Lounge Music und Muezzins

4. Oktober 2010, 16:58
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Essaouira an der marokkanischen Atlantikküste hat viel von seiner ursprünglichen Größe eingebüßt. Dem Gast ist das nicht unrecht

Hassans Musikladen in der Rue Ceuta nahe der Avenue Sidi Mohammed Ben Abdallah ist winzig klein. Die Kunden, ein tschechisches Pärchen auf der Suche nach besonderen CDs, können sich kaum umdrehen, doch sie werden fündig. Gnaoua-Musik, strahlt Hassan zustimmend, schwarzafrikanische Tradition direkt hier im Land der Berber, an der Atlantikküste!

Plattengeschäfte gibt es mehrere im touristischen Viertel der Medina, der Altstadt, von Essaouira. Auch Läden, in denen man allerlei aus Thujaholz Geschnitztes kaufen kann und Teppiche, Taschen, Silberschmuck, Arganöl in geschenkfreundlichen Flaschen aller Größen; weniger allerdings sonstige Lebensmittel, Gewürze oder frische Minze für den Tee, die muss man weiter hinten im Marktviertel besorgen.

Vorne, im dem Meer zugewandten Teil der marokkanischen Hafenstadt, mischen sich die Strandjogger mit den Fischern, flanieren die Zweithausbesitzer aus dem Landesinneren neben denen, die dem europäischen Winter entfliehen.

Das macht Essaouira offener als vergleichbare Kleinstädte in dieser Weltregion. Zwar ist der arabische Einfluss stark, schon im siebten Jahrhundert eroberten sie die Küste, und vor gut 400 Jahren kamen sie wieder und überstanden schließlich auch die französische Herrschaft.

Aber Morgenland? Ganz im Gegenteil, der Ort war das westliche Ende schon des Römischen Reiches. Er lebte vom Handel und vom - nicht immer freiwilligen - Austausch mit allem, was vom Ozean kam. "Mogador" nannten ihn die Portugiesen, das soll auf den islamischen Heiligen Sidi Mogdul zurückgehen, der seinerseits ursprünglich ein Schotte namens MacDonald gewesen sein soll.

Die gemächlichere Route

Vielleicht nur eine Legende, aber sie passt. Hier drückten viele der Stadt ihre Stempel auf und prägten sie. Die portugiesische Besatzung hinterließ die Hafenbefestigungen und die charakteristischen Farben Weiß und Hellblau; das gibt Essaouira ein fast mediterranes Flair, verglichen mit Orten im Landesinneren, die in allen Rottönen schimmern. Ein Franzose plante das für Marokko untypisch rechteckige Straßennetz. Engländer legten den Kai an, deutsche Firmen errichteten die Hafenanlagen und lieferten die dazugehörigen Maschinen. Eine Zeitlang war Essaouira der größte Hafen der afrikanischen Westküste.

Das ist lange her. Agadir im Süden und Casablanca im Norden haben sie längst überflügelt. Die "Vollendete" - das bedeutet das arabische as-Sawirah - hat eine gemächlichere Route genommen. Sie hat eine stadtmüde Boheme angezogen gerade mit ihrer Langsamkeit. Zwei Daten stehen am Rande dieses Wegs.

Zum einen 1950. Da hat Orson Welles einen Teil seines Monsterprojekts Othello hier gedreht, mit sich selbst in der Titelrolle. So geriet der Stadtwall mit seinen Kanonen, wenn auch nur flüchtig, auf die Landkarte der Kulturnomaden. Die Stadt dankte es ihm, nannte den großen Garten neben dem Hauptplatz "Place Orson Welles" und stellte eine Büste von ihm auf.

Das zweite Datum ist wieder eher eine Legende. Verbürgt ist lediglich, dass Jimi Hendrix Ende Juli 1969 eine Woche in Marokko war, als einigermaßen sicher gilt, dass er ein paar Tage im benachbarten Diabat verbrachte, und vielleicht schaute er auch mal hier vorbei.

Aus diesen dürren Angaben zimmerten die Einheimischen "Hendrix Cafés" und fabulöse Geschichten über Jam-Sessions, und immer noch hängen Posters vom großen Jimi in den Auslagen.

Auch Hassan hat eines. Doch lieber unterhält er sich über die Klänge seines Kontinents, eben zum Beispiel die der Gnaoua. Jeden Juni findet hier ein World Music Festival zu ihren Ehren statt, die repetitiven Phrasen von Trommlern und Geigern werden dann gerne mit europäischen Zutaten gemischt, und das Ergebnis zieht Gäste in der heißen Saison an.

