Überleben durch Maschinen

7. Oktober 2010, 17:00
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Künstliche Lunge, künstliches Herz, Dialyse - Der Organersatz durch Maschinen ist Alltag in der Intensivmedizin

Dialyse und künstliche Lunge übernehmen die Funktion von Nieren und Atmung und auch Kreislauf und Herzschlag können künstlich aufrecht erhalten werden. "Die Intensivmedizin ermöglicht mit Hilfe von Maschinen die vorübergehende Überbrückung des Ausfalls eines oder mehrerer Organe", klärt Michael Joannidis, Leiter der Intensivstation an der Universitätsklinik Innsbruck auf, und nennt drei Indikationen: Im Zuge einer schweren Erkrankung ersetzen Maschinen ein Organ, bis dieses seine Funktion wieder ausüben kann. In chronischen Situationen können Maschinen als Überbrückung zu einer Organtransplantation über einen längeren Zeitraum Leben retten. Maschinen werden aber auch bei chronischen Erkrankungen ohne Heilungsmöglichkeit eingesetzt, um die Lebenszeit zu verlängern, sofern dies medizinisch sinnvoll ist und vom Patienten ausdrücklich gewünscht wird.

Externe und interne Maschinen

Manche Maschinen werden implantiert und bilden eine Art Symbiose mit dem Menschen - wie etwa der Herzschrittmacher -, andere, wie das Dialyse-Gerät, binden den Patienten an Ort und Zeit. Tendiert die moderne Medizin zur Implantation externer Geräte? Joannidis: "Es gibt schon einige Maschinen, die man implantieren kann." So reagiert der Herzschrittmacher als ein "relativ altes" aber mit neuen Funktionen ausgestattetes Gerät heute auch auf Kammerflimmern automatisch mit Defibrillation. Als weitere implantierbare Maschinen nennt der Internist und Intensivmediziner das künstliche Herz und die "Deep Brain Stimulation" oder "STN-Stimulation" - eine Art Schrittmacher für das Gehirn, der routinemäßig bei Parkinson, essentiellem Tremor oder Dystonie zum Einsatz kommt. An einer automatisierten implantierbaren Insulinpumpe und einer tragbaren künstlichen Niere wird derzeit in klinischen Studien geforscht. Letztere wird zwar nicht als Implantat, aber als mobile Alternative zum 1943 entwickelten Dialysegerät zum Einsatz kommen.

Künstliches oder echtes Organ?

Im intensivmedizinischen Bereich steht der immer effizientere Ersatz von Organen im Vordergrund. "Obwohl die Qualität der organersetzenden Maschinen in den letzten Jahrzehnten rasante Fortschritte gemacht hat, ist es noch nicht möglich, alle Funktionen jedes einzelnen Organs nachzubilden", betont der Internist und Intensivmediziner. Bei länger dauerndem Organausfall, wie zum Beispiel bei chronischer Niereninsuffizienz, wird daher die Transplantation eines Spenderorgans, das die Funktion des eignen Organs vollständig übernimmt, bevorzugt. Allerdings verlangt dieses Vorgehen eine dauerhafte Immunsuppression um eine Abstoßung zu verhindern.

Die Risiken bei in den menschlichen Organismus implantierten Maschinen liegen im Gegensatz zu fremden Organen nicht in der Abstoßung sondern in Infektionen. Da Implantate als Fremdkörper über eine andere Oberflächenstruktur als die körpereigene verfügen, können sich Bakterien leichter anlegen. Tritt eine Infektion auf, wird sie mit Antibiotika behandelt. Im schlimmsten Fall muss das Implantat ausgetauscht werden. Wie es sich in Symbiose mit einer Maschine lebt? "Die Frage ist immer, wie gut sich so eine Maschine in den Alltag einfügt", weiß Joannidis. „Im besten Fall wird sie nicht mehr wahrgenommen."

Lebensqualität

Der Einsatz von Maschinen, die den Tod verhindern oder hinauszögern, sei grundsätzlich als sehr positiv zu betrachten, "aber es gibt Grenzbereiche, die aus ethischer Sicht prekär sind," weiß Peter Kampits, Leiter der "Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog", Vorsitzender des Wiener Beirates für Bio- und Medizinethik und Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft an der Universität Wien. So sei immer wieder versucht worden, den Begriff der Lebensqualität objektiv festzuhalten, "aber Lebensqualität ist etwas sehr subjektives." Das bestätigt Joannidis: "Wir erkundigen uns im intensivmedizinischen Bereich ständig nach der Lebensqualität der Patienten. Oft bezeichnen Patienten mit Einschränkungen ihre Lebensqualität als 'gut‘. Hier geht es um einen Abgleich des persönlichen Ist- und Soll-Wertes. Die Frage ist: Was ist meine Vorstellung und was ist davon erfüllt?" Bei akuten Erkrankungen werde die Lebensqualität dagegen oft als "schlecht" wahrgenommen, berichtet der Intensivmediziner, was mit der oft sehr abrupten Veränderung des Lebens zusammenhänge. "Unsere generelle Erfahrung ist, dass wesentliche Einschränkungen der Lebensqualität mit Isolation, Leiden und Schmerzen einher gehen."

