Umweltkatastrophe in Ungarn: Weitere sechs Tote befürchtet

6. Oktober 2010, 14:25
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Verheerende Langzeitschäden erwartet - Aufräumarbeiten haben begonnen

Wien/Budapest - Nach dem Bruch eines Giftschlammbeckens in einer Aluminiumfabrik in der westungarischen Kleinstadt Ajka am Montag ist das Schadensausmaß immer noch nicht abzusehen. Die Zahl der Todesopfer könnte allerdings auf zehn steigen. Sechs ältere Personen, die als vermisst gelten, dürften unter den Schlammmassen ums Leben gekommen sein, hieß es am Mittwoch. Mittlerweile kämpft ein 500 Mann starker Aufräumtrupp gegen die Ausbreitung der Umweltkatastrophe.

"Die unmittelbare Gefahr ist vorbei", erklärte Ungarns Innenminister Pinter im Anschluss an eine Sitzung des Katastrophenschutz-Komitees in Kolontar, sagte aber gleichzeitig, dass enorme Aufräumarbeiten bevor stünden. "Die Arbeit konzentriert sich in den kommenden Tagen auf die Schadensaufnahme und die Behebung der Schäden." Die Einsatzkräfte arbeiten auch daran, aus dem beschädigten Speicher verbliebenen Bauxitschlamm abzusaugen.

Toxischer Schlamm kann Haut- und Augenirritationen hervorrufen

In drei Ortschaften, vor allem in Kolontar, hat die giftige Schlammlawine Verwüstungen angerichtet. Hausrat und Autos wurden bis zu zwei Kilometer entfernt in Feldern gefunden. Angaben zufolge steht der Schlamm dort auch am Mittwoch noch einen Meter hoch. Das aus dem geborstenen Becken ausgetretene Material sei toxisch und könne sowohl Haut- als auch Augenirritationen hervorrufen, warnte ein Regierungssprecher. Es sei jedoch nicht radioaktiv und enthalte kein Zyanid.

Schlamm muss gebunden werden

"Es sieht nicht gut aus", erklärt Andreas Beckmann, Leiter des WWF-Donau-Karpaten-Büros. Sollten es die Hilfstrupps in den kommenden vier Tagen nicht schaffen, den giftigen Rotschlamm zu binden, würde dieser in die Donau fließen. "Das Grundwasser ist in drei Komitaten massiv gefährdet, weil es dort stark geregnet hat", so Beckmann. Die im Rotschlamm enthaltenen Schwermetalle würden den Boden derart verseuchen, dass er eigentlich komplett abgetragen werden müsse.

WWF: Krebserregende Stoffe im Schlamm

Eine Fläche von mindestens 40 Quadratkilometern ist verseucht. Sich in Kolontar und Umgebung aufzuhalten, sei derzeit nicht ratsam: "Die Luft ist mit Schwermetallen kontaminiert und in den Häusern stehen die Menschen bis zur Hüfte im Schlamm." Die gesundheitlichen Langzeitfolgen für die Menschen seien unabsehbar, denn einzelne Stoffe in der rotbraunen Masse seien krebserregend.

WWF befürchtet "verheerende Langzeitschäden"

Der WWF befürchtet "verheerende Langzeitschäden". Der Rotschlamm, ein Überbleibsel aus der Aluminiumgewinnung, enthalte Blei, Kadmium, Arsen und Chrom - allesamt Gifte, die Flora und Fauna zerstöre. Der Fluss Marcal sei bereits tot, hieß es in einer Aussendung. Dringt der Schlamm ins Grundwasser ein, würden Schwermetalle in Trinkwasser und Nutzpflanzen gelangen. Deren Genuss könne dann schwere Gesundheitsschäden verursachen.

Material "leicht radioaktiv"

Laut WWF sei das ausgeflossene Material sehr wohl "leicht radioaktiv", weshalb bereits 500 bis 600 Tonnen Gips zur Bindung in den Fluss geschüttet worden sind. Die Umweltkatastrophe sei "beispiellos in der ungarischen Geschichte" und könne "Ökosysteme, Flusslandschaften, Grund, Boden und Trinkwasservorräte massiv gefährden".

Weitere giftige Depots im Donauraum

Das offenbar deutlich über die erlaubte Norm gefüllte Giftschlammbecken dürfte nicht das einzige sein, laut WWF gebe es noch weitere giftige Depots im Donauraum, die teilweise sogar verlassen und ungesichert seien. Allein in Ungarn befänden sich Reservoire mit einem geschätzten Gesamtvolumen von 50 Millionen Kubikmetern. Eines dieser Becken sei bei Almasfuzito direkt an der Donau angesiedelt.

Windverwehungen als Gefahr

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat begonnen Schlammproben aus Westungarn zu analysieren. Greenpeace-Experte Herwig Schuster erklärte im Ö1-Morgenjournal, dass große Mengen an Arsen, Quecksilber und auch andere Giftstoffe befürchtet werden. Der Greenpeace-Experte geht von einer Vernichtung des betroffenen Landes für viele Jahre aus. Allein der Wind wird die getrockneten vergifteten Schlammpartikel viele Kilometer weit verwehen. (APA, red, derStandard.at)

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  • Die Bewohner von Kolontar haben mit den Aufräumarbeiten begonnen.
    foto: greenpeace

    Die Bewohner von Kolontar haben mit den Aufräumarbeiten begonnen.

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    Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat begonnen Schlammproben aus Westungarn zu analysieren.

  • Situation in Kolontar am Mittwoch.
    foto: greenpeace

    Situation in Kolontar am Mittwoch.

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