Das Kasino als Tauschbörse der Trickster

3. Oktober 2010, 17:37
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Das zweite Wochenende stand ganz im Zeichen des Leitmotivs "Meister, Trickster, Bricoleure": Die Geheimagentur errichtete im Forum Stadtpark ein vergnüglich-subversives "Casino of Tricks".

Graz - Der Steirische Herbst, immerzu auf Wanderschaft, hat heuer das Forum Stadtpark zum Festivalzentrum erkoren. Das junge Architektenteam feld72 zimmerte aus tausenden Holzpaletten nicht nur die Einrichtung, sondern auch eine weithin sichtbare, weit auskragende Freilichttribüne: "trickreich und mit einem Hang zum Größenwahn", wie es treffend im Programmheft heißt. Der Herbst steht schließlich unter dem Motto "Meister, Trickster, Bricoleure".

Das ehemalige Café, Ende der 1950er-Jahre von Künstlern zum Forum umgebaut, ist seit diesem Wochenende aber auch ein Kasino: ein sympathisches, von der Hamburger Geheimagentur zum dritten Mal betriebenes Casino of Tricks. Den Eintritt bezahlt man natürlich - mit einem Trick: Er wird, vom Besucher dargebracht, aufgezeichnet und in das bestehende Videoarchiv integriert. Fortan steht der Trick jedem Mitspieler zur Verfügung. Das Kasino ist also ein subversiver Umschlagplatz zweckdienlicher Informationen. Die Überlebensstrategie lautet: "Wir dürfen nicht nur nach den Regeln spielen, wir müssen mit ihnen spielen."

So ehrenwert die Intention ist, das Geheimwissen der großen Trickster demokratisieren zu wollen: Leider wird diese liebevoll ausgestattete Tauschbörse von keinem Banker besucht, der preisgibt, wie man die Krise in Boni verwandelt. Dementsprechend harmlos sind die Taschenspielertricks, die man sich aneignen kann.

Das Dealen macht aber trotzdem Spaß. Denn die fünf Mitglieder der Geheimagentur, die als Croupiers, Barkeeper und Empfangsdame fungieren, haben sich ein komplexes Beziehungsgeflecht ausgedacht. Als Raster dienen fünf Kategorien von Tricks: Angebot und Nachfrage bestimmen (angeblich) den Wert der färbigen Jetons. Sie sind, weil der Besucher als Mitspieler nicht ausgenutzt werden soll, in der Tat bares Geld wert. Um seine Jetons zu vermehren, muss man allerdings weitere Tricks preisgeben, einen Spontanvortrag halten oder trickreich mit dem Bürosessel eine Rampe hinunterrollen.

Hoch dotiert ist u. a. das dokumentierte Unsichtbarwerden. Wie man dies bewerkstelligen kann, zeigt John Knight in seinem - ebenfalls subversiven - Beitrag zur Ausstellung Utopie und Monument II im öffentlichen Raum: Er ließ die Fahnen, die für das Festival werben, verschwinden; zu sehen sind in der Herrengasse also nur die nackten Masten.

Mit einem Trick arbeitet auch das Theater im Bahnhof, das im Citypark, einem Shoppingcenter, sein neues Stück Tod eines Bankomartkartenbesitzers zur Uraufführung brachte - während der Öffnungszeit: Das Publikum, mit Kopfhörern auf der Galerie postiert, fungiert als "versteckte Kamera". Man darf sich an den (zumeist ausbleibenden) Reaktionen der Einkäufer auf das Geschehen zu ebener Erde delektieren. Und daran, dass sich die Schauspieler über die Paare, Passanten lustig machen: Jede Frau, die ein Kleidungsstück in der Modefarbe Lila trägt, wird "Zwetschke" gerufen.

Der Hintergrund ist allerdings ein durchaus ernster: Das Theater im Bahnhof beschäftigt sich mit dem Schicksal von Menschen, die aufgrund ihrer Schulden keine Kreditkarte und zumeist auch keine Zukunft mehr haben. Das Publikum verfolgt daher eine Promotionsveranstaltung des gemeinnützigen Vereins Bankomartkartenwitwen samt den Vorbereitungsarbeiten zu dieser. Gerade im Shoppingcenter sei die Zahl der gefährdeten Menschen besonders hoch, erklärt Monika Klengel als Obfrau mit sanftester Stimme. Rührend kümmert sie sich um ihre Schäfchen, die mit dem Entertainer Terence Limbaugh (Jacob Banigan) die Show bestreiten.

Minimalistische Tanzeinlagen gