Grölen für die Wählerstimmen

4. Oktober 2010, 12:28
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Anlässlich der TV-Debatten auf ATV und ORF: Wie sehr darf Politik auch Show sein? Und wie fad müssen TV-Debatten sein?

Gestern fanden die ersten beiden Elefantenrunden zur Wiener Wahl statt, und die beiden Sender ORF und ATV verfolgten grundverschiedene Zugänge - einerseits klassisch-getragen, andererseits mit Eventcharakter.

Beim ORF entschied man sich für das Debattensetting, auf das man seit Jahrzehnten setzt und wahrscheinlich auch noch Jahrzehnte setzen wird. Ein steriler Raum, in dem Fall der Ringturm, eine bedächtige Debatte mit wenig Emotion und vielen Stehsätzen. Vorhersehbare Moderation, vorhersehbare Politikerantworten. Einspielungen mit vorbereiteten Beiträgen gab es, Zuseher-Beteiligung über Social Media war nicht vorgesehen.

Bei ATV lud man in die Wiener Stadthalle, die Parteien dürften gegen einen Obulus von 10 Euro pro Person ihre Anhänger mitbringen. Jubeln und Anfeuern war ausdrücklich erwünscht, und das ließen sich die Parteiaktivisten auch nicht zweimal sagen. Der Privatsender setze voll auf Web 2.0, Twitter und Facebook. Die Moderation war frech und die Fragen überraschend.

An der Inszenierung durch ATV gab es durchaus auch Kritik. So meint etwa Grünen-Gemeinderat Christoph Chorherr in seinem Blog: "Ist es gut, wenn politische Auseinandersetzung immer mehr Spektakel wird? Was heisst es für unsere Demokratie, wenn politische Debatten immer mehr wie 'Wetten daß' wirken?" Darin schwingt eine Sorge mit, die nicht ganz unberechtigt ist. Können in Boxkampf-Inszenierungen und unter Parteigänger-Gegröle noch sinnvolle politische Themen diskutiert werden? Oder kommt es nur mehr darauf an, wessen Anhänger am lautesten klatschen können und wer die besten Witze reißt?

Die Debatte auf ATV hat gestern bewiesen, dass Inszenierung nicht unbedingt den Verzicht auf Inhalte bedeuten muss. Durch die unkonventionelle Inszenierung passierten ein paar spannende Dinge. Und das, während durchaus inhaltlich über Themen diskutiert wurde, die in bisherigen Debatten zu kurz kamen, etwa Verkehrspolitik.

Die NLP-PR-Sprache, die Politiker gerne verwenden, funktionierte im ATV-Setting nicht - auch weil die Moderatoren immer wieder dazwischen gingen, wenn geschwafelt wurde. Die Folge war, dass die vier KandidatInnen emotionaler und echter diskutierten. Spannend, dass man vor allem dem, der eigentlich die höchste Bierzelt-Credibility haben sollte, Heinz-Christian Strache ansah, wie nervös ihn das machte. Die anderen drei schlugen sich nach einer Schockphase wacker. VP-Spitzenkandidatin Christine Marek zeigte Emotionen und fiel kurz in Dialektsprache, eine Rarität in ihrem bisherigen Wahlkampf, die sie authentisch wirken ließ. Bürgermeister Michael Häupl brauchte ein bisschen, fand dann aber sichtlich Gefallen am lockeren Diskussionsmodus und dem Infight mit Strache. Die Gewinnerin des Abends war eindeutig Maria Vassilakou, die wie ein Fisch im Wasser debattierte - und so entschlossen wie selten zuvor wirkte.

Ja, die grölenden Parteifans störten manchmal schon rein akustisch die Debatte - es war wohl zu viel des Guten gleich 2.000 Menschen einzuladen. Aber: Nein, die Inszenierung hat die Qualität der politischen Auseinandersetzung nicht verschlechtert. Sie hat uns Medien vor Augen geführt, dass es eine faule Ausrede ist, wenn wir behaupten dass manche Themen unsere Leser nicht interessieren und das mangelnde Interesse auf die Politikverdrossenheit der Jungwähler oder bildungsfernen Schichten schieben.

Wir können nicht einerseits beklagen, dass Politik niemanden mehr interessiert, andererseits aber weiterhin, um es polemisch zu sagen, so langweilig wie möglich berichterstatten. Ich wage zu behaupten, dass gestern unter den ATV-Zusehern mehr Wahlentscheidungen gefallen sind als bei jenen der ORF-Debatte. Und wenn das bedeutet, dass wir mit einer Politik mit Showcharakter leben müssen - Nun denn. Wir Journalisten sollten uns endlich von dem Gedanken verabschieden, dass seriös immer gleichbedeutend mit langweilig sein muss. Sonst werden sich unsere Leser und Seher von uns verabschieden.

  • Wir können nicht einerseits beklagen, dass Politik niemanden mehr 
interessiert, andererseits aber weiterhin, um es polemisch zu sagen, so 
langweilig wie möglich berichterstatten.
    foto: photonews.at/georges schneider

    Wir können nicht einerseits beklagen, dass Politik niemanden mehr interessiert, andererseits aber weiterhin, um es polemisch zu sagen, so langweilig wie möglich berichterstatten.

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