Nicht dass es zu anderen Jahreszeiten weniger attraktiv wäre. Die Luft ist dann meist lau, oft weht eine Brise (im Winter allerdings eine kräftige und nasse). Und Fisch gibt es fast das ganze Jahr über. Zwar nicht in den Mengen, die die großen Flotten weiter draußen in andere Städte abschleppen, doch genug, um mehrere Fischerfamilien zu ernähren und die Gäste im Hafen.

Dort bekommen sie ihr Essen direkt von den Booten via Grillstände auf heurigenartigen Tischen serviert, ein paar gut gewürzte Tomaten dazu, fertig ist le lunch, messieurs dames.

Lockerer Umgang mit Lizenzen

Gepflegter geht es in manchen Restaurants rund um den Hauptplatz, Place Moulay El Hassan, und in den Gassen innerhalb der Altstadtmauer zu. Die den Ort mehr oder weniger lang dominierenden Kulturen schlagen sich auch in den Speisekarten nieder: Quiche neben Tajine-Schüsseln, portugiesische Rezepte neben einheimischen Pizza-Variationen. Und immer wieder Alkohol.

Denn Essaouira ist nicht so. Im Unterschied etwa zu Marrakesch pflegt die Stadt einen recht lockeren Umgang mit Lizenzen - offiziell nur für die ungläubigen Gäste. Die sitzen dann etwa auf der Terrasse des Taros mit Blick über den Hafen und die vorgelagerten Inseln, schauen der Sonne beim Untergehen zu und schlürfen ihre Cocktails, während die Lounge Music von der Bar die Rufe der Muezzins übertönt. Chez Sam hingegen, draußen auf der Mole, empfiehlt Bier. Chez Othmane wiederum ist auf die wilde Kunst an den Wänden stolz, und im d'Orient et d'Ailleurs spürt man noch den Einfluss der früheren italienischen Besitzer.

Das alles ist nicht gerade typisch, mag der Reisende denken. Aber was ist schon typisch Marokko? Das Land ist so vielgestaltig, von so vielen Völkern und Traditionen mitgeprägt (in Essaouira zum Beispiel lebte bis zum Sechstagekrieg eine große und offenbar gut integrierte jüdische Gemeinde), so unterschiedlich weit auf dem Weg in die Moderne, dass es typisch eh nicht gibt.

Vielleicht fasst ein Ort wie Essaouira sogar ganz gut die Widersprüche und die Möglichkeiten dieses Landes zusammen: ein nicht übermäßig forcierter, fast "sanfter" Tourismus neben betonierten Bausünden, die es natürlich auch gibt. Eine islamische Gesellschaft mit, wie es scheint, viel Toleranz für Andersdenkende.

Es ist spät geworden. Hassan verstaut alles in seinem Laden und sperrt zu. Er hat sich lange mit den beiden Tschechen unterhalten, unter anderem über die lokalen Rauchgenüsse. Jetzt lädt er sie zu einem Praxistest ein. Denn Essaouira ist nicht so. (Michael Freund/DER STANDARD/Printausgabe/02.10.2010)

Anreise: per Flugzeug via Marrakesch; etwa ab Wien mit Air France via Lyon, mit Swiss via Zürich, mit Air Berlin via Paris; oder mit Niki bzw. Air Berlin ab Wien via Paris nach Agadir. Günstig mit Iberia (zwei Zwischenstopps, Madrid und Casablanca). Von Marrakesch empfiehlt sich die Weiterreise per Bus: Supratour-Busse z. B. fahren bis zu viermal täglich nach Essaouira und retour, sind bequem und kaum langsamer als ein Taxi. Man kann Autos mieten, doch in Essaouira praktisch nicht nutzen, außer für Ausflüge.

Die Alliance France-Marocaine hat gelegentlich Ausstellungen und Konzerte; bei längerem Aufenthalt wird auch ein Sprachkurs interessant. In vielen kleinen Läden werden noch regionale Musikinstrumente gefertigt. Sehr gefragt ist seit längerem das aus den Früchten der Arganbäume gewonnene Öl. Frauenkooperativen produzieren es in der Region nach traditioneller Art und in dieser Qualität meist billiger als in den Großstädten. Infos z. B. unter www.argane.maroc.com

  • Das Gnaoua World Music Festival findet in der zweiten Junihälfte statt. 
    foto: gnaoua world music festival

    Das Gnaoua World Music Festival findet in der zweiten Junihälfte statt. 

  • Unterkünfte: vom Fünf-Stern-Hotel (Sofitel Mogador) bis zum einfachen Riad, einer Art marokkanische Pension, mit schönem Innenhof. www.marokko-hotels.com
    foto: www.marokko-hotels.com

    Unterkünfte: vom Fünf-Stern-Hotel (Sofitel Mogador) bis zum einfachen Riad, einer Art marokkanische Pension, mit schönem Innenhof. www.marokko-hotels.com

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