Mehrwegflaschen als politisches Findelkind

13. Oktober 2010, 13:45
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Abfall-Experte Gerhard Vogel über Handlungsbedarf des Umweltministeriums, verfälschte PET-Recycling-Quoten in Wien

Der Konsument findet heute im österreichischen Supermarktregal kaum noch Mehrwegflaschen für den Bereich Mineralwasser und Limonaden. Der Trend geht zu Kunststoff-Einwegflaschen, die nach einmaligem Gebrauch bestenfalls in der gelben Tonne landen. Neue Anlagen, um diese PET-Flaschen zu recyceln seien zwar schön und gut, das Wichtigste sei aber die Müllvermeidung und -verringerung, sagt Gerhard Vogel, Abfallmanagement-Experte und Leiter des Instituts für Technologie und nachhaltiges Produktmanagement an der WU Wien, im Gespräch mit derStandard.at. Auch Greenpeace fordert ein neues Mehrweg-Modell.

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derStandard.at: Wegwerfen statt wiederverwenden: In Österreich geht der Trend zur Einwegflasche. Wiederbefüllbare Flaschen für Mineralwasser und Fruchtsäfte verschwinden zunehmend aus den Regalen. Wieso hat die Mehrwegflasche so einen schlechten Stand?

Gerhard Vogel: Es wird zwar immer behauptet, dass der Konsument über seine Nachfrage das Angebot bestimmt. Aber für den Getränkebereich stimmt das sicher nicht, da es hier zu völlig unterschiedlich bequemen Angeboten kommt, die sich noch dazu erheblich in den Preisen unterscheiden.

Man bekommt etwa die 1,5 Liter Mineralwasser-Einwegflasche aus Kunststoff in einem handlichen Sechserpack mit Griff angeboten, das gesamt rund 9,5 kg wiegt. Daneben steht vielfach eine Kiste mit zwölf schweren 1 Liter Glas-Mehrwegflaschen, die auf insgesamt 22 Kilo kommen. Abgesehen von den unterschiedlichen, nicht immer konsumentenfreundlich angeschriebenen Preisen entspricht dies nicht der gleichen Convenience, also Bequemlichkeit. Es ist schlicht und einfach keine Gleichberechtigung am Markt erkennbar.

derStandard.at: Gibt es Versuche, Mehrwegflaschen wieder verstärkt anzubieten?

Vogel: Nein - ganz im Gegenteil. Die Römerquelle hatte bis zu Weihnachten 2009 die bequem bedienbare "Split-Kiste" im Angebot - mit sechs 1,5 Liter PET-Mehrwegflaschen in einer Kiste mit  handlichem Bügelgriff und einem Gewicht von rund 10,5 kg. Die Leerkiste wog inklusive Flaschen rund 900 Gramm. Zu Hause konnte man die Kisten platzsparend stapeln und die leeren Flaschen leicht ins Geschäft zurück tragen. Diese bequeme Variante, die mit 1,5 Liter PET-Einwegflaschen vergleichbar wäre, wurde jedoch von der Coca Cola Company, dem neuen Eigentümer der Römerquelle, und dem Handel vom Markt genommen.

derStandard.at: Welches Interesse verfolgen Abfüller mit der Verwendung von Einwegflaschen?

Vogel: Römerquelle hat in den 1990ern den gesetzlichen Rahmenbedingungen vertraut und die Kunststoff-Mehrwegflasche auf den Markt gebracht. Damals war über die Verpackungsziel-Verordnung für Mineralwasser ein Mehrweg-Anteil von über 90% gesetzlich vorgeschrieben. Der Konkurrent Vöslauer hat hingegen trotz dieses Gebotes auf PET-Eingweflaschen gesetzt. Dies u.a. deshalb, weil die Firma damals zum Verkauf anstand und ein Verkauf eines Gebinde-Abfüllers für Einwegprodukte leichter von sich geht als bei einem Betrieb, der einen großen Flaschenpark an Mehrweg-Gebinden besitzt.

derStandard.at: Das bedeutet, viele Abfüller wurden für den Einsatz von Mehrweg mehr oder weniger bestraft?

