"Im Internet gilt nach wie vor das Cyberpunkgesetz"

11. Oktober 2010, 16:21
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Medienforscher Geert Lovink über langweilende Monopole und Internet-Sklaverei

Wie hat sich unsere Gesellschaft durch die Internet-Revolution verändert und wie geht die Entwicklung der neuen Medien weiter? "Zum Glück ist die Internet-Revolution noch nicht vorbei", sagt Medienwissenschaftler und Netzaktivist Geert Lovink im Email-Interview mit derStandard.at. Der niederländisch-australische Professor löschte 2010 seinen Facebook-Account im Rahmen des "Quit Facebook Day" und sieht die Zukunft in dezentralen Netzwerken wie Diaspora. "Leute langweilt es nach einer gewissen Zeit sich an restriktiven Monopolen zu beteiligen. Nach wie vor gibt es das offene Netzprinzip und damit die Möglichkeit, Google und Facebook etwas entgegenzusetzen", ist Lovink überzeugt.

derStandard.at: Wenn Sie 20 Jahre zurückblicken, und die Welt von damals mit der Welt von heute vergleichen, hat die Revolution der neuen Medien uns als Menschen verändert?

Lovink: Nein, weil ich nicht daran glaube, dass die Menschheit als Gattung in wenigen Jahrzehnten änderungsfähig wäre. Was sich revolutioniert sind die Technologien, die Globalisierung - und die Geschwindigkeit. Im Vergleich mit den 1980-Jahren ist die Gesellschaft selbst meiner Meinung nach langweiliger und konservativer geworden. Alles ist - trotz Daueränderungszustand - in eine lähmende Defensive geraten. Ich bin keine nostalgische Person, aber das Museum Europa macht zu und es ist nun an den Historikern zu beurteilen, wie genau das Internet dazu beigetragen hat. Die ganze Atmosphäre ist geprägt von passivem Konsum, Popspektakeln und Leistungszwang. Da wird es verdammt schwierig sich die Zeit zu nehmen, radikale Ideen zu entwickeln und sie auszuprobieren. Wir verhindern die Entstehung zukünftiger Freiräume. Was also bleibt, ist die Zähmung von Medienkonzepten, die vor 10, 20, 30 Jahren angedacht wurden.

derStandard.at: Sie haben Mitte der 1990er-Jahre den Begriff "tactical media" mitgeprägt und beschreiben damit eine anarchische Form der Mediengestaltung, die aus unvorhersehbaren Zusammenschlüssen von Hackern, Künstlern, Journalisten, Aktivisten resultiert. Anfang 2010 sorgte nun die dezentral organisierte Enthüllungsseite Wikileaks für Aufsehen. Allerdings hat sich auch gezeigt, dass Nachrichten zur Verbreitung nach wie vor auf große zentrale Institutionen und Medien angewiesen sind. Welche Rolle werden "tactical media" künftig in unserer Gesellschaft einnehmen?

Lovink: Woher diese Obsession mit der Zukunft? Im Internetbereich gilt nach wie vor das Cyberpunkgesetz: die Zukunft ist jetzt. Es reicht völlig aus sich mit dem zu befassen, was heutzutage passiert. Vor allem die Geisteswissenschaften haben die größten Probleme, kritische Konzepte für die Echtzeitgesellschaft zu entwickeln. Das gilt auch für den Bereich der sozialen Bewegungen und die neuen Protestformen im Internetzeitalter. Das Problem bei Wikileaks ist die Kombination von billigen Speichermedien und abwesenden sozialen Bewegungen, die z.B. im
Antikriegsbereich die ganzen Daten auswerten könnten. Entweder man macht das über Crowdsourcing oder baut zuerst eine eigenständige Internetwirtschaft auf, damit man eigene Forscher-Journalisten bezahlen kann. Ob große zentrale Institutionen und Medien diese mühselige Arbeit für und mit Wikileaks machen werden, wird sich noch zeigen. Ich setze also nach wie vor auf autonome Strukturen und rufe alle auf sich zu organisieren. Erst dann wären taktische Medien in der Lage einzugreifen. Ohne ein grundlegendes kritisches Klima und die Ökoforschung wäre Greenpeace doch gar nicht denkbar? Widerstand beschleunigt sich, wird immer virtueller und globaler. Aber man kann es sich nicht leisten, keine Fakten und Argumente zu sammeln.

derStandard.at: Auf Seite der Konsumenten ändert sich zunehmend die Art und Weise, wie wir Nachrichten oder allgemein mediale Inhalte beziehen. Waren es früher einzelne Portale, erhalten wir viele Infos heute durch Freunde oder Bekannte bereits gebündelt über unsere sozialen Netzwerke - sei es Twitter, Facebook oder MySpace. Werden aus sozialen Netzwerken soziale Medien?

