Der Spieler als Freiwild

4. Oktober 2010, 13:06
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Ein Stockfoul von Robert Lukas erhitzt die Gemüter, im Fall des betroffenen Capitals-Kapitäns Benoît Gratton stellt sich die Frage: Wie viele Feinde kann sich ein Spieler in zwei Jahren in der Liga gemacht haben?

Wien - Neben dem NHL-Start inklusive der unklaren Situationen rund um Michael Grabner und Andreas Nödl wird diese Woche im österreichischen Eishockey (wieder einmal) hauptsächlich über einen Vorfall mit Beteiligung von Capitals-Kapitän Benoît Gratton diskutiert werden. Das war auch in den letzten beiden Jahren bereits mehrfach der Fall, neu ist aber, dass der 33-Jährige heuer immer öfter in der Rolle des Opfers steckt.

Das hässliche und an Unsitten im österreichischen Eishockey der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre erinnernde Stockfoul von Robert Lukas vom Sonntag ist der vorläufige „Höhepunkt" einer richtiggehenden Hetzjagd auf Gratton. Nun liegt es zwar in der Natur der Sache, dass Schlüsselspieler eines Teams von ihren Gegenspielern härter rangenommen werden, der Wiener sah sich im bisherigen Saisonverlauf jedoch mit einer Reihe von schmutzigen Attacken konfrontiert, bei denen eine unterschwellige Verletzungsabsicht nicht immer ausgeschlossen werden konnte.

Die Geister, die ich rief

Kaum ein Capitals-Spiel in dieser Saison, bei dem Benoît Gratton nicht über Gebühren „abgeklopft" wurde, und genau hier, in der flächendeckenden Schmutzigkeit, mit der dem Franko-Kanadier begegnet wird, liegt die Besonderheit des Falles. Seit er das „C" auf der Brust trägt, nimmt sich Gratton (438 Strafminuten in 118 EBEL-Spielen!) merklich zurück, dennoch wird er kontinuierlich so attackiert, dass sich vordergründig eine Frage aufdrängt: Wie viele Feinde kann sich ein Spieler in zwei Jahren in der Liga gemacht haben?

Thomas Koch, Gratton an spielerischer Klasse und Wichtigkeit für sein Team weitestgehend ebenbürtig, wird nur in den seltensten Fällen Opfer derartiger Attacken. Er hat aber in 473 Ligaspielen auch noch keine einzige große Bank- oder Disziplinarstrafe kassiert. Dass Gratton hart angegriffen wird, hat er sich durch seine oft unsaubere Spielweise in den letzten beiden Jahren selbst zuzuschreiben. Doch zwischen hartem und fahrlässig-brutalem Spiel verläuft jene Grenze, die nicht zu überschreiten den Eishockeysport ausmachen sollte.

Robert Lukas hat diese Grenze am Sonntag überschritten und ist dafür vom Strafsenat der EBEL für zwölf Spiele gesperrt worden. Gratton hat die Attacke nach dem Spiel auf seine Art thematisiert: Mit einbandagiertem Kopf trat er den Weg von der Kabine in den Teambus an, mimte den Schwerverletzen und zeigte damit, wie schlimm es ihn hätte treffen können. Faktisch ist er jedoch unverletzt.

Linzer Offensive kommt nicht in Fahrt

Nicht nur das böse Foul von Robert Lukas (inklusive dem Statement seines Bruders über das On-Ice-Mikro von Servus TV, bei dem nur gehofft werden kann, dass er die Situation gar nicht gesehen hat, aber es eben als seine Kapitänspflicht erachtete, gegen die Schiedsrichterentscheidung zu protestieren) dokumentiert eine gewisse Frustration, die sich im Lager des Vizemeisters breit zu machen scheint. Nur zwei Teams haben bisher weniger Gegentore hinnehmen müssen, im Unterzahlspiel ist man sogar die Nummer eins in der Liga. Offensiv läuft jedoch so wenig zusammen, dass das Fehlen von Brad Purdie nicht der alleinige Grund sein kann. Vor allem der so hochkarätig besetzten ersten Linie mit Leahy, Shearer und Healey klebt das Pech an der Schaufel, dem Trio gelangen erst fünf Treffer.

Kärntner Teams voran

Von der Tabellenspitze lachen diese Woche die beiden Kärntner Teams, dorthin haben sie es geschafft, ohne bisher wirklich am Leistungszenit zu agieren. Das Spiel des KAC weist noch viele Leerläufe auf, das Goaltending ist Liga-Mittelmaß, dennoch hat man in sieben der acht Partien gepunktet und steht verdient auf Platz eins. Ein Umstand, der den Konkurrenten zu denken geben sollte, denn in Klagenfurt besteht leistungsmäßig noch einiger Platz nach oben: Spurgeon fehlt seit drei Wochen verletzt, Schneider stößt erst im Dezember zum Team, einige Mannschaftsstützen spielen noch deutlich unter dem für sie gewohnten Level.

Tabellenzweiter ist der VSV, der am Freitag mit Linz einen dankbaren Gegner zu Gast hatte und seine makellose Heimbilanz souverän weiter ausbauen konnte. Am Sonntag lagen die Draustädter - eigentlich jenes Team, das die Liga in erzielten Toren im ersten Drittel anführt - beim Meister in Salzburg nach 18 Minuten schon mit 1:4 zurück, am Ende feierten sie einen beeindruckenden Comebacksieg. Vor allem Michael Raffl, der spät im Spiel mit zwei Treffern selbiges entschied, sollte einiges an (nötigem) Selbstvertrauen aus der Mozartstadt mitgenommen haben. (derStandard.at; Montag 4. Oktober 2010)

  • Benoît Gratton wird "abgeklopft" wie kaum ein anderer Spieler in der Liga.
    foto: johann pittner

    Benoît Gratton wird "abgeklopft" wie kaum ein anderer Spieler in der Liga.

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