Vogel: Vöslauer hat von der betriebswirtschaftlichen Seite her richtig gehandelt und offenbar darauf vertraut, dass sich die Politik nicht um die von ihr geschaffenen Regelungen hält. Vöslauer hat zudem die Mineralwasser-PET-Einwegflasche im Niedrigpreissegment angesiedelt. Römerquelle dagegen war im höherpreisigen Segment und hat immer auf die Richtigkeit der Rechtskonformität vertraut und eigentlich erwartet, dass der Einweg-Abfüller Vöslauer rechtlich geahndet wird - was aber nicht erfolgt ist.

Im Gegenteil: Der damalige Umweltminister hat die verpflichtenden Quoten zunächst von 92% auf 80% heruntergesetzt. Der Verfassungsgerichtshof hat nach einer diesbezüglichen Beschwerde diese Verordnungspassage außer Kraft gesetzt und den Umweltminister aufgefordert, eine umweltkonforme Ersatzlösung zu finden. Dieser Aufforderung sind die Umweltminister aber bis heute nie nachgekommen. Es gibt also in Österreich derzeit keine rechtsverbindliche Mehrweg-Quote für Getränkeverpackungen.

derStandard.at: Wie sieht die Situation in anderen europäischen Ländern aus?

Vogel: Wie in einer anderen Welt! In den nordeuropäischen Staaten haben sich Handelsketten, Abfüller, Recycler und wissenschaftliche Berater mit der Regierung an einen Tisch gesetzt und mustergültige Lösungen erarbeitet. Dort erhält der Handel für die Rücknahme Geld, egal ob für Ein- oder Mehrweg. Und zwar so viel, dass seine Manipulationskosten fast zur Gänze gedeckt sind - mit Manipulation ist der gesamte Prozess gemeint: Rücknahme über Automaten, Sortierung der Flaschen in entsprechende Kisten, Stapelung bis zur Abholung, Rücktransport bis zum Zentrallager, Übergabe an den Abfüller, Einhebung, Verwaltung und Ausbezahlung der Pfänder

derStandard.at: Wo steht Österreich im Vergleich dazu?

Vogel: Da bei uns eine solche Regelung fehlt, kommt es eigentlich zu einer Diskriminierung von Mehrwegverpackungen. Denn: Kauft der Handel in Österreich Getränke in Einwegverpackungen, lässt er sich auf jedem Lieferschein bestätigen, dass der ARA-Lizenzbetrag für die Lieferung bereits abgeführt wurde. Der Handel ist damit nicht zur Rücknahme der leeren Gebinde verpflichtet und hat mit der ganzen Manipulation von leeren Einwegprodukten nichts zu tun. Aber bei Mehrweg-Getränken muss er die Manipulation aus der Handelsspanne finanzieren. Es ist aus der Sicht des Handels daher klar, in welche Richtung er die Nachfrage des Konsumenten lenkt. Das ist der Hauptgrund, warum es in Österreich ein so geringes Angebot an Mehrweggebinden gibt.

derStandard.at: Wer kann den Trend umkehren?

Vogel: Im Prinzip wäre dies eine gemeinsame Aufgabe, die aber von der Politik gesteuert wird. So hat man sich z.B. in Norwegen dazu geeinigt, ein Rücknahmesystem für Ein- und Mehrwegflaschen mit höchsten Erfassungsquoten zu etablieren. Nur hat dort die rot-grüne Regierung zuvor mit einer beinharten Verordnung die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Bei Nichterfüllung einer Quote von rund 95% ist eine "Strafsteuer" zu bezahlen: pro verkaufter Dose im schlechtesten Fall 65 Cent und pro verkaufter PET-Flasche 45 Cent. Das wäre eine Abgabe in der Größenordnung der Produktpreise.