Lovink: Soziale Medien sind in der Tat bei der Verbreitung von personalisierten Nachrichten wichtig. Ob sie unerwünscht sind, bleibt zu beurteilen. Viele erleben die sozialen Netzwerke als Rauschkanäle. Angenehm weil persönlich, aber nicht besonders effektiv.

derStandard.at: In Interviews sprechen Sie davon, dass Facebook früher oder später auseinanderfallen und von dezentralen Netzwerken wie Diaspora ersetzt würde. Nun ist es heute aber so, dass immer mehr Menschen immer mehr Informationen über Facebook tauschen und konsumieren. Damit bauen sie sich soetwas wie eine virtuelle Heimat auf, die mit jedem Besucher reicher an Inhalten wird. Seiten wie Youtube, Flickr und Medienverlage wie derStandard.at verzeichnen bereits einen großen Teil der Userströme aus Facebook und geraten damit genauso wie die User in eine Art Teufelskreis. Könnte es passieren, das Facebook irgendwann zu groß und einflussreich ist, um darauf noch verzichten zu können?

Lovink: Eindeutig. Monopolisierungstendenzen und Disintegration sind ja keine entgegengesetzten Entwicklungen. Leute langweilt es nach einer gewissen Zeit sich an restriktiven Monopolen zu beteiligen. Das Schöne am Internet ist ja, dass es vor allem junge Leute sind, die gut spüren, was uncool und so besonders 2008 ist. Vor allem, wenn ihre Eltern sie dazu auffordern, doch bitte ihre Freundesanfrage auf Facebook anzunehmen. Zum Glück ist die Internet-Revolution noch nicht vorbei.
Nach wie vor gibt es das offene Netzprinzip und damit die Möglichkeit, Google und Facebook etwas entgegenzusetzen, was der kollektiven Einstellung von 2010 entspricht.

derStandard.at: Suchmaschinenbetreiber wie Google haben die Befürchtung, dass soziale Netzwerke ein "paralleles Internet" aufbauen und damit die freie Zugänglichkeit von Informationen über das Internet gefährden. Teilen Sie diese Angst?

Lovink: Google befürchtet Konkurrenz von Facebook, aber soll das wirklich unser Problem sein? Statt über die guten oder bösen Intentionen von Großfirmen wie Google zu spekulieren wäre es viel besser, uns für einheitliche globale Gesetze, die das offene Internet absichern, stark zu machen. Was wir brauchen, ist Code und Politik. Kein Gejammer - und schon gar keine Angst.

derStandard.at: Kleine Medienschaffende legen die Hoffnung ins Internet, dass es zu einer Demokratisierung des Medienkonsums verhilft. Kritiker meinen, tatsächlich profitieren von den Millionen an User-generierten Inhalten aber hauptsächlich wieder nur wenige große Player - siehe Youtube oder auch CNN iReport. Traditionelle Medienhäuser schüren wiederum Ängste, dass Suchmaschinenanbieter und soziale Netze auf ihre Kosten profitieren - siehe Google News, etc. Ist die Welt des Internets auf Sklavenschultern gebaut?

Lovink: Da stimme ich überein. Aber wir müssen über eindimensionale Begrifflichkeiten wie Sklaverei hinausgehen und genauer betrachten, und darüber diskutieren und philosophieren, was da passiert. Matteo Pasquinelli und Yann Moulier Boutang arbeiten gerade daran. Wir können die Logik auch umdrehen. Die Netzarchitektur ist nicht Gottgegeben. Das Peer to Peer-Prinzip kann ja auch im Bereich der Bezahlsysteme implementiert werden. Die Banken werden das aber nicht besonders lustig finden. Radikale Dezentralität ist strafbar, das wissen wir schon aus vielen Bereichen.

derStandard.at: Werden soziale Bezahlsysteme wie Flattr die Medienlandschaft diesbezüglich nachhaltig verändern können?

