"Unterricht auf den einzelnen Schüler individualisieren"

6. Oktober 2010, 13:40
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Bildungsministerin Schmied über ihre Verwendung von Sprichwörtern, die gar nicht so liberale Staatssekretärin Marek und das "Feuer am Dach" der Unis

Leistungsgruppen auch in Gymnasien – von diesem neuen ÖVP-Vorschlag hält Bildungsministerin Schmied "gar nichts". Trotz der ideologischen Differenzen verlangt sie einen "gesellschaftspolitischen Schulterschluss", wenn es um die Anliegen der Bildung geht. Kein Problem hat Schmied damit, zu diesem Zwecke, auch Henry Ford, Automobilmagnat und Antisemit, zu zitieren. Die Fragen stellten Teresa Eder und Sebastian Pumberger.

derStandard.at: Gestern war Welttag der Lehrer. Das Image der Lehrer in der Öffentlichkeit leidet, wie viel Anteil daran hat die Politik?

Schmied: Das ist natürlich eine sehr berechtigte Frage nach dem schwierigen ersten Halbjahr 2009, wo auch die Lehrerinnen und Lehrer in der laufenden Debatte sehr gelitten haben. Wir sind jetzt auf dem Weg der eindeutigen Imageverbesserung. Ich hoffe, dass ich selbst dazu auch Beiträge leisten kann. Was mich sehr freut, ist der enorme Zuspruch von Studierenden an den Pädagogischen Hochschulen. Das zeigt, dass die jungen Menschen den Beruf des Lehrers oder der Lehrerin als sehr attraktiv ansehen.

derStandard.at: Die ÖVP Wien fordert nun auch Leistungsgruppen in den Gymnasien. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Schmied: Ich war und bin einigermaßen überrascht über den Kurs, den Frau Marek jetzt im Wien-Wahlkampf fährt. Ich hab sie sehr viel liberaler während unserer Regierungsarbeit kennengelernt. Um aber ihre Frage zu beantworten: Von diesem Vorschlag halte ich gar nichts. Wir wollen genau in die andere Richtung gehen – nämlich hin zur gemeinsamen Schule für alle bei starker innerer Differenzierung. Das heißt: Individualisierung des Unterrichts auf den einzelnen Schüler. Das braucht mehr Lehrer.

derStandard.at: Worin besteht der Unterschied genau? Unter innerer Differenzierung kann man sich viel vorstellen.

Schmied: Entscheidend ist, dass wir nicht Personen selektieren, abstempeln und sagen: Du bist gut, du bist sehr gut und bist in der ersten Leistungsgruppe. Wir wollen den Unterricht besser auf die Interessen und Neigungen der jungen Menschen abstimmen. Frei nach Antoine de Saint-Exupéry: "In jedem von uns steckt ein kleiner Mozart" kann jeder von uns irgendetwas ganz besonders gut.

derStandard.at: Jetzt sind Sie in den vergangenen Jahren mit einigen Maßnahmen, zum Beispiel Lehrerarbeitszeit oder Lehrercontrolling, gescheitert. Immer wieder auch an der eigenen Partei. Fühlen Sie sich allein gelassen?

Schmied: Nein. Wenn man etwas weiterbringen will, ist es wichtig, verschiedene Dinge auch durchaus im Widerstand durchzusetzen zu versuchen. Was die Lehrerarbeitszeit betrifft, haben wir in der Tat als Dienstgeber leider nicht bis zum Schluss durchgehalten. Dafür haben wir mit den Lehrerinnen und Lehrern ein Paket vereinbart, das jetzt pro Jahr 130 Millionen Euro Einsparungen bringt. Die Lehrer sind damit die einzige Gruppe, die jetzt schon im Zuge der Budgetkonsolidierung substanzielle Beiträge leistet. Was das Lehrercontrolling betrifft, ist klar, dass das eine Sache der Finanzen ist und deshalb nur mit dem Finanzminister gemeinsam durchgesetzt werden kann.

derStandard.at: Kanzler ist immer noch Werner Faymann aus der SPÖ. Warum hat er da nicht für sie interveniert?

Schmied: Da muss ich den Bundeskanzler in Schutz nehmen, weil das eine Materie ist, die eindeutig beim Finanzminister angesiedelt ist. Ich habe mit Josef Pröll vor einem Jahr daran zu arbeiten begonnen, er hätte auch schon vor einem Jahr sagen können, dass er das Lehrercontrolling erst im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen 2013 umsetzen willen. Da hätten wir uns zeitlich gesehen ein bisschen etwas erspart, aber ich sage nocheinmal: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

derStandard.at: Die Grünen wollen ein Bildungsvolksbegehren starten, sollten die überschüssigen Mittel durch Steuereinnahmen nicht für den Bildungsbereich ausgegeben werden. Würde so eine Initiative ihre Politik stärken? Was halten Sie von dem Vorschlag?

Schmied: Ich sehe das positiv, wie ich jede Stimme, die sich für Bildung erhebt, als positiv werte. Es ist sehr wichtig, dass Ministerin Karl und ich ein Bündnis für die Bildung eingehen. Wir müssen parteipolitische Grenzen eindeutig überwinden und brauchen hier einen gesellschaftspolitischen Schulterschluss, damit wir im Bereich der Universitäten und Schulen weiterkommen. Ohne Zweifel braucht es hier auch mehr Budgetmittel.

derStandard.at: Vielerorts wird in Österreich ein großer Lehrermangel befürchtet, weil in den nächsten Jahren 50 Prozent der Lehrer in Pension gehen. Was tun sie dagegen? Lehrer aus der Pension zurückzuholen, ist das eine Option?

Schmied: Ich möchte nichts schönreden, weil wir tatsächlich einen Lehrermangel haben. Wichtig ist aber, dass wir die Relation im Auge haben: Wir beschäftigen 120.000 Lehrer und bei 600 Posten davon – also 0,5 Prozent – mussten wir zu Sondermaßnahmen greifen. In der Wirtschaft würden wir uns so eine Planungsgenauigkeit wünschen. Bei diesen 600 Posten kann es im Einzelfall sein, dass bei Lehrern, die schon in Pension sind, nachgefragt wurde, ob sie nicht doch wieder unterrichten wollen. Es gibt auch die Möglichkeit Studierende, die ihr Studium abgeschlossen haben, beim Unterrichtspraktikum gleich mit einer höheren Lehrverpflichtung zu versehen.

derStandard.at: Der ehemalige SPÖ-Bildungssprecher Josef Broukal schreibt in seinem neuen Buch, dass der freie Hochschulzugang in seiner derzeitigen Form nicht aufrechtzuerhalten sei, wenn nicht genügend Mittel zur Verfügung gestellt werden. Sie hingegen schreiben im selben Buch: Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen und Knock-Out-Prüfungen sind keine adäquate Antwort. Wer hat jetzt recht?

Schmied: Studiengebühren sind ein Weg, um Mittel zu lukrieren. Wir müssen aber bedenken, dass mit der Abschaffung der Studiengebühren dieser Betrag den Universitäten refundiert wurde. Jetzt zu sagen wir brauchen die Studiengebühren, um die Finanzierung der Universitäten zu lösen, ist eine Argumentationskette, die für mich nicht wirklich schlüssig ist. Die Sozialdemokratie vertritt den freien Hochschulzugang, frei von finanziellen Barrieren und Belastungen. So ist damals im Parlament auch auf Initiative von Josef Broukal der Beschluss zur Abschaffung der Studiengebühren zustande gekommen. Das hat weniger mit Finanzierungsfragen als mit grundsätzlich politischen Fragen zu tun.

derStandard.at: Was sagt es über die Regierung generell aus, wenn Universitäts-Rektoren drei Mal vergeblich versuchen, ins Gespräch mit der zuständigen Ministerin beziehungsweise mit dem Finanzminister zu kommen?

