"Smartphones sind nur eine Zwischenstufe"

5. Oktober 2010, 19:48
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Computer werden weiter in der Umgebung verschwinden, und das Web wird zur allgegenwärtigen Antwortmaschine, sagt Wolfgang Wahlster, Experte für künstliche Intelligenz

STANDARD: Wir sind heute abhängig von Kommunikationstechnologien, entwickeln eine persönliche Beziehung zu Geräten. Passt sich der Mensch zu sehr an die Maschinen an, die ihn umgeben?

Wahlster: Genau das Gegenteil sollte der Fall sein. Wir haben heute so leistungsfähige Computersysteme, dass sie immer mehr auf den Menschen zugehen können. Der Mensch will keine Tastatur und Maus, er will lieber mit Sprache, Gestik und Mimik kommunizieren. Schon jetzt werden Touchpads und Smartphones visuell, durch Gestik und Sprachbefehle gesteuert, die Tastatur tritt in den Hintergrund.

STANDARD: Inwiefern wird sich die Interaktion in Zukunft verändern?

Wahlster: Smartphones und Touchpads sind nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu "smart spaces", also intelligenten Räumen, bis hin zur intelligenten Stadt. Dabei tritt der Computer als Hardware gar nicht mehr in Erscheinung. Wenn ich etwa das Wohnzimmer betrete, kann ich sagen, was ich wünsche, und dezent eingebaute Sensoren sorgen dafür, dass Räume intelligent reagieren. Europa ist auf dem Gebiet der eingebetteten Computersysteme führend, ob im Kühlschrank, im Fernseher oder im Automobil. In einem Premium-Auto gibt es schon jetzt etwa 70 eingebettete Computer. Es geht darum, intelligente Systeme zur Fahrerassistenz, zum Motormanagement, zur Car-to-Car-Kommunikation zu entwickeln. 80 Prozent aller Innovationen in Automobiltechnik, Logistik, Medizintechnik und Maschinenbau sind heute durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) bestimmt.

STANDARD: Wie steht es um die Umsetzung des "Internets der Dinge", wo alle möglichen Objekte durch eingebettete Intelligenz miteinander kommunizieren?

Wahlster: Das geht schrittweise. Im Bereich Maschinenbau etwa gibt es große Fortschritte: Immer mehr Anlagen werden heute mit Sensorchips ausgestattet, die in Realzeit kritische Betriebszustände messen. Über drahtlosen Funk sind sie untereinander vernetzt und mit dem Internet verbunden. Die digitale Fabrik ist für urbanes, grünes Produzieren ganz wichtig - durch das Internet der Dinge kann man sofort abnormale Ressourcenverbräuche feststellen. Wenn eine Maschine zu viel Strom oder Wasser frisst, wird das per Sensor gemeldet oder gleich selbsttätig nachgeregelt. In der Logistik gibt es schon die ersten Produkte, die mit einem Sensorchip ausgestattet sind, die während der ganzen Transportkette etwa die Temperatur aufzeichnen. Wenn also ein Paket mit Blutplasma ankommt, kann man mit dem Handy das digitale Produktgedächtnis auslesen und prüfen, ob der kritische Wert der Kühlung überschritten wurde. Momentan arbeiten wir auch an einer Art Blackbox für Autos, wie es sie derzeit nur in Flugzeugen gibt.

STANDARD: Das könnte weitergehen bis zu Produkten im Supermarkt, die melden, woher die Bestandteile kommen ...

Wahlster: In Kooperation mit einer Handelskette forschen wir an diesem Thema. Die Rückverfolgbarkeit ist zum Beispiel sinnvoll bei Bio-Produkten, wo die Kunden kritisch sind. Wenn jemand eine Bio-Pizza kauft, kann er dann abrufen, woher die Tomaten in der Sauce stammen. Es wird noch eine Zeitlang dauern, aber ich bin überzeugt, dass diese digitale Veredelung von Alltagsgegenständen rasch fortschreitet, denn die Sensorchips werden immer billiger. Es ist keine Revolution, sondern ein evolutionärer Prozess. Das Schöne am Internet der Dinge ist, dass man ja nicht gleich alle Dinge vernetzen muss.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei das Internet selbst? Noch ist das semantische Web, die intelligente Verarbeitung der Informationen im Netz, nicht umgesetzt.

Wahlster: Es ist ganz entscheidend, Semantik in die IKT hineinzubringen. Auch da hat Europa die Nase vorn in der Forschung, die Umsetzung steht noch am Anfang. Durch semantische Technologien wird erstmals Interoperabilität möglich, also das Zusammenschalten von vielen Systemen zu Mehrwertdiensten. Das gelingt, wenn etwa verschiedene Apps auf einem Smartphone vollautomatisch zusammengefügt werden. Etwa ein Währungsumrechner, eine App, die die günstigsten Fotoapparate sucht, und eine, die den Weg zum Geschäft beschreibt. Auf eine Anfrage bekomme ich sofort eine Antwort und muss nicht danach suchen. Beim Semantic Web geht es darum, von Such- zu Antwortmaschinen zu kommen.