Lovink: Flattr ist ein Experiment. Es hat vor wenigen Wochen angefangen. Warum glauben Sie, dass wir jetzt schon wissen, ob sich diese Bezahlsysteme sogar nachhaltig durchsetzen. Irgendetwas stimmt doch nicht am Tageswahn. Das Internet wächst zwar nach wie vor schnell, aber Journalisten wie Sie überfordern das Ganze.
Was durch Ihre Fragen angekurbelt wird ist ein Hype. Flattr ist eben ein Versuch, ein Denkmodell wie einige andere, derzeit eine Geldwirtschaft einzuführen, damit junge Künstler auch tatsächlich - auf Dauer - von ihrer Arbeit leben können. Das hätte vor 15 Jahren anfangen sollen. Jetzt ist die Mehrzahl der Internetnutzer daran gewohnt, dass viele Dienste umsonst sind. Im Mobilfunkbereich hat es von Anfang an eine andere Bezahlkultur gegeben. Das muss jetzt im Internetbereich nachgeholt werden. Das zu "hypen" hilft nichts und kann sogar kontraproduktiv sein.

derStandard.at: Werden Sie sich den Film "The Social Network" ansehen? Er soll auf dem Buch "The Accidental Billionaires" basieren. Glauben Sie, dass Zuckerberg und Co. durch Zufall an der Spitze gelandet sind?

Lovink: Vielleicht schaue ich mir den Film in ein paar Monaten an, wenn der Titel in der Videothek auftaucht. Zufall oder Schicksal, wer weiß. Wenn Sie sich mit dem Werdegang der vorigen Generation von Dot-com-Millionären auskennen, würde man vorsichtig sein mit einem schnellen Urteil. Ich sage nicht, Geld macht nicht glücklich. Aber es ist schwer ein einigermaßen normales soziales Leben zu führen, vor allem mit alten Freunden, geschweige denn in der Medienöffentlichkeit. Viele werden Anhänger von Verschwörungstheorien und sondern sich ab. Viele in deren Umgebung spüren, dass dieses Geld im gewissen Sinne gestohlen wurde. Die Millionäre von heute sind aber keine Kriminellen. Die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums geschah ganz legal. Wir wissen ja auch, dass viele Lottogewinner mit dem Geld nicht klarkommen.

derStandard.at: Sind Trends für Sie als Medienforscher seit der Internetrevolution schwerer vorherzusehen, als zuvor?

Lovink: Das alles entwickelt sich viel langsamer als man manchmal denkt. Die Web 2.0-Welle fing 2004 an, also vor sechs Jahren. Eigentlich ist die Mobilfunkbranche interessanter, weil sie noch schneller wächst und sich momentan in Afrika, Latein-Amerika und Asien abspielt. Viel wichtiger ist es, ist das gesamte Weltgeschehen, also die globale Finanzkrise von 2008, der Berliner Mauerfall, der 11. September vorherzusagen. Das ist, womit ich mich befasse. Neue Medien entwickeln sich nicht außerhalb der Gesellschaft in einem Geschichtsvakuum. Sie werden geprägt vom Zeitgeist - und der ist momentan rechts-populistisch. Stellen Sie sich mal vor, es hätte das Internet schon 1933 oder 1968 gegeben. Hätte der Holocaust überhaupt stattgefunden? Viele Historiker und Experten sagen ja und zwar noch schlimmer. Das interessiert mich.

derStandard.at: Wenn ich wissen wollte, wer Sie sind (und sie es mir aber nicht persönlich sagen wollen), würden Sie mir empfehlen: a) in die Bibliothek zu gehen b) bei Wikipedia nachschlagen c) Google Instant zu befragen d) ihr Netzwerk-Profil anzusehen?

Lovink: Ich empfehle meinen Studenten einen relativ stabilen Ort für ihr Webarchiv zu wählen. In meinem Fall ist das derzeit mein Blog auf der Webseite des Instituts für Netzkultur. Mein mittlerweile fünftes Archiv seit 1993 (www.geertlovink.org) befindet sich in Aufbau. Klar bin ich ein großer Fan von Wikipedia, das ist immer ein guter Anfang. Danach klickt man weiter und kommt irgendwann in einer virtuellen Bibliothek an, wo meine Bücher gespeichert sind. Derzeit sind das noch illegale Scans, aber ich verpreche, demnächst die meisten Bücher online zur Verfügung zu stellen. Archivieren ist Arbeit. Letztes Jahr haben wir das Radio- und Audioarchiv digitalisiert. Das alles kostet Geld und die Frage, wer das finanzieren wird, halte ich für die wichtigste Zukunftsfrage des Internets. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 5.10.2010)

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    foto: geert lovink european graduate school

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