Turbo Turban

4. Oktober 2010, 22:36
72 Postings

Über das seltsame Gremium YÖK und das gekippte Kopftuchverbot in Universitäten

Es wird jetzt doch merklich kühler am Bosporus, da trifft es sich gut, dass sich der Türkische Hochschulrat YÖK wieder um die Kopfbedeckungen sorgt. Per Rundschreiben an die Rektoren hat dieser Wächterrat heute das Kopftuchverbot in den Universitäten gekippt. Frau darf jetzt auch innen.

Eigentlich war alles ganz anders geplant: Der YÖK sollte abgeschafft werden und der Streit um das Kopftuchverbot in einer gemeinsamen Anstrengung von Regierung und Opposition gelöst werden. Doch bevor Kemal Kilicdaroglu, der Chef der oppositionellen Republikanischen Volkspartei, das Land noch richtig mit einer Debatte über die angemessene Prozentzahl bedeckten Frauenhaars beglücken konnte, schritt der Hochschulrat zur Tat. Einen Enttäuschten gibt es jetzt mindestens.

Der YÖK ist ein seltsames Gremium. Zunächst ein Überbleibsel aus der Putschzeit von 1980, das den Säkularismus verteidigen und darauf achten sollte, dass die Studenten auf keine dummen politischen Gedanken kommen. Dann - nach 2002 - ging der Hochschulrat in die Hände der regierenden AKP über, scheiterte gemeinsam mit der Partei am Verfassungsgericht bei dem Versuch, das Kopftuchverbot in den staatlichen Universitäten aufzuheben, und blieb wieder, was er war: ein zentralistischer, überforderter Beamtenkreis, der in alle Universitäten des Landes hineinregieren soll.

Was sich wirklich hinter der Montag-Entscheidung des YÖK zum Kopftuch verbirgt, ob es sich um einen Schnellschuss des Gremiums, einen Bauerntrick des Premierministers, oder eine wohl überlegte Entscheidung handelt, das politische Moment nach dem Sieg der konservativ-muslimischen AKP-Regierung beim Verfassungsreferendum auszunutzen - das alles ist im Moment unklar. Noch nicht abschätzbar ist auch, wie sich die Höchstrichter nun verhalten werden.

Kommentatoren sehen jedenfalls einen Machtbeweis der AKP. Kilicdaroglu wollte eine Diskussion beginnen über den "Türban", die Kopfbedeckung für Frauen, und warb am vergangenen Wochenende für das "iranische Modell", bei dem Teile des Kopfhaars zu sehen sind, was die laizistische Seele noch gerade hinnehmen könnte. Viele Freunde hat er sich mit diesem Zugeständnis nicht gemacht: die einen nennen ihn einen Opportunisten, die anderen sind nur fassungslos. Der Premier hat jedenfalls die Oberhand. Er spricht bewusst von "başortü", der Kopfbedeckung, die frau auch bei der Arbeit auf dem Feld trägt - sprich: gegen den Schmutz und garantiert unpolitisch. Vergangene Woche trafen sich Regierungschef Tayyip Erdogan und Oppositionsführer Kilicdaroglu für zehn Minuten am Rand einer Tagung in einem Hotel. Ein Aufnahmegerät muss irgendwo liegengeblieben sein. Der Dialog der beiden ließ sich am nächsten Tag in den Zeitungen nachlesen. Wahrscheinlich hat er den Herren im Hochschulrat nur noch mehr Mut gemacht:

K.: Die Turban-Frage ...

E.: Başortü... Turban ist ein Wort, das der verstorbene Dogramaci gefunden hat (Gründer und erster Präsident des YÖK). Başortü ...

K.: Gut ... Wir stehen hinter dem Versprechen, das wir auf den öffentlichen Plätzen gegeben haben. Eine Kommission soll zusammentreten, die sich mit Başortü und YÖK beschäftigen soll ...

Nachtrag vom 5.10.:

PS: Türkische Journalisten haben beim Hochschulrat nachgegraben: Was der Nachrichtensender NTV am Montag verbreitete, war ein Brief des YÖK an den Rektor der İstanbul Universität vom 27. Juli dieses Jahres.
Darin wude das Kopftuchverbot praktisch aufgehoben. Warum der Brief bis dahin nicht publik wurde, ist unklar. Heute meldete sich ein Mitglied des Hochschulrats bei NTV zu Wort: Wir können den Brief mit der Weisung gern auch an alle anderen Universitäten des Landes schicken...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Gattin des türkischen Präsidenten Abdullah Gul (2. v. r.), Hayrunnisa (1. v. r.), posieren bei der Hochzeit ihrer Tochter Kubra Gul Sarimermer und ihrem Mann Mehmet Sarimermer im Oktober 2007. Hayrunnisa trägt gerne Kopftücher von Gucci.

Share if you care.