Ein sizilianisches Thunwort für wandern

5. Oktober 2010, 16:46
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Der Naturpark Zingaro ist ein altes Stück Sizilien und ein schöner Umweg zum Thunfischfilet

Gut möglich, dass die beiden Fischer gerade von der Mattanza zurückkehrten. Gut möglich auch, dass sie ihre groben Netze für die traditionelle Thunfischjagd nun auf immer dem lokalen Museum für Meeresaktivitäten überantworten. Es ist jedenfalls kein Land der unbegrenzten Möglichkeiten hier um die Tonnarella dell'Uzzo.

Eingegrenzt wurden die Optionen für die Land- und Seenutzung hinter der verfallenen Thunfischfabrik von Uzzo vor genau 30 Jahren. Eine Schnellstraße hätte Castellammare mit San Vito lo Capo verbinden sollen. Und die Sizilianer im äußersten Nordwesten der Insel hätten sich mit ihr von einem der letzten rauen Küstenabschnitte getrennt. Schnell gab es massive Proteste gegen ein Asphaltband zwischen wilden sizilianischen Orchideen, die Regierung lenkte ein, und das erste Naturreservat Siziliens entstand noch im Jahr 1981.

Schwein gehabt?

Weiß der Geier im Naturpark Zingaro, der dort wieder unter Adlern und Falken lebt, ob es gut war für das "Schwein der Meere", wie der Thunfisch auch heißt in Sizilien. Anstelle der nur mehr selten praktizierten Mattanza, bei der Schwärme während weniger Monate zwischen Sizilien und den Ägadischen Inseln gejagt werden, kam der Hochseefang - und in die Thunfischdosen der Tonnarellas immer weniger. Der Tonno, der heute weit draußen vor der Küste gefangen wird, ist zwar noch immer zum großen Teil der begehrte Blauflossenthunfisch. Aber Gedanken machen, ob hier mit diesem sogenannten Roten Thun gar eine bedrohte Art auf den Teller kommt, muss sich in Sizilien keiner mehr. Verkauft wird die Delikatesse fast ausschließlich an der Tokioter Thunfischbörse Tsukiji. Auf den Auktionen werden dort bis zu 150.000 Euro für einen einzelnen Fisch erzielt.

Dagegen erscheint das Zingaro-Reservat wie ein fairer Deal mit der Natur: Auf einem acht Kilometer langen, unasphaltierten "Lungomare" wird das durchschritten, was anderswo als Freilichtmuseum gilt. Oder man könnte auch sagen: Es ist ein Stück in Ruhe gelassenes Sizilien, dessen zivilisatorische Strukturen nun behutsam nachgebessert werden. Selbst das Logo des Parks wirkt natürlich und ist es auch: eine Zwergpalme, angeblich die einzig endemische Italiens. Den Sizilianern, die sie "scopa" (Besen) nennen und tatsächlich auch solche daraus fertigten, glaubt man das jedenfalls.

Siedlungsgeschichten

Zwischen den immergrünen Haushaltshilfen, im neuen Lebensraum für Stachelschweine und Nachtigallen, stehen die alten Steinhäuser der Hirten. Bis auf ein einziges, restauriertes Haus - das Naturparkzentrum - sind sie so verlassen wie die glasklaren Buchten dahinter. Die ganz alten Siedlungsgeschichten liegen dennoch tiefer drinnen im Park - in der Grotta dell'Uzzo. In dieser Höhle wurden Spuren menschlicher Kultur aus der Jungsteinzeit, Skelette von Nashörnern, Mammuts und Löwen gefunden - nicht importiert, wie die Archäologen gerade nachzuweisen versuchen. Wer direkt vor der Grotte abbiegt in Richtung Meer, macht auf halber Strecke beim Wandern sogar noch einen Strandausflug. Die Mühen, bis hierher Schnorchel und Taucherbrille zu schleppen, belohnt der Park jedenfalls auch unter Wasser mit intakter Natur.

Der südliche Ausgang des Parks führt schließlich ins Bergdorf Scopello und ist gleichzeitig als Exit-Strategie aus dem Thunfisch-Dilemma zu sehen. Lediglich drei einfache Trattorien gibt es dort - und drei umso raffiniertere Arten der Rehabilitation des guten Rufs des sizilianischen Tonno: Blütenweiß kommt er als Filet aufs Limettenbett, als gutes Restlessen ins Couscous und ganz fein faschiert in die Thunfischsalami. Akut gefährdet erscheint der Weiße Thun nach diesem "Fangmodus" nicht - vorausgesetzt, er wird wirklich von jedem "erwandert". (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/02.10.2010)

  • Östlich des markanten Monte Cofano liegt Siziliens ältestes 
Naturreservat, der 1600 Hektar große Zingaro-Park
    foto: sascha aumüller

    Östlich des markanten Monte Cofano liegt Siziliens ältestes Naturreservat, der 1600 Hektar große Zingaro-Park

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