Rundschau: Der große Tschernobyl-Hoax

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coverfoto: bastei lübbe

China Miéville: "Die Stadt & die Stadt"

Broschiert, 427 Seiten, € 9,30, Bastei Lübbe 2010.

Es beginnt mit etwas so Simplem wie einem Mord: Polizeiinspektor Tyador Borlú wird in eine heruntergekommene Wohnsiedlung der Stadt Besźel gerufen, wo die Leiche einer jungen Frau gefunden wurde. Doch wo liegt die Küstenstadt Besźel eigentlich - und wann? Flüchtlinge vom Balkan werden erwähnt, und Namen wie Ramira Yaszek oder BudapestStrász suggerieren Osteuropa ... eine Interpretation, die der Autor in einem Interview in Frage stellte. Verfremdungselemente erschweren die Einordnung zusätzlich: Wölfe streifen zwischen den Gebäuden umher und im Stadtgebiet werden seltsame archäologische Artefakte ausgegraben. Und doch scheinen wir uns im Hier und Heute zu befinden - das legt die Erwähnung von Handys, HipHop und spätestens einer David-Beckham-Frisur nahe. Rund um die Stadt wirkt die Welt also vertraut, doch innerhalb der Stadtgrenzen ... alles andere als das. Am Ende der Tatortbesichtigung hat Borlú kurz Blickkontakt mit einer alten Frau, die zwar auf der Straße, aber nicht in seiner Stadt steht - rasch wenden sich die beiden voneinander ab, und der Leser wird kopfüber in eine der bizarrsten Worldbuilding-Varianten der letzten Jahre geworfen. Umso bizarrer, weil sie vollständig ohne Phantastik-Elemente im herkömmlichen Sinne auskommt.

Denn es sind zwei Stadtstaaten, die sich denselben geographischen Raum teilen: Besźel und Ul Qoma. Keine Dimensionsschranke, kein Quantenzustand, keine Nebel von Avalon oder welcher Trick aus dem Genre-Hut auch immer trennt die beiden Städte, es ist alleine die Macht der Zeichen und der Konvention, wie diese zu lesen sind: Architektur, Kleidungsstil, Körperhaltung oder Verwendung von Farben sind die äußeren Anzeichen zweier sprachlich, religiös und kulturell völlig voneinander getrennter Einheiten. Sie bestimmen, was für einen zu existieren hat und was man nichtsieht. Es gibt totale Gegenden, die ausschließlich Besźel oder Ul Qoma zugeordnet sind, aber auch viele Deckungsgleichen, die geographisch beiden Städten angehören. Die Bewegung durch eine solche von beiden Seiten genutzte Zone liest sich wie folgt: Ich ging zu Fuß, an den Backstein-Arkaden entlang: Oben, wo die Gleise verliefen, waren sie extern, aber nicht bei allen reichte das Fremde bis ganz nach unten. Die, die ich sehen durfte, beherbergten kleine Läden und besetzte Wohnungen, alles mit künstlerisch wertvollen Graffiti dekoriert. In Besźel war es eine ruhige Gegend, aber die Straßen wimmelten von denen anderswo. Ich nichtsah sie, aber es kostete Zeit, sich zwischen ihnen hindurchzuschlängeln. - Es folgt eine Reihe faszinierender (Nicht-)Begegnungen und (Nicht-)Beobachtungen: Ein Zug, der an Borlús Wohnungsfenster vorbeirattert und doch nicht da ist, Gebäude, deren Stockwerke unterschiedlichen Städten angehören, und vieles mehr. Für Außenstehende ist die sozial erlernte selektive Wahrnehmung eine gewaltige Herausforderung; Asylsuchende bleiben in Lagern, bis sie das Nichtsehen beherrschen, und selbst TouristInnen müssen vor der Einreise ein Examen absolvieren.