In Wirklichkeit hat sich in Norwegen aber sehr rasch ein Rücklaufmodell etabliert, das nunmehr rund 92% Erfassungsquote erreicht. Damit werden die hohen Abgaben fast zur Gänze vermieden. Zusätzlich werden die Einweg- im Vergleich zu den Mehrweggebinden mit einer Grundabgabe von 11 Cent pro Stück belegt. Wenn also eine Mehrwegverpackung in den Umlauf gebracht wird, hat sie von Haus aus einen steuerlichen Vorteil von 11 Cent pro Stück.

derStandard.at: Wünschen Sie sich solche "beinharten" Regelungen auch für Österreich?

Vogel: In Österreich gibt es derzeit für Getränkeverpackungen ja überhaupt keine gesetzlich verpflichtende Regelung mehr. Der Umweltminister hat mit der Wirtschaft eine freiwillige Vereinbarung getroffen, in der sich die Hersteller dazu verpflichten, Maßnahmen zu treffen, um die Mehrwegquoten für Getränkeverpackungen zu stabilisieren.

Diese freiwillige Vereinbarung ist aber von der Wirkung her nicht einmal so viel Wert, wie das Papier, auf dem sie geschrieben steht. Trotz dieser freiwilligen Vereinbarung stürzten die Mehrwegquoten für Mineralwässer im Handel z.B. von 80% auf 17% ab! Ohne politisch verankerte Regelungen zugunsten von Mehrwegquoten um rund 50% wird sich nichts ändern: Über zehn Jahre hindurch zeigt sich nun, dass die Freiwilligkeit keinen Erfolg hat.

derStandard.at: Was für ein Modell könnten Sie sich vorstellen?

Vogel: Ähnlich wie in Norwegen hat bei uns eine Arbeitsgruppe im Umweltministerium, die aus Ländervertretern und Wissenschaftlern besteht, ein sogenanntes ÖKO BONUS SYSTEM kreiert. Grundlage bildet dazu eine Regelung, dass der Handel jeweils innerhalb seiner eigenen Kette bis zum Erreichen einer bestimmten Zielquote eine Abgabe für jedes verkaufte Stück an Einweg-Getränkeverpackung zu leisten hat - in einem gestaffelten Zeithorizont von rund acht Jahren sollten die Quoten zunächst auf 30%, dann 40% zuletzt 50% angehoben werden.

Auf der anderen Seite aber sollte die Handelskette für jedes verkaufte Getränk in Mehrwegverpackungen einen Bonus erhalten, der die Gesamtkosten der Manipulation abgilt. Mir persönlich wäre es recht gewesen, wenn diese Abgaben und Boni jeweils am Preisschild und/oder am Kassabon erkennbar wären. Leider hat ein Sozialpartner besonderen Wert darauf gelegt, diese Ausweisung zu unterlassen. Das ist eine bittere Pille für mich. Denn werden diese Werte nicht offengelegt, hat der Handel die Möglichkeit, über diese Zusatzleistungen, welche die Mehrweg-Systeme eindeutig begünstigen, frei zu verfügen.


derStandard.at: Welche generellen Unterschiede gibt es zwischen Glas und PET bzw. zwischen Einweg und Mehrweg?

Vogel: Die Glas-Mehrwegflasche hat den großen technischen Vorteil, dass sie formstabil ist. Sie kann mit Temperaturen von bis zu 100 Grad Celsius belastet werden, ohne dass sich die Form verändert. Das ist der Grund, warum Glas - technisch gesehen - bis zu 80 Mal wiederbefüllt werden könnte. Dagegen spricht der sozio-ökonomische Hintergrund, denn die Pfandhöhe reicht derzeit nicht aus, die Mehrweg-Flaschen aus Glas bei Mineralwasser mehr als 45 Mal, jene aus PET rund 20 Mal zurückzuführen.

derStandard.at: Wie sieht die Rohstoffbilanz bei den einzelnen Flaschentypen aus?