Ist alles, was machbar ist, gut?

"Ob das, was intensivmedizinisch machbar ist, auch für den Patienten gut beziehungsweise zumutbar ist, ist eine Gratwanderung", betont Kampits. Es gebe Hochleistungssportler in der Medizin, die alles, was machbar ist, realisieren. Auf der anderen Seite stünden Ärzte, die sagen: Warum nicht jemandem Leiden ersparen helfen? "Das Wertbild, auch das verzerrte, ist ebenso wichtig wie das Blutbild", zitiert Kampits den Medizin-Ethiker Hans-Martin Sass. Eine Seite ist die medizinische Indikation, die andere Seite der - manchmal nur noch mutmaßliche - Wille des Patienten. Die Grenzen seien schwer zu ermitteln, man müsse auf den individuellen Kontext eingehen und die Zumutbarkeit abwägen.

Menschliche und maschinelle Grenzen

Ein Patient kann maschinell am Leben erhalten werden, bis der Tod eintritt - sei es durch Verlust der Vitalfunktionen, oder, wenn diese noch aufrecht sind, durch den Hirntod. Bei letzterem können oft noch die Körperfunktionen für eine gewisse Zeit aufrechterhalten werden, aber das Gehirn verliert seine Funktionen. Beide Möglichkeiten sind laut Joannidis klar definierbar und diagnostizierbar. Für den Intensivmediziner verlieren organersetzende Maschinen ihre Sinnhaftigkeit, wenn keine Form der Stabilisierung mehr möglich ist und somit nur mehr ein Hinauszögern des Sterbeprozesses erfolgt oder wenn nach der Akuterkrankung kein selbstbestimmtes Leben mehr gegeben ist. "Wenn der Patient bei Bewusstsein ist und kommunizieren kann, ist es für uns das Wichtigste, zu erfassen, was er will und was nicht. Problematisch wird es, wenn er sich nicht mehr äußern kann. Dann besteht unsere Politik darin, mit den Angehörigen zu sprechen, den Wunsch des Patienten zu eruieren und diesem möglichst gerecht zu werden."

Das Abschalten der Maschinen impliziert den Übergang zur Palliativ-Care. "Eine sehr schwere Entscheidung, weil das den Tod bedeutet", so Kampits. "Die Verantwortung zu entscheiden, ob eine Maschine abgedreht wird oder nicht, ist nicht teilbar." Es habe sich aber eingebürgert, dass nicht ein Arzt alleine darüber entscheidet, sondern das gesamte Team, das den Patienten betreut.

Der eigene Wille

In welchem Rahmen Maschinen das eigene Leben aufrecht erhalten sollen, kann man mit einer notariell abgezeichneten oder glaubhaft unterschriebenen Patientenverfügung weitgehend selbst bestimmen. Um konkret definieren zu können, unter welchen Bedingungen welche Eingriffe Sinn machen, empfiehlt Joannidis das Gespräch mit einem Intensivmediziner. Die Patientenverfügung sei zwar ein wichtiger Schritt, die eigenen Wünsche festzuhalten, "ein Nachteil ist aber, dass sie nicht zentral gespeichert wird", kritisiert Kampits. (tin, derStandard.at, 07.10.2010)

  • "Obwohl die Qualität  der organersetzenden Maschinen in den letzten 
Jahrzehnten rasante Fortschritte gemacht hat, ist es noch nicht 
möglich, alle Funktionen jedes einzelnen Organs nachzubilden." Michael Joannidis ist Facharzt für Innere Medizin, Leiter der medizinischen Intensivstation an der Universitätsklinik Innsbruck und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für internistische und allgemeine Intensivmedizin.
    foto: michael joannidis

    "Obwohl die Qualität der organersetzenden Maschinen in den letzten Jahrzehnten rasante Fortschritte gemacht hat, ist es noch nicht möglich, alle Funktionen jedes einzelnen Organs nachzubilden." Michael Joannidis ist Facharzt für Innere Medizin, Leiter der medizinischen Intensivstation an der Universitätsklinik Innsbruck und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für internistische und allgemeine Intensivmedizin.

  • "Die Verantwortung zu entscheiden, ob eine Maschine abgedreht wird oder nicht, ist nicht teilbar." Peter Kampits ist Leiter der Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft 
im Dialog, Vorsitzender des Wiener Beirates für Bio- und Medizinethik 
und Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft an der 
Universität Wien.
    foto: robert newald

    "Die Verantwortung zu entscheiden, ob eine Maschine abgedreht wird oder nicht, ist nicht teilbar." Peter Kampits ist Leiter der Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog, Vorsitzender des Wiener Beirates für Bio- und Medizinethik und Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft an der Universität Wien.

  • Hämofiltration ist eine schonende Nierenersatztherapie die nur auf Intensivstationen verwendet wird.
    foto: michael joannidis

    Hämofiltration ist eine schonende Nierenersatztherapie die nur auf Intensivstationen verwendet wird.

  • Maschine zur künstlichen Beatmung an der Universitätsklinik Innsbruck.
    foto: michael joannidis

    Maschine zur künstlichen Beatmung an der Universitätsklinik Innsbruck.

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