Schmied: Da ist offensichtlich Feuer am Dach.

derStandard.at: Warum müssen die Rektoren dann gleich drei Mal darum bitten?

Schmied: Das steht auch im Zusammenhang mit der Frage, wieviel Druck nötig ist, um Veränderungen herbeizuführen. Den Rektoren ist es ein großes Anliegen, dass dürfen wir ihnen nicht vorhalten.

derStandard.at: Man kann aber der Politik vorhalten, dass sie kein Interesse an den Problemen hat.

Schmied: Jetzt warten wir einmal den Oktober ab, in dem die Budgetgespräche stattfinden. Die Situation an den Universitäten ist jedoch sicher so, dass Handlungsbedarf gegeben ist.

derStandard.at: Sie verwenden gerne ein Zitat von Henry Ford: "Der Wohlstand eines Landes wird im Klassenzimmer entschieden", auch im Buch von Josef Broukal. Warum gerade dieses?

Schmied: Weil es mir so treffend erscheint und weil es auch bildhaft ist.

derStandard.at: Ist Ihnen bewusst, wer Henry Ford war?

Schmied: Durchaus, ich sage dann meistens, wenn ich ihn zitiere, dass es eine Persönlichkeit ist, auf die ich nicht so häufig und gerne zurückgreife.

derStandard.at: Henry Ford war nicht nur ein Industrieller sondern auch Verfasser antisemitischer Schriften. Ist es wirklich gerechtfertigt, einen antisemitischen Autor, der auch den Nationalsozialisten als Vorbild diente, nun als Ideengeber für die österreichische Bildungspolitik herzunehmen?

Schmied: Da sind Sie jetzt sehr kritisch, weil Henry Ford oft auch in der ökonomischen Literatur zitiert wird. Man kann den Satz auch so sagen: "Der Wohlstand eines Landes wird zu einem großen Teil im Klassenzimmer und den Universitäten entschieden" und dann nenne ich als Copyright Schmied.

derStandard.at: Man verwendet ein Zitat ja auch um seine eigenen Argumente und Ideen zu untermauern. Sehen sie da keinen Widerspruch zur sozialdemokratischen Politik?

Schmied: Das muss ich zurückweisen. Mein Zurückgreifen auf Ford bezieht sich ausdrücklich auf diesen einen Satz, den ich für sehr treffend halte. Mir jetzt unterstellen zu wollen, dass ich mit Henry Ford oder mit seinen anderen Gedanken sympathisiere, weise ich auf das Schärfste zurück. (Teresa Eder/Sebastian Pumberger, 6.10.2010)

CLAUDIA SCHMIED (51) ist seit 2007 Ministerin für Unterricht, Kunst und Kultur.

  •  "Ich bin einigermaßen überrascht über den Kurs, den Frau Marek jetzt im Wien-Wahlkampf fährt." Schmied hält nichts vom ÖVP-Vorstoß, auch in den Gymnasien Leistungsgruppen zu implementieren.
    derstandard.at/pumberger

     "Ich bin einigermaßen überrascht über den Kurs, den Frau Marek jetzt im Wien-Wahlkampf fährt." Schmied hält nichts vom ÖVP-Vorstoß, auch in den Gymnasien Leistungsgruppen zu implementieren.

  • "Wir müssen parteipolitische Grenzen überwinden" -  nur so könne Bildung, Wissenschaft und Forschung den Stellenwert erhalten, den es braucht.
    derstandard.at/pumberger

    "Wir müssen parteipolitische Grenzen überwinden" -  nur so könne Bildung, Wissenschaft und Forschung den Stellenwert erhalten, den es braucht.

  • Dringenden Handlungsbedarf sieht Schmied im Nachbar-Ressort: "Da ist offensichtlich Feuer am Dach."
    derstandard.at/pumberger

    Dringenden Handlungsbedarf sieht Schmied im Nachbar-Ressort: "Da ist offensichtlich Feuer am Dach."

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