E-Wirtschaft vor Umbruch

4. Oktober 2010, 15:08
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Re-Newables machen Preise volatiler und krempeln Kraftwerksparks um - Haushaltsstrom verteuert sich bis 2020 um ein Viertel

Wien - Der Stromsektor in Europa steht vor einem Umbruch, bei dem sich die ganz großen Versorger und neue kleine Anbieter etwa im Stromvertrieb leichter tun als mittelgroße EVU. Ein verstärkter Einsatz erneuerbarer Energien macht die Strompreise im Großhandel sprunghafter und erfordert erhebliche Investitionen in Stromnetze und Kraftwerke als Back-up. Die Geschäftsmodelle der Versorger werden sich noch schneller verändern, und es nimmt der Finanzcharakter von Stromerzeugung und -handel zu. Heimische Haushaltskunden müssen bis 2010 brutto 16 bis 23 Prozent mehr für Strom zahlen, Industriekunden sogar um 23 bis 36 Prozent mehr, wobei eine neue Studie des Beraters A.T.Kearney den jeweils höheren Wert für wahrscheinlicher hält.

Die Wirtschaftskrise hat dem Stromverbrauch zwar einen gehörigen Dämpfer verpasst - erst 2013/14 wird in der EU-27 wieder das Niveau von 2008 erreicht -, doch wird der Bedarf auch künftig weiter steigen, wenn auch abgebremst. Der 10-prozentige Verbrauchsrückgang von 2008 auf 2009 sei einmalig in Europa, "so etwas gab es seit Jahrzehnten nicht", sagte A.T.Kearney-Energieexperte Florian Haslauer am Montag vor Journalisten. Der gesamte Energieverbrauch sei mittlerweile vom Wirtschaftswachstum entkoppelt, bei Strom aber noch nicht. Nur bei einem "Green Szenario", das Haslauer für eher unwahrscheinlich hält, fällt das Stromverbrauchsplus sehr gering aus.

Kohle in Bedrängnis

Strukturelle Herausforderungen werden das Kerngeschäft der "Major Utilities" gefährden. Diese würden daher zunehmend auf erneuerbare Energien ausweichen, da dies als quasi reguliertes Geschäft Sicherheit biete. Die Renewables würden allerdings die Struktur des Erzeugungsparks stark verändern und konventionelle Erzeugung aus Kohle, aber auch Gas, verdrängen. Große EVU mit diversifizierten Portfolios hätten einen Vorteil gegenüber kleineren Versorgern, so die Studie. Sie hätten geringere Aufschläge bei Fremdfinanzierungen, etwa bei Windkraftprojekten. Integrierte Ketten mit Erzeugung, Übertragung, Verteilung und Vertrieb seien künftig weniger wichtig, würden also an strategischem Wert verlieren. Dafür würden die EVU immer mehr im Trading auftreten, vermehrt auch als Finanzgeschäfte.

Für die Strom-Großhandelspreise geht A.T.Kearney für die nächsten zehn Jahre (bis 2020) von jährlich 5,6 bis 7,9 Prozent Anstieg aus auf dann 80 bzw. 100 Euro/MWh, wobei der jeweils höhere Wert das wahrscheinlichere Base Case Szenario kennzeichnet. Im Jahrzehnt danach (bis 2030) werde sich der Preisanstieg abschwächen auf jährlich 4,1 bis 5,4 Prozent auf dann 120 bzw. 170 Euro/MWh. Zugrunde liegen gleichbleibende Preismechanismen und die bekannten Grenzkosten der abschätzbaren Kraftwerksparks. Ausgangspunkt ist freilich der aktuell mit 47 Euro/MWh vergleichsweise niedrige Großhandelspreis, Strom kostete an der EEX auch schon 88 Euro/MWh.

