Visionen für eine künftige Landwirtschaft

5. Oktober 2010, 20:13
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Indoor-Äcker, intelligente Treibhäuser und "farmscrapers" als Hoffnung

"In hundert Jahren wird man wahrscheinlich darüber lachen, wie wir heute Landwirtschaft betreiben", sagt Magnus Nordborg, Leiter des Gregor-Mendel-Instituts (GMI). Denn durch Grundlagenforschung wie am GMI versteht man immer besser, welchen Einfluss Krankheitserreger und Bodenbeschaffenheit auf den Ertrag von Nutzpflanzen haben. Auch Eigenschaften wie Kälteempfindlichkeit oder Trockenresistenz, denen Nordborg nachspürt, seien höchst interessant für Pflanzenzucht und Forstwirtschaft, insbesondere seit der Klimawandel die Produktivität auf den Äckern immer weiter drückt.

Dass grundlegende Veränderungen in der Landwirtschaft notwendig sind, zeigen auch diverse Zukunftsszenarien: Um 2050 müssen mehr als neun Milliarden Menschen satt werden. Allerdings ist es den Augen vieler Experten unmöglich, auf herkömmlichem Weg ausreichend pflanzliche Biomasse für Nahrung, Energie und Tierfutter herzustellen. Und so sind nicht nur Klimakammern, in denen wissenschaftlich experimentiert wird, mit allerlei Hightech gerüstet. Auch in Glashäusern, wo Gemüse, Obst und Zierpflanzen gedeihen, wird bereits weltweit erprobt, wie Indoor-Landwirtschaft aussehen könnte: auf minimaler Grundfläche, mit maximaler Ernte und in der Nähe der Konsumenten.

Ebenso wird an der Energieversorgung in Richtung Nachhaltigkeit geschraubt: Im Cleveland Botanical Garden etwa sind in einem intelligenten Treibhaus seit 2008 Glaspaneele mit Flüssigkristallkern verbaut, um Heizkosten zu sparen. Die Durchlässigkeit der Paneele lässt sich regulieren - Licht und Schatten entstehen auf Knopfdruck. Schön warm mögen es auch die Tomaten der kanadischen Firma Savoura. Biogas von einer Mülldeponie wärmt ihr Glashaus.

Agriculture 2.0

Bei AeroFarms kommt Öko-Salat ganz ohne Bodensubstrat aus, Feuchtigkeit und Nährstoffe ziehen die Pflanzen aus Sprühnebel. "Weniger Platz, weniger Wasser und keine Pestizide" wirbt das Unternehmen. Seine stapelbaren Pflanzenmodule samt LEDs werden bereits vom US-Start-up EcoVeggies in New Jersey geprüft, ganz im Sinne der Agriculture-2.0-Bewegung. Sie hat die Verquickung von nachhaltiger Landwirtschaft und neuen Technologien zum Ziel - auf dass Städter mit lokalem Bio-Grünzeug versorgt werden.

Auch Dickson Despommier, Professor an University of Columbia, ist überzeugt, dass die Landwirtschaft dorthin ziehen muss, wo die meisten Menschen leben (werden) - in die Stadt. Der Vorreiter des "vertical farming" will leerstehende Hochhäuser oder Industriebrachen mitten in Metropolen wie New York in Gewächshäuser mit ausgeklügelten Stoffkreisläufen umwandeln. Unwetter, Dürren, Schädlinge oder Jahreszeiten gibt es hier nicht. Windkrafträder, Erdwärme und Fäkalien speisen die Treibhäuser mit Energie. Ein "farmscraper" mit 30 Stockwerken reiche aus, um zehntausende Menschen zu versorgen. Die Probe aufs Exempel steht allerdings aus. Investoren für die Errichtung eines Wolkenkratzer-Treibhauses für mehrere hundert Millionen Dollar haben sich noch nicht gefunden.

Wird die hocheffiziente Indoor-Landwirtschaft dennoch Realität, braucht es weniger Ackerboden. Die freigewordenen Flächen müssen wieder zu Wäldern werden, fordert Visionär Despommier. Sie sollen Kohlendioxid aufsaugen und den Klimawandel mildern. Wie das genetische Rüstzeug dieser Bäume auszusehen hat, wird möglicherweise Magnus Nordborg mithilfe seiner Klimasimulationen in den neuen Wachstumskammern herausfinden. "Es wird immer heißer und trockener. Wir wollen aufgrund der Genotypen vorhersagen, welche Pflanzen in so einer Umwelt gedeihen und ertragreich sind", erklärt der Populationsgenetiker. (harl/DER STANDARD, Printausgabe, 06.10.2010)

 

  • Dickson Despommier, Vorreiter des "vertical farming".
    foto: ctbuh

    Dickson Despommier, Vorreiter des "vertical farming".

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