Vogel: Die Mehrwegflaschen sind aus technischen Gründen schwerer als die Einwegflaschen. Zur Berechnung des spezifischen Materialeinsatzes pro Abfüllung ist im Falle der Mehrweg-Glasflasche aber das Flaschengewicht durch die tatsächlich erreichte Umlaufzahl zu dividieren, z.B. bei der Römerquelle-Flasche durch 42. Dadurch liegt eine Mehrweg-Glasflasche weit unter dem Wert einer leichteren Einweg-Glasflasche, aber selbst noch unter jenem der Einwegflasche aus Kunststoff. Die Verwendung von Mehrweggebinden reduziert daher den Rohstoffeinsatz bereits pro 1 Liter Mineralwasser dramatisch.

derStandard.at: Wie oft können Mehrweg-PET-Flaschen wiederbefüllt werden, bevor sie unbrauchbar sind?

Vogel: Bei PET-Flaschen sieht das anders aus, weil Kunststoff nicht so formstabil ist wie Glas. Da kommt es manchmal bei mehr als 20 Waschungen mit Warmwasser zu einer Verschiebung der Achsen. Eine Flasche muss aber beim Abfüllen immer genau senkrecht stehen. Das ist einer der Gründe, warum bei Mehrweg-PET-Flaschen nur rund 20 Umläufe erreicht werden. Die Mehrweg-PET-Flasche von Römerquelle hatte vor ihrer Einstellung bereits eine mittlere Umlaufzahl von 19 erreicht.

derStandard.at: Welche Mengen an Wasser müssen für die Reinigung einer Flasche aufgewendet werden?

Vogel: Es wird zwar in der Öffentlichkeit vielfach behauptet, dass zum Waschen der Mehrwegflaschen riesige Frischwassermengen gebraucht werden, aber das stimmt absolut nicht. Hier handelt es sich um eine echte Fehlinformation. Im Bereich der Firma Römerquelle benötigt man sowohl für eine Glas- als auch für eine PET-Mehrwegflasche etwa dieselbe Menge, nämlich rund einen halben Liter Frischwasser. Eine Flasche kommt aber nicht nur mit dieser geringen Menge an Frischwasser in Berührung. In der industriellen Flaschenwaschanlage der Firma Römerquelle gibt es sieben Abschnitte, die mit sieben unterschiedlichen Laugenqualitäten befüllt sind.

Die schlechteste Lauge, die man danach entsorgt, kommt als erstes mit den zurückgebrachten Flaschen in Berührung. Die Flaschen gelangen dann in der Waschanlage in die nächste Laugenkammer, deren Lauge nicht mehr so verunreinigt ist. So geht das bis zur siebten und letzten Reinigungsstufe, in der die Flasche schließlich mit dem halben Liter Frischwasser ausgespült wird. Dieses Wasser wird nach dem Ausspritzen dazu verwendet, um die erste Lauge anzusetzen.

Hier handelt es sich um das sogenannte Gegenstromprinzip. Das bedeutet, eine Flasche kommt mit mindestens 300 bis 400 Litern Wasser in Berührung, aber durch dieses ausgeklügelte System muss man pro Flasche nur den halben Liter Frischwasser hinzufügen, um damit ein völlig hygienisch einwandfreies Produkt zu erzielen.

derStandard.at: Lohnt sich das finanziell für die Abfüller?

Vogel: Trotz des aufwändigen industriellen Reinigungsprozesses kommt die Abfüllung von Mehrweg- billiger als jene von Einweggebinden. Denn bei der Einwegabfüllung muss jedes Mal eine neue Flasche angekauft oder aus einer angekauften Vorform hergestellt werden. Diese Einwegflasche ist aber thermisch nicht formstabil und kann daher nur einmal befüllt werden. Das ist auch der Grund, warum eine Mehrwegflasche aus PET, die für die Formstabilität einen teureren speziellen Fertigungsgang benötigt, immer schwerer sein wird, als eine PET-Einwegflasche.

derStandard.at: Welche Variante landet also aus ihrer Sicht auf Platz eins?

Vogel: Die ökologischste Form ist die Kunststoff-Mehrwegflasche. Die Glas-Mehrwegflasche folgt gleich dahinter. Erst dann kommt die Kunststoff-Einwegflasche. An letzter Stelle rangiert die Einwegflasche aus Glas. Ein weiteres Argument gegen die Einwegflasche: Sie trägt mehr zum Littering, also sorglosem Wegwerfen, bei, da es keinen ökonomischen Anreiz gibt, sie zurück zu tragen.

derStandard.at: Dabei ist gerade eine neue Verwertungsanlage von PET-Flaschen in Müllendorf im Burgenland eröffnet worden.