Verteuerung der Energiekomponente

Beim Anstieg der Haushalts-Strompreise in Österreich um 23 Prozent von 18,1 auf 22,2 Cent/kWh brutto von 2009 bis 2020 laut Base Case Szenario sieht A.T.Kearney primär eine starke Verteuerung der Energiekomponente von 7,5 auf 11,7 ct/kWh, dafür aber einen Rückgang der Netzentgelte von 5,2 auf 4,6 ct/kWh durch die "Anreizregulierung" der Energie-Control. Nach 2020 sei allerdings wegen der immensen Netzinvestitionen ein Anstieg dieses Kostenfaktors zu erwarten, so Haslauer. Mit höheren Ökosteuern rechnet der Experte mittelfristig jedenfalls - stärker im Green Szenario, wo im Modell bis 2020 ein Anwachsen der Steuerkomponente von 5,4 auf 6,4 ct/kWh angenommen ist. Einzelne EVU hätten beim Strompreis für Haushaltskunden aktuell noch Senkungspotenzial von 5 bis 7 Prozent, so Haslauer.

Industriestrom dürfte sich zunächst noch stärker verteuern als Haushaltsstrom, da die Betriebe weniger von den sinkenden Netzentgelten und den fast stabilen Öko-Abgaben profitieren. Der höhere Anteil der Energiekomponente, die sich bis 2020 von 6,7 auf 10,7 ct/kWh im Base Case Szenario verteuern dürfte, könnte zu einem Anstieg des gesamten Bruttopreises für Industrieabnehmer um 36 Prozent von 10,5 auf 14,3 ct/kWh führen.

Das vermehrte Überangebot an Windstrom auch zu Zeiten geringen Bedarfs werde künftig noch häufiger zu kurzfristig negativen Strompreisen führen. Im gesamten Vorjahr war dies an der Leipziger EEX schon 244 Stunden lang der Fall, heuer bis September erst zu 73 Stunden, doch steht das größte Überangebot im Herbst bevor. Davon profitieren können österreichische Pumpspeicherbetreiber, sagt Haslauer, die mit billigem Strom Wasser hochpumpen, um die Elektrizität dann später zu Spitzenpreisen verkaufen.

Starker Photovoltaik-Ausbau

Insgesamt verteuere das wachsende Windangebot aber das gesamte System durch die dafür nötigen neuen Strom-Übertragungsnetze, für die Haslauer weiterhin Finanzinvestoren und Infrastrukturfonds als Interessenten sieht, sowie Back-up-Kraftwerke. Die neue deutsche Energiestrategie hält der A.T.Kearney-Experte für nicht ganz schlüssig. Durch den bis 2050 geplanten starken Wind- und Photovoltaik-Ausbau werde die Kohle als Stromerzeuger stark in Bedrängnis geraten. Dass Deutschland 30 Prozent des Stroms importieren werde, könne nicht funktionieren.

Im Base-Case-Szenario zum Erzeugungsportfolio für die EU-27 geht A.T.Kearney von einem Anstieg der installierten Kraftwerksleistung zwischen 2005 und 2030 um 37 Prozent von 794 auf 1.085 GW aus. Der Großteil davon würde auf Gas (360 GW, +105 Prozent) und Kohle (206 GW, +2 Prozent) entfallen, Erneuerbare würden 196 GW (+250 Prozent) beisteuern und Wasserkraft 161 GW (+14 Prozent).

Das Green Szenario sieht für die EU-27 zwischen 2005 und 2030 ein Plus von 14 Prozent von 794 auf 902 GW bei der installierten Leistung vorher. Absolut der größte Zuwachs wird hier den Erneuerbaren zugesprochen (+425 Prozent auf 294 GW), anteilsmäßig dicht gefolgt von Gas mit 212 GW (+20 Prozent); auf Wasser sollen 161 GW (+14 Prozent) entfallen. Den Nuklearanteil sehen beide Szenarien in diesen 25 Jahren nur von 141 auf 120 GW zurückgehen. (APA)

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    Die Wirtschaftskrise hat dem Stromverbrauch zwar einen gehörigen Dämpfer verpasst, doch wird der Bedarf auch künftig weiter steigen, wenn auch abgebremst.

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