Böhse-Onkelz-Sänger muss ins Gefängnis

4. Oktober 2010, 17:08
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Kevin Russell wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt

Am Ende hat wohl nur noch Kevin Russell an seine Unschuld geglaubt. Der ehemalige Sänger der Böhsen Onkelz wurde am Montag vom Frankfurter Landgericht wegen fahrlässiger Körperverletzung und Fahrerflucht zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Während der Urteilsverkündung schüttelte Russell mehrmals fast unmerklich den Kopf. Die Verkündung des Strafmaßes nahm der 46-Jährige ebenso reglos zur Kenntnis, wie er fast während des gesamten Prozesses geblieben war.

Die Beweislage erschien der 4. Strafkammer so eindeutig, dass der ursprünglich bis Anfang November terminierte Prozess am Montag ein schnelles Ende fand. Zu eindeutig waren die DNA-Spuren am Airbag des Unfallwagens und die Aussagen der Gutachter und Zeugen während der dreitägigen Beweisaufnahme. Demnach steuerte Russell am Silvesterabend 2009 unter dem Einfluss von Kokain und einem starken Beruhigungsmittel einen Audi R 8 auf der A 66 in Richtung Frankfurt am Main. Trotz regennasser Fahrbahn und Dunkelheit war er mit stark überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Als er einen Kleinwagen hinten links rammte, wies der Bordcomputer seines Fahrzeugs 232 Stundenkilometer aus. Der Kleinwagen, in dem zwei junge Männer auf dem Weg zu einer Silvesterparty waren, fuhr etwa 100 Stundenkilometer. Andere Autofahrer zogen die beiden jungen Männer aus dem brennenden Wrack. Sie überlebten, sind aber für immer gezeichnet.

Keine Bewährungsstrafe

Spätestens bei den erschütternden Aussagen der 22 und 20 Jahre alten Opfer im Zeugenstand war den meisten Prozessbeobachtern klar, dass Russell nicht mit einer Bewährungsstrafe davon kommen würde. Der 20-jährige Jamal leidet auch neun Monate nach dem Unfall noch an Gedächtnisproblemen und Konzentrationsschwäche. Jamal, der den Kleinwagen gefahren hatte, erinnerte sich weder an den Silvestertag noch an die Anzahl seiner Operationen oder wie lange er im Krankenhaus war. Beifahrer Fadi hat seit dem Unfall eine verkrüppelte linke Hand und mehrere Brandnarben. Dadurch leidet er an Depressionen und Aggressionsschüben.

Russell wollte es nicht gewesen sein und präsentierte einen Bekannten als vermeintlichen Unfallfahrer. "Eine sehr untaugliche Geschichte", sagte der Vorsitzende Richter Klaus Eckhardt in seiner knapp einstündigen Urteilsverkündung. Russells Verteidiger Bernd Schuster ließ in seinem Plädoyer durchblicken, dass sein Mandant an der Version festhalte, um vor dessen elfjährigem Sohn Julian nicht sein Gesicht zu verlieren.

Raubbau

Mit dem Urteil blieb die Kammer deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die auf eine Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten plädiert hatte. Richter Eckhardt schien der 46-Jährige trotz der verwerflichen Tat eher leidzutun: "Mit Verlaub Herr Russell, Sie erscheinen erheblich gealtert. Sie haben Raubbau an ihrem Körper betrieben." Das Gericht befürchtete daher auch, dass der langjährige Drogenkonsument "besonders straf- und haftempfindlich" ist. Dazu kommt, dass sich die Haftstrafe für den gebrochen wirkenden Mann noch erhöhen wird: Vor einem halben Jahr hatte er wegen der Einfuhr von Betäubungsmitteln eine Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung erhalten, gegen die er nun verstoßen hat.

Die Stimmung unter der Handvoll Böhse-Onkelz-Fans am Montag im Gerichtssaal war gedrückt. Die ehemaligen Bandkollegen Russells hatten sich bereits am Wochenende von ihrem einst so stolzen Sänger distanziert. "Der Kevin, der dieser Tage auf der Anklagebank sitzt, ist nicht mehr der Kevin, mit dem wir gemeinsam all die Jahre durch dick und dünn gegangen sind", hieß es auf der Homepage der Band. (APA)

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    Der Verteidiger von Böhse-Onkelz-Sänger Kevin Russell erklärte, dass sein Mandant ein "schwer kranker Mann" sei.

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