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Karl-Dieter Hoffmann ist Politologe und Geschäftsführer des Zentralinstituts für Lateinamerika-Studien an der Katholischen Universität Eichstätt in Bayern.
Standard: Mexikos Präsident Felipe Calderón hat den Drogenkartellen 2006 den Krieg erklärt. Stimmt der Eindruck, dass sich die Lage seither nur verschlimmert hat?
Hoffmann: Das kann man schon so sagen. Calderón hatte damals das Ziel, die zunehmende Konkurrenz zwischen den Kartellen und daraus resultierende Gewalttaten zu beenden, aber heuer werden wir im Vergleich zu 2006 wahrscheinlich die dreifache Zahl an Toten zu beklagen haben. Heute sind wesentlich mehr Bundesstaaten in Mexiko vom Konflikt betroffen, weil die Kartelle oder ihre paramilitärischen Trupps durch den Militäreinsatz auch dorthin ausgewichen sind.
Standard: Wie sehr sind Justiz und Polizei von Kartellen unterwandert?
Hoffmann: Die Masse der Polizisten gehört zur Munizipalpolizei, die in den Gemeinden arbeitet. Die gelten als am meisten korrumpiert. Dann kommen die Staatspolizeien und die Bundespolizei. Man findet auf jeder Ebene Korruption. Die Justiz ist zum Teil auch korrumpiert. Der jetzige Präsident hat einige Reformen auf den Weg gebracht, aber die greifen noch nicht. Etwas zu verändern ist jetzt besonders schwierig, da die Institutionen massiv unter Druck stehen. Mittlerweile werden Mitglieder solcher Organisationen nicht mehr mit Geld korrumpiert, sondern indem man sie mit dem Tod bedroht.
Standard: Es fällt auf, dass Drogenbandenmitgliedern immer wieder die Flucht aus der Haft gelingt - 2001 etwa dem Kopf des Sinaloa-Kartells, Joaquín Guzmán. Wie ist das möglich?
Hoffmann: Genau in dem Fall gibt es ganz neue Hinweise, dass das damals sogar mit der mexikanischen Regierung abgesprochen gewesen sein soll - das berichtet aktuell das investigative Nachrichtenmagazin Proceso in Mexiko. Demnach hat Guzmán einen Deal gemacht, andere Capos auszuliefern. Er soll nicht nur Gefängnisbedienstete geschmiert haben, sondern die Aktion soll viel, viel höher abgesegnet worden sein.
Standard: Was bewirken solche Ereignisse in der Bevölkerung? Das Misstrauen muss ja enorm sein.
Hoffmann: Mit der Polizei kooperiert niemand. Zum Beispiel: Quasi paramilitärische Gruppen fahren bei Attacken klar erkennbar in Konvois mit bewaffneten Kämpfern von A nach B, aber die Leute melden sie nicht, weil sie den staatlichen Autoritäten nicht trauen. Wenn man irgendwo eine Meldung macht, läuft man Gefahr, dass man damit jemanden informiert, der selbst beteiligt ist an diesen kriminellen Dingen. Die Kartelle haben überall ihre Spione und Kollaborateure. Es werden zum Teil Entführungen nicht mehr der Polizei gemeldet, weil die Leute nicht sicher sind, ob die Polizei in diesem Geschäft mit drinsteckt.
Standard: Was wäre notwendig, um die Lage zu verbessern?
Hoffmann: Am besten wäre, wenn die US-Amerikaner aufhören würden, Kokain zu schnupfen. Solange die Nachfrage da ist, wird das Geschäft weitergehen. Das ist aber absolut unrealistisch. In Mexiko wird aber auch diskutiert, ob es nicht besser wäre, zu den Zuständen zurückzugehen, als die Kartelle mit den Politikern verbandelt waren und in gewisser Weise kontrolliert wurden. Aber auch das ist absolut hypothetisch, denn damals waren die Kartelle noch nicht so weit verbreitet wie heute. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 4. Oktober 2010)
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