Lustig, ist es nicht?

5. Oktober 2010, 17:06
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Eine Sitcom als Musical und eine Englischstunde für Einsteiger: "Over The Threshold"

Wien - In der Bibel wurde von der Nachbarsgattin noch eindringlich abgeraten, später zeigte die Werbeindustrie, wie es auch mit dem Nachbarn klappt. Wie man sieht ist die libidinöse Beziehungspflege zwischen angrenzenden Wohnparteien ein Ur-Topos der Menschheit.

"Over The Threshold", eine Produktion des vienna theatre project im Theater Drachengasse, erzählt somit eine bekannte Geschichte: Kate und Tom, seit Jahren ein Paar, streiten sich und finden für einen Abend Trost bei den ihnen bis dato noch unbekannten Nachbarn. Kate bei Charlie, der so wunderbar leidenschaftlich ist, Tom bei Sam, die so gut zuhören kann. In der Folge wird eine Reihe volksmündlich überlieferter Beziehungsweisheiten durchdekliniert, am Ende sind sich alle wieder gut.

Das Besondere daran: "Over The Threshold" ist ein Musical aus dem Londoner West End, die komödiantischen Wirrungen à la Friends werden gesungen und von einem Elektropiano begleitet (Bettina Bogdany) dargeboten. Das funktioniert in dem intimen Rahmen nicht schlecht, besonders weil man merkt, dass Autor/Komponist Christopher Hamilton und Regisseur Kieran Brown die Angelegenheit nicht zu ernst nehmen. Geschlechter- und Musiktheaterklischees werden gleichermaßen auf die Schaufel genommen.

Brown schreckt als Tom auch vor der gewagtesten Hemd-Hauspatschen-Kombination nicht zurück, Lisa Gray und Dave Moskin machen als Kate und Charlie einen auf Titanic, Katrin Mersch darf als Sam einige Male energisch die Haare schütteln.

Die Songs fallen nicht unangenehm auf, das Englisch ist leicht zu verstehen ("I'm married." - "You're married?!") und viele Pointen sitzen. Nur wenn es gefühlig werden soll, fehlt bei all der Lockerheit der letzte Biss. Die Inszenierung versucht bei allem Augenzwinkern schließlich nicht, die potentielle Schrille des Musicals auf die Spitze zu treiben, sodass es schließlich bei einer amüsanten Sitcom bleibt. Mit Gesang und in Originalversion. (Dorian Waller/DER STANDARD, Printausgabe, 6.10. 2010)


Theater Drachengasse, 1010 Wien, Tel. 01/5131444, 5.-9. u. 12.-16.10, 20.00

  • Charlie begehrt ganz eindeutig seines Nachbarn Weib. (Lisa Gray der Hand 
von Dave Moskin)
    foto: matthias wurz

    Charlie begehrt ganz eindeutig seines Nachbarn Weib. (Lisa Gray der Hand von Dave Moskin)

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