STANDARD: Wie viel Zeit verbringen Sie persönlich in Internet und Social Web?

Wahlster: Viel ... Facebook nutze ich nicht, aber mobiles Internet am Smartphone, mit allen Raffinessen. Ich bin auch Streetview-Nutzer, vor allem wenn ich im Ausland bin. Ich habe da keine Ressentiments, verstehe aber auch, dass das sehr unterschiedlich gesehen wird. Es muss technologische Lösungen geben, die den verschiedenen Anonymitäts- und Privacy-Bedürfnissen Rechnung tragen.

STANDARD: Wo würden Sie sich eine bessere technologische Lösung wünschen?

Wahlster: Was mich sehr nervt, ist die Vielzahl der Spams, die Informationsüberflutung bis hin zu Internet-Kriminalität - trotz aller intelligenten Mailfilter, die ich aktiviert habe. Wir müssen die Grundarchitektur des Internets so überarbeiten, dass letztendlich für jede Nachricht eine komplette Rückverfolgung bis zum Verfasser gegeben sein muss. Das wäre technisch lösbar, ist aber schwierig durchzusetzen, weil das international bedeuten würde, schon in den unteren Protokollebenen anzusetzen. Deshalb unterstütze ich die internationale Forschungsinitiative "Future Internet", wo es u. a. darum geht, die Architektur des Internets neu zu gestalten.

STANDARD: Das Internet ist aber doch geprägt durch Wildwuchs ...

Wahlster: Wir wollen ja nicht das Rad zurückdrehen und das Web hierarchisch organisieren, sondern so verbessern, dass die größten Probleme, nämlich Fälschungen, Fishing, Adressenhandel etc. erledigt sind. Sonst besteht die Gefahr, diese Probleme und Identitätsfälschungen auch ins Internet der Dinge zu übernehmen. Und dann bekommt man nicht nur Spams, sondern auch eine gefälschte Gucci-Tasche geliefert. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 06.10.2010)

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Wissen: Digital vernetzt in allen Sphären

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) beschränken sich längst nicht mehr auf PC, Laptop und Handy, sondern durchdringen alle Lebensbereiche. Mehr als 90 Prozent der weltweit hergestellten Mikroprozessoren werden heute nicht in Computern, sondern in anderen technischen Geräten, wie in Haushaltsgeräten, Maschinen, in der Automobiltechnik, in logistischen Systemen etc. eingesetzt. Forscher arbeiten an verschiedensten Technologien, um die digitale Vernetzung voranzutreiben:

  • Eingebettete Systeme (Embedded Systems) sind einfache Rechner mit einer bestimmten Funktion, die in ein Gerät integriert (eingebettet) sind und Steuerungs-, Regulierungs- oder Überwachungsaufgaben haben. Sie enthalten häufig Sensoren und Kommunikationsschnittstellen, nicht nur zwischen Mensch und Maschine, sondern auch zur Vernetzung zwischen Maschinen und Systemen, zum Beispiel im Flugzeug oder Fahrzeug.
  • Internet der Dinge Versehen mit Internettechnologie können Gegenstände, die mit eingebetteten Computern ausgestattet sind, drahtlos über das Web Informationen austauschen. Anwendungen reichen von Autoreifen, die ständig Auskunft über den Druck an die Elektronik weitergeben, über Ensembles an Diensten, die das Leben im hohen Alter oder im Krankheitsfall erleichtern, bis hin zu Geräten, die ähnlich einer Blackbox ein internes Logbuch führen und kommunizieren.
  • Semantische Systeme ermöglichen eine vereinfachte Zusammenarbeit komplexer webbasierter Dienste. Das heutige Web ist syntaktisch organisiert, sodass eine Suchmaschine mit genau definierten Begriffen gefüttert werden muss. Semantische Systeme hingegen sollen im Web 3.0 die Bedeutung der Information selbstständig verstehen, interpretieren und verknüpfen können. Dazu müssen alle Web-Dokumente mit einer semantischen Meta-Information versehen werden. (kri)

Wolfgang Wahlster, geboren 1953, ist Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz und lehrt an der Universität des Saarlandes. Der Informatiker, der Mitglied der Nobelpreis-Akademie in Stockholm ist, spricht morgen, am 7. Oktober, bei einer Tagung des Forum BMVIT - Zukunft heißt Innovation zum Thema "Was verspricht uns die digitale Vernetzung? Zukunftspotenziale der Informations- und Kommunikationstechnologien" und diskutiert mit Experten. Ab 18 Uhr in der Ovalhalle im Museumsquartier, 1070 Wien

  • Gestik, Mimik und Sprache: Mit diesen Mitteln werden wir uns künftig auch mit intelligenten Systemen verständigen, ist der Computerlinguist Wolfgang Wahlster überzeugt.
    foto: dfki

    Gestik, Mimik und Sprache: Mit diesen Mitteln werden wir uns künftig auch mit intelligenten Systemen verständigen, ist der Computerlinguist Wolfgang Wahlster überzeugt.

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