Trotz Sparkurs gewann Dombrovoskis die Wahlen in Lettland
Als er vor eineinhalb Jahren ein praktisch bankrottes Land als Regierungschef übernahm, trauten wenige Letten dem jungen Politiker zu, das Land aus der Krise zu führen. Am Samstag hat Valdis Dombrovskis mit dem erst vor elf Monaten geschmiedeten liberalen Bündnis Vienotiba ("Einheit") klar die Parlamentswahl in Lettland gewonnen.
Dabei hatte Dombrovskis dem Land in den vergangenen Monaten einen schmerzhaften Sparkurs verordnet, um die Bedingungen des Internationalen Währungsfonds und der EU zu erfüllen. Sein Vorgänger Ivars Godmanis hatte Milliardenkredite verhandelt. Für die Auszahlung mussten Auflagen eingehalten werden.
Seine Künste als studierter Mathematiker und Ex-Finanzminister kamen dem im Volksmund Profesors Ciparins (Professor Zifferchen) genannten Regierungschef etwa beim Budget zugute. Das Defizit durfte 8,5 Prozent des BIPs nicht überschreiten. Öffentliche Löhne, Pensionen, Arbeitslosenhilfe, Spitäler, Verkehrsprojekte - überall setzten er und Finanzminister Einars Repse trocken den Sparstift an.
Dennoch regte sich unter den Letten vergleichsweise wenig Protest. Aus Sowjetzeiten ist das Land gewöhnt, den Gürtel eng zu schnallen. Trotzdem steuerte Dombrovskis bis kurz vor der Wahl auf eine Niederlage zu. Das von gemäßigten Vertretern des russischen Bevölkerungsteils getragene "Harmoniezentrum" - mit Ukrainern und Weißrussen machen Russen 40 Prozent der 2,4 Millionen Einwohner aus - lag in den Umfragen konstant vorne. Dombrovskis kündigte daraufhin an, die bisherige Koalition mit den nach rechts außen gerückten Nationalisten und der vom Oligarchen Aivars Lembergs gesteuerten "Union Grüne/Bauernpartei" fortsetzen zu wollen.
Der heute 39-Jährige steht erst in der Frühphase seiner politischen Karriere. Als Mitbegründer der seinerzeit erfolgreichen Antikorruptionspartei "Neue Zeit", als Finanzminister, EU-Parlamentarier und zuletzt als erfolgreicher Staatssanierer und Wahlsieger hat er jedoch unter Beweis gestellt, dass er nicht nur mit Ziffern umgehen kann. Er besitzt auch ein untrügliches Gespür für Politik.
In Zukunft wird der verheiratete Regierungschef wohl noch seltener dazu kommen, den "Professor Zifferchen" zeitweise Professor sein zu lassen und zur Musik der deutschen Brachialpopper Rammstein heimlich die Sau rauszulassen. Als deren Fan outete er sich im Wahlkampf. Zweite Favoritin ist übrigens Nena. (Andreas Stangl, DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.10)