Vogel: Für mich ist die Anlage, die sich im Eigentum der Getränkehersteller Coca-Cola HBC Austria GmbH, Radlberger Getränke, Rauch Fruchtsäfte, Spitz und Vöslauer befindet, fast ein Alibi, das die PET- Einwegflasche salonfähig machen soll. Die Öffentlichkeitsarbeit dieser Firma vermittelt den Eindruck, als ob die diese Flaschen, die recycliert werden, mit einer PET-Mehrwegflasche ökologisch gleichwertig wäre. Das ist aber nach in- und ausländischen Studien absolut nicht so. Schon die Massenbilanz zeigt: Gehen wir bei einer Glas-Mehrwegflasche von 40 Umläufen aus, geht bei jeder Nutzung nur ein 40igstel verloren, also immer nur 2,5 Prozent an Masse, die dem System immer wieder zugeführt werden muss. Bei dem PET-Mehrwegsystem mit 20 Umläufen sind das schon fünf Prozent.

derStandard.at: Aber das sogenannte PET-2-PET-Recycling wird stark angepriesen.

Vogel: Nur funktioniert das natürlich nicht zu 100 Prozent. Letztendlich bleiben von einer PET-Einwegflasche nur 37,5 Prozent der Masse übrig, die man in neue Flaschen einsetzen kann. Der Materialverlust ist daher in diesem System viel viel höher und kann nicht mit dem Mehrwegflaschensystem verglichen werden.

Zudem kommt noch ein Qualitätsproblem: Um die Farb- und Formstabilität der neuen PET Flaschen zu gewährleisten, dürfen nur 20 bis 30% von den in der PET-2-PET-Anlage gewonnenen Kunststoffgranulate den neuen Flaschen zugegeben werden. Eine Ausnahme davon bildet das sortenrein gesammelte Vöslauer-Zweiweg-Flaschen-Material, das durch seine Homogenität einen 50%igen Altmaterialanteil in den neuen Flaschen erlaubt.

derStandard.at: Oft wird betont, dass ein Großteil der PET-Flaschen verwertet wird. Sammeln die Österreicher wirklich so brav? Oder wie kommt es zu den hohen Quoten?

Vogel: Die ARA weist in der Öffentlichkeitsarbeit immer hohe Verwertungsquoten für PET-Flaschen aus - mehr als 80 %. Diese hohen Quoten sind so zu erklären, dass die Österreicher zwar brav sammeln. Vor allem in Gebieten mit dem gelben Sack ist das schon aus ökonomischen Gründen besonders stark ausgeprägt, weil man sich dadurch Restmüllvolumen- und -kosten ersparen kann. In den restlichen Gebieten hängt der Erfolg von der Entfernung der Kunststoffsammelbehälter vom Wohnort ab. In Wien ist diese Entfernung besonders groß, daher liegt der Sammelerfolg hier nur bei rund 30%.

Im gesamtösterreichischen Durchschnitt kommen so etwa 60% der Flaschen über die getrennte Sammlung zurück. Die ARA darf sich aber im Einvernehmen mit dem Umweltministerium die Menge von 60% bis zu den über 80% aus der "Mitsammlung und energetischen Verwertung in Wien" für die Verwertungsquote gutschreiben. Das heißt PET-Flaschen im Restmüll dürfen in Wien in die Verwertungsquote eingerechnet werden.

derStandard.at: Was kann der Konsument gegen diese Trends tatsächlich tun?

