelo Buonarroti: "Die Bestrafung des Tityos", 1532

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