"Österreich hat Tradition, auf Hetzer hereinzufallen"

5. Oktober 2010, 18:29
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Der Schriftsteller warnt vor einer Zusammenarbeit mit Straches FPÖ - wie er den Wahlkampf in Wien erlebt und welche Konstellationen er nach der Wahl für möglich hält

Standard: Wie beurteilen Sie den Wiener Wahlkampf, den Strache mit seiner Hetze gegen die Türken und den Islam geprägt hat?

Schindel: Nach den letzten, nicht wenig erfolgreichen Wahlkämpfen war absehbar, dass die Freiheitlichen diese Linie fortsetzen werden. In Österreich gibt es eine unselige Tradition, auf Hetzer hereinzufallen - vielleicht noch stärker als in Deutschland. Strache konnte Jörg Haiders Platz als faschistoider Populist mühelos einnehmen, weil sich die Menschen sehr schnell ängstigen. Marktschreier haben es leider besonders leicht, wenn die wirtschaftliche Situation schlechter wird.

Standard: Könnte ein Grund für Straches Erfolg sein, dass es in Wien in den Außenbezirken Probleme mit der Integration auch aufgrund von Sprachbarrieren gibt?

Schindel: Die Linke - oder das, was man die Linke nennt - hat dieses Problem viele Jahre verschlafen. Man pflegte Laissez faire: Jeder soll nach seiner Fasson leben. Das ist auch schön. Aber wir haben übersehen, dass Immigranten, die ungebildet sind oder ungebildet gehalten werden, es in unserer Gesellschaft schwer haben. Zum Teil wollten sie sich nicht bilden, zum größeren Teil wurden sie gehindert, sich zu bilden. Aber man muss Einwanderern behilflich sein, die Sprache zu lernen. Nicht weil wir Deutschtümeln, sondern um den Immigranten zu ermöglichen, Boden unter den Füßen zu bekommen. Doch jetzt nimmt man das Problem ernst.

Standard: Es gibt aber doch eine zunehmende Radikalisierung, was den Islam anbelangt.

Schindel: Religion wurde schon immer benutzt, um politische Ziele zu erreichen. Noch vor 75 Jahren haben die Pfarrer von der Kanzel gegen die Sozialisten gewettert und es gab die Ausgrenzung von Religionslosen. Das ist beim Islamismus nicht anders. Dem muss man vernünftig begegnen. Eine hysterische Reaktion in Form von Islamophobie verschlimmert die Situation nur.

Standard: Wäre es daher nicht sinnvoll, Strache in die politische Verantwortung zu nehmen?

Schindel: Straches Politik erodiert die Art und Weise, wie Menschen miteinander auf einer demokratischen Basis umgehen. Dieses ständige Aushöhlen demokratischer Errungenschaften durch Hetze und Demagogie vergiftet insgesamt das politisches Klima. Daher ist das Hereinnehmen von faschistoiden Populisten in eine Koalition zum Zwecke ihrer Entzauberung nicht sinnvoll. Diesbezüglich hat sich der Wiener Bürgermeister gut verhalten - im Gegensatz zum steirischen Eishockeyspieler: Er hat, weil er nichts mit Strache zu tun haben will, politische Verantwortung bewiesen.

Standard: Welche politische Konstellation wäre für Wien die beste?

Schindel: An und für sich stimme ich Robert Menasse zu: Wenn dieser glänzenden Verwaltung, die von den Sozialdemokraten geschaffen wurde, durch ein bisschen mehr Aufbruchsstimmung, Innovation und mehr Gerechtigkeit ergänzt würde. Es täte Wien gut, wenn diese Arroganz, die eine Partei, die so lange regiert, natürlich an den Tag legt, ein bisschen gebrochen würde. Ein rot-grünes Projekt wäre für Wien daher grundsätzlich wunderbar. Leider habe ich aber nicht zwei Stimmen.

Standard: Menasse hat Michael Häupl im Standard-Interview attackiert. War das gerechtfertigt?

Schindel: Mir fällt sofort der Augartenspitz ein. Dass Häupl mit seinen Freunden aus dem konservativen Lager unter der Tuchent Dinge aushandelt und der Bevölkerung Grünflächen wegnimmt, damit die Sängerknaben ihr Gebäude errichten können: Das fand ich letztklassig. Aber das reicht nicht aus, Häupl eine Niederlage zu wünschen. Er hat ansonsten einen ganz guten Job gemacht.

Standard: Die Sozialdemokraten regierten die letzten fünf Jahre mit absoluter Mehrheit, obwohl sie nur die relative Mehrheit hatten.

Schindel: Das ist das Wahlrecht. Es zählt die Anzahl der Mandate - daher muss man das in Kauf nehmen. Aber natürlich hätte es ihnen nicht geschadet, wenn sie trotzdem eine Partnerschaft mit den Grünen eingegangen wären. Aber so sind nun einmal Politiker: Wenn sie die Macht nicht abgeben müssen, geben sie sie nicht ab.

Standard: Wäre eine neuerliche Absolute für die SP von Vorteil?

Schindel: Häupl würde, wenn er die Absolute verlieren sollte, mit den Schwarzen zusammengehen. Denn die Grünen sind eben auch unsichere Kantonisten: Es sind Egomanen als Bezirksfunktionäre unterwegs und man weiß nie, ob das, was die Spitze aushandelt, von der Basis akzeptiert wird. Eine Koalition mit den Schwarzen ist für Häupl daher die bequemere Variante. Obwohl sie eine schwache Nummer wäre. Denn die Zeit der Buseks und Marboes ist in der Volkspartei vorbei. Man könnte ja fast Bernhard Görg nachweinen - angesichts dessen, wer jetzt aktiv ist. Wer also eine rot-schwarze Regierung nicht will, der kann sich zweierlei wünschen: Entweder, wie Menasse hofft, dass die Sozialdemokraten derart hoch verlieren, dass Michael Häupl zurücktreten muss. Oder dass die Sozialdemokraten erneut die Absolute schaffen. Ich überlege daher, erstmals sozialdemokratisch zu wählen. Aber ob ich es in der Wahlzelle wirklich schaffe? (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 6.10. 2010)


ROBERT SCHINDEL (66), geboren in Bad Hall, ist Schriftsteller ("Gebürtig", zuletzt "Mein mausklickendes Saeculum"). 1998 bis 2002 war er in der Jury des Ingeborg- Bachmann-Preises, 2006 gründete er mit Rudolf Scholten in Heidenreichstein das Festival Literatur im Nebel.

Nachlese
Robert Menasse: "Häupl verdient unseren Applaus nicht"

  • Robert Schindel über die Sozialdemokraten: "Es täte Wien gut, wenn diese
 Arroganz, die eine Partei, die so lange regiert, natürlich an den Tag 
legt, ein bisschen gebrochen würde."
    foto: christian fischer

    Robert Schindel über die Sozialdemokraten: "Es täte Wien gut, wenn diese Arroganz, die eine Partei, die so lange regiert, natürlich an den Tag legt, ein bisschen gebrochen würde."

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