Vogel: Der Konsument sollte trotz aller Mühen, die derzeit mit den Mehrweg-Systemen verbunden sind, die Getränke so weit wie möglich auch in Mehrweg-Flaschen kaufen. Und vielleicht in einem Geschäft, das keine Mehrweg-Getränke mehr führt, den Geschäftsführer ersuchen, Mehrweggebinde wieder einzulisten. Man könnte bei diesem Gespräch auch durchblicken lassen, dass man bei Nichterfüllung dieses Ersuchens zu anderen Anbietern wechselt. In diesem Zusammenhang gibt es in Österreich zu wenige mutige Konsumenten. Ein Murren im Hintergrund nützt da gar nichts. Ebenfalls nichts, sich nur an der Kassa zu beschweren, denn das Kassenpersonal hat keinen Einfluss auf das Angebot.

derStandard.at: Und schwer tragen für die Umwelt?

Vogel: Ich selbst kaufe keine Einweggebinde - und schleppe daher beim Mineralwasserkauf die 22 Kilo Kiste nach Hause. Wenn ich die volle Kiste allerdings über die Stiege in den Keller hinunter trage denke ich mir manchmal schon, dass ich wohl zu den wenigen gehöre, die sich das "antun".
Aber ich kaufe das Mineralwasser auch weiterhin in der Mehrweg-Glasflasche - auch aus einem anderen Grund: Diese Glasflasche ist eine inerte Flasche, es gibt keine Geschmacksveränderungen und keinen CO2-Verlust, denn die Glasflasche ist absolut dicht und entlässt auch bei längerer Lagerung kein Gas.

Bei mit weniger guter Qualität ausgestatteten PET-Flaschen gibt es die Möglichkeit von Geschmacksveränderungen durch austretende Kunststoffbegleitstoffe. Daher könnte das Wasser bei längerer Lagerung leicht süßlich schmecken. Zudem werden die CO2-haltigen Mineralwässer in PET Flaschen beim Abfüllen mit mehr CO2 versehen, um den Gasverlust bei längerer Lagerdauer auszugleichen. Das ist bei der Mehrweg-Glasflasche nicht erforderlich und für mich gesünder. (jus, derStandard.at, Oktober 2010)

  • Abgepackte Plastikflaschen auf der Mülldeponie Rautenweg.
    foto: glicka/derstandard.at

    Abgepackte Plastikflaschen auf der Mülldeponie Rautenweg.

  • Zur Person
Gerhard Vogel ist Universitätsprofessor  und Vorstand des Instituts 
für Technologie und nachhaltiges Produktmanagement an der 
Wirtschaftsuniversität Wien. 1973 begann Vogel durch die erste 
österreichische Müllanalyse das wissenschaftliche Arbeiten auf dem 
Gebiet des Umweltschutzes, Spezialdisziplin Abfallwirtschaft. Er gilt 
als "Vater" der getrennten Sammlung von Altstoffen in Österreich. Auch 
als Konsulent ist er vielseitig tätig: Seit 1983 für die Wiener 
Stadtverwaltung, für das Umweltministerium 1990 bis 1993, für die OECD 
Waste Minimisation 1996 bis 1997. Zudem erstellte er für UNIDO von 1998 
bis 1999 den Abfallwirtschaftsplan der VR China. Er leitete 
Forschungsprojekte für österreichische Bundesministerien, 
Landesregierungen, Städte und Firmen. Er ist Autor von rund 600 
Publikationen.
    foto: privat

    Zur Person

    Gerhard Vogel ist Universitätsprofessor  und Vorstand des Instituts für Technologie und nachhaltiges Produktmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien. 1973 begann Vogel durch die erste österreichische Müllanalyse das wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet des Umweltschutzes, Spezialdisziplin Abfallwirtschaft. Er gilt als "Vater" der getrennten Sammlung von Altstoffen in Österreich. Auch als Konsulent ist er vielseitig tätig: Seit 1983 für die Wiener Stadtverwaltung, für das Umweltministerium 1990 bis 1993, für die OECD Waste Minimisation 1996 bis 1997. Zudem erstellte er für UNIDO von 1998 bis 1999 den Abfallwirtschaftsplan der VR China. Er leitete Forschungsprojekte für österreichische Bundesministerien, Landesregierungen, Städte und Firmen. Er ist Autor von rund 600 Publikationen.

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