Experten bezweifeln, ob ein rascher Ausstieg aus Öl und Gas überhaupt möglich ist - Trotzdem ist dies ein zentraler Slogan der Wiener Grünen im Wahlkampf
Wien - "Bis der Übergang von den nichterneuerbaren zu den erneuerbaren Energien tatsächlich vollzogen ist, wird es Jahrzehnte dauern - und wir haben nicht jahrzehntelang Zeit, bevor die Förderspitzen von Öl und Erdgas erreicht sind", prognostizierte Richard Heinberg in seinem Buch Öl-Ende. Der Energieexperte Michael Cerveny von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (Ögut) ergänzt in Vorträgen: Würde der derzeitige "Boom" von rund 30 Prozent an Wachstumsraten bei Wind und Fotovoltaik andauern, würden diese Energieformen erst zwischen 2015 (Windkraft) und 2027 (Fotovoltaik) die Ein-Prozent-Marke des Weltenergiebedarfes überschreiten. In Österreich sei der Umstieg zwar leichter möglich - "aber nicht kurzfristig, sondern in ein, zwei Generationen".
Und nun ziehen die Wiener Grünen mit dem zentralen Slogan "Raus aus Öl und Gas" in den Wahlkampf. Den Zeithorizont für diesen radikalen Wandel legen sie auf 15 bis 20 Jahre fest. Auf die Frage, ob Wien nach einem derart massiven Umbruch noch lebenswert sei, antwortet Christoph Chorherr, Energiesprecher der Wiener Grünen: "Ja, sogar noch mehr als jetzt." Ob Wien in 15 bis 20 Jahren seine Energie ohne Öl und Gas produzieren könne, will Chorherr nicht endgültig fixieren: "Wichtig sind die Richtung und die Zielvorgabe." Und die beträfen fast alle Lebensbereiche. Etwa:
- Verkehr Für die Öffi-Nutzer locken die Grünen mit dem Slogan "100 Euro für die Jahreskarte - ein Euro pro Tag". Gleichzeitig heißt es aber auch laut Chorherr: "Man muss den Mut haben zu sagen: Autos mit Verbrennungsmotoren sind die Ausnahme in der Stadt." Ziel sei daher nach wie vor eine "intelligente City-Maut": Ein gestaffeltes Mautsystem, das zur Peripherie hin teurer wird. Allerdings: Die Diskussion um eine City-Maut wurde gerade erst von der SP-Regierung per Volksbefragung beendet. Und: "Garagenbau ist freier Markt und nicht öffentliches Gut. Ja, es ist zumutbar, einem, der sich in der Stadt ein Auto kauft, zu sagen, er soll sich selbst um einen Stellplatz kümmern. Eine "massive Förderung" sollten Car-Sharing-Modelle bekommen.
- Energie "Verbrauch runter, solare Stromerzeugung rauf", lautet Chorherrs Formel: Ziel sei es, dass in zehn, fünfzehn Jahren die Stromerzeugung an Hausfassaden und Außenflächen die Regel ist. Ein erstes Projekt: Ein Fotovoltaik-Kraftwerk auf den Industrie-Dächern von Liesing. "Wien zahlt derzeit pro Jahr zwei Milliarden Euro ans Ausland für den Import von Öl und Gas. Damit soll das bezahlt werden." Bei der Wärmegewinnung soll im Althausbestand verstärkt auf Fernwärme gesetzt werden. Was allerdings bei der Stromproduktion gegen einen kompletten Gasausstieg binnen 15 Jahren spricht: Im Kraftwerk Simmering etwa wurde der Block 1 vor zwei Jahren erst "empowert" - Block 4 ist in Planung.
- Wohnbau "Ab sofort werden im Neubau nicht nur Wohnhäuser, sondern auch öffentliche Gebäude wie Schulen, aber auch Einkaufszentren im Passivhaus- oder Plusenergie-Standard errichtet."
- Sanierung "Was derzeit fehlt, ist eine Passivhaus-Sanierung" - und den gewichtigsten Einwand, dass dies gerade im Gründerzeitviertel massive Probleme mit den historischen Fassaden mit sich brächte, will Chorherr nicht gelten lassen: "Technisch ist eine Innen-Dämmung bereits möglich. Und im Bereich der Innenhöfe gäbe es genug Flächen, vor allem ungedämmte Feuermauern." Hier wollen die Grünen eine Sanierungspflicht mit Fristen einführen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2010)