Der Brite China Miéville ist der Schöpfer einzigartiger Welten - und hat offenbar eine Vorliebe für urbane Milieus der phantasmagorischen Art: Sei es die unvergleichliche Stadt New Crobuzon in Miévilles "Bas-Lag"-Romanen, Londons Wunderland-artige Schwesterstadt "Un Lon Dun" im gleichnamigen Roman ... oder gleich eine sehr, sehr seltsame Variante Londons selbst im heuer erschienenen Roman "Kraken" (was die einzig schlechte Nachricht für Miéville-Fans ist: auch 2010 wollte er wieder nicht nach Bas-Lag zurückkehren). Für das auf vollkommen andere Weise bizarre Konglomerat Besźel/Ul Qoma ließ sich Miéville eigenen Angaben nach von mitteleuropäischen Autoren inspirieren, etwa Franz Kafka (am stärksten verdichtet wohl in der Beschreibung der Kopula, dem bürokratischen Nabel der beiden Städte) und dem weniger bekannten Bruno Schulz. Stilistische Anleihen nahm er hingegen bei Dashiell Hammett und Raymond Chandler - immerhin handelt es sich um eine Cop-Geschichte, die einen weniger ausschweifenden Schreibstil als den von Miéville gewohnten Mutanten-Barock erforderte. Eine Cop-Geschichte mit allen Topoi, die so dazugehören, übrigens: Politische Interessen, die die Ermittlungen behindern, die nicht immer erfolgreichen Bemühungen ZeugInnen zu beschützen - und die zeitweilige Versetzung in einen anderen Bezirk, wo man sich erst den Respekt der dortigen BerufskollegInnen erarbeiten muss.

Im Zuge der Ermittlungen schälen sich langsam zwei große Geheimnisse aus dem Nebel: Zum einen die allseits gefürchtete Entität Ahndung, die stets wie aus dem Nichts auftaucht, um Grenzbrüche zwischen den beiden Städten zu bestrafen. Denn Interaktion über die "Grenzen" von Besźel und Ul Qoma hinweg ist ein noch schlimmeres Verbrechen als Mord. Die BürgerInnen bezeichnen Ahndung als es; niemand kann die Form seiner Existenz so recht wahrnehmen, doch alle fühlen sich von ihm beobachtet - zu Recht übrigens. Zum anderen Orciny, eine hypothetische dritte Stadt, die sich zwischen den beiden anderen verbergen soll - angeblich nur ein Kindermärchen, doch muss sich Borlú bald ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass Orciny tatsächlich existieren könnte. - Angesichts solcher Mysterien gäbe man auf die Aufklärung des Mordfalls, der immerhin das eigentliche Handlungsgerüst des Romans ausmacht, keinen feuchten Furz mehr ... wäre der Mord nicht eng mit ihnen verbunden.

Die einzigartige Parallel-Existenz der beiden Städte ließe sich auf vielerlei Weise interpretieren: Die schäbig gewordenen Gebäude Besźels baden im (natürlich "unsichtbaren") Licht der Bürotürme Ul Qomas - ein möglicher Hinweis auf strikte Trennung zwischen sozioökonomischen Schichten; andererseits werden Phasen der Geschichte erwähnt, in denen Ul Qoma der ärmere Teil war. Ein Bruch zwischen Tradition (hier: das vergleichsweise altmodische, aber demokratische Besźel) und aufgepfropfter Moderne (versinnbildlicht im wirtschaftlich geöffneten, aber diktatorisch regierten Ul Qoma der Glasnostroika) wäre eine andere Sichtweise. Und nicht nur die nebulose geographische Zuordnung der Zwillingsstädte lässt an Ex-Jugoslawien denken: Miéville schildert sie als extrem heterogenen Fleckerlteppich aus Sprachen, Religionen und Ethnien - zwei unterschiedliche Alphabete für etwas, das im Grunde zwei Varianten derselben Sprache sind, hat unverkennbare Anklänge an das einstige Serbokroatisch. Wie die meisten guten Erzählungen lässt sich auch "Die Stadt & die Stadt" (2009 als "The City & The City" erschienen und heuer mit dem Hugo ausgezeichnet) nicht auf eine einfache Interpretation herunterbrechen. Selbst wenn auf die Historie der beiden Städte eingegangen wird, bleibt letztlich offen, ob sie getrennt voneinander gegründet wurden oder ob es eine Ur-Stadt gab, die dann eine Spaltung erlebte.

Und vielleicht geht es ja auch "einfach" um das Konzept Stadt an sich - Städte als kulturelle und von Zeichen gesteuerte Konstrukte. Denn was hält einen im Stau steckenden Autofahrer - physisch! - davon ab, auf Gehsteige und Grünflächen auszuweichen? Er nichtsieht die freien Flächen, weil sie für ihn nicht da sein dürfen. Für SemiotikerInnen wäre "Die Stadt & die Stadt" ein gefundenes Fressen - und für alle, die einen wundervoll seltsamen, und doch in sich stimmigen und intelligenten Roman lesen wollen, ebenso. Als persönliches P.S. darf ich noch hinzufügen, dass er sogar für meine letzten Monat erwähnte Abneigung gegen Verfolgungsjagden eine Ausnahme gefunden hat. Die wird nämlich völlig gegenstandslos, wenn sich erst Schrödingers Fußgänger auf die Flucht begibt ...

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Ungarn, natuerlich:)

Es spiegelt auch die Zerrissenheit des Landes wieder. Ich kann hier viele Paralellen zu meinem Heimatland erkennen. Frueher war der aermere Teil - Ul Qoma - die Gesellschaftsschicht von Unternehmen, heute regiert sie das Land.
Der Rest - Beszél (das Wort heisst "Sprechen" auf ungarisch) ist massiv verarmt, und die beiden Teile leben aneinander einfach vorbei.
Und das passiert jetzt, und hier, in der Realitaet, die Schriftstellerin ist entweder selbst Ungarin, oder sie kennt sich meisterhaft mit den Verhaeltnissen in Ungarn aus. Verblueffende Aehnlichkeit!

chaing

lieber josefson bzw. anddere besitzer der "software objects": kann mir mal jemand verifizieren, ob das hier http://subterraneanpress.com/index.php... ed-chiang/ der komplette inhalt des buches ist, oder ob das was fehlt? die angabe der 150 seiten kommt mir so komsich vor beim buch...
danke im voraus!

J. Josefson
01
22.5.2012, 14:25

Sieht in dem Layout ziemlich kurz aus, aber Anfang und Ende zumindest stimmen mit dem Buch überein. Ob dazwischen was fehlt (außer den Illustrationen), kann ich allerdings nicht sagen.

hm. naja, danke für die info soweit. (die ich erst jezt sehe, ich muss diese spam-mir-mien-email-konto-voll-benachrichtigungs-knöpfe öfter drücken in freds...)

Innen?

TouristInnen, ZeugInnen, KollegInnen...
Manche Frauen schaden sich einfach selber mit ihrem mehr als übertriebenen Feministinnen-Wahn

FeministInnen

Das haben wir nun davon

Kaum wird ins Wissenschaftsforum gewechselt kommen die Trolle (es gilt die Unschuldsvermutung) aus den Tiefen der Unterwelt heraus.

Das haben die sich im Kulturforum ob der vielen Zauberer, Feen und Elfen wohl nicht getraut...

Wenn man in die Weiten des Weltraumes vordringt um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen zu erforschen, ist das halt so.

Viele Lichtjahre von der Kultur entfernt dringt die Rundschau in Gutenberg-Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Mit ein paar Photonen Torpedos werden wir den Trollen schon Herr. Ansonsten schenken wir ihnen Tribbles!

Ist doch lustig ...

Nix für mich dabei

Diesmal ist nichts für mich dabei. Was nicht weiter tragisch ist da ich noch einen guten Laufmeter ungelesene Bücher habe.

Aber danke für Victor Gischlers Apocalypse and Vampires a Go-Go.

http://www.weberseite.at/buecher/v... e-a-go-go/
http://www.weberseite.at/buecher/g... pocalypse/

Naja, hab alle hier vorgestellten Bücher schon gelesen und sie haben meinen Ansprüchen nicht genügt. Zum Glück konnte ich diese potenziellen Staubfänger gewinnbringend verkaufen und aus dem Erlös zwei Wochen auf Urlaub fahren.

sie haben 12 taschenbücher verkauft und sind mit dem erlös zwei wochen auf urlaub gefahren?

na dann hoffe ich doch, dass zumindest der ihren ansprüchen genügt hat

Ich war zwei Wochen in den Anden und habe auf eigene Faust die reichhaltige Kultur erforscht und den Einwohnern zahlreicher Bergdörfer Zugang zu Trinkwasser und Bildung ermöglicht.

Das ist wohl ein bisschen mehr wert als zwei Wochen Jesolo oder zwei Wochen vor der Glotze mit Chips und Cola (so wie es ein Neider weiter unten behauptet.)

aha, du hast dir um den verkaufswert der 12 bücher ein anderes gekauft. verstehe.

Das ist wohl ein bisschen mehr wert als zwei Wochen Jesolo oder zwei Wochen vor der Glotze mit Chips und Cola (so wie es ein Neider weiter unten behauptet.)

und vor allem mehr wert, als die 12 bücher, die sie verkauft haben.

jetzt bin ich allerdings noch auf ihre näheren ausführungen gespannt, wie sie in 14 tagen gleich mehreren bergdörfern zugang zu trinkwasser und bildung ermöglicht haben.

sind sie als kind in den kessel mit zaubertrank gefallen?

Auch wenn ich eigentlich niemandem Rechenschaft schuldig bin, möchte ich Klarheit schaffen:

Ich konnte die Bücher gewinnbringend verkaufen da ich ihren Wert durch mein Autogramm erheblich steigern konnte. Nach Südamerika bin ich mit meinem Privatjet selbst gefolgen, lediglich den Treibstoff musste ich finanzieren (das war der Erlös der Bücher). In den Anden habe ich mich dann per pedes und Mountainbike bewegt, Kost und Logis wurde mir von den Eingeborenen spendiert.

ad Trinkwasser und Bildung: Ich verfüge über zahlreiche Geschäftsbeziehungen und habe mich für den karitativen Zweck diesen bedient.

Ich würde gerne ein Buch mit ihrer Unterschrift erwerben, sie scheinen mir ein herzensguter mensch zu sein, dann könnten sie sogar noch armen kindern in afrika medikamente besorgen!

Auch wenn es sowieso nur erfunden ist:

Mit dem Privatjet durch die Gegend gurken aber sich von den Ärmsten der Armen durchfüttern lassen...sowas niederträchtiges hab ich noch nie gehört - nichtmal erfundenerweise.

erzählen sie mal wie das war, als sie von den dankbaren eingeborenen zum stammeshäuptling ernannt wurden!

hahaha sie sind ein echter witzbold!

öhm innerhalb zweier wochen haben sie mehreren dörfern den zugang zu trinkwasser und bildung ermöglicht? haben sie jeweils eine flasche wasser und ein lehrbuch verteilt? bitte um aufklärung, anders kann man ihr posting beim besten willen nicht glauben...

Und sie sind ganz sicher, dass Ihre Postings nicht "gestangelt" sind?

:)

war wohl krank "feiern" und mit Chips und Cola zwei Wochen vor der Glotze.

Naja, wenn sich einer "Mitbegründer der Kronenzeitung" nennt, lässt das schon Rückschlüsse aufs literarische Erfassungsvermögen zu...

Mit dem Erlös von 12 TBs einen Urlaub zu bestreiten... Eine Monatskarte zur Cabana am Gänsehäufl samt Verpflegung geht sich davon schon aus.

Lieber Josefson!

Terry Pratchett auf deutsch ist kein Terry Pratchett. Bitte unbedingt auf englisch lesen. Gerade erschienen: "I shall wear Midnight". Schwer zu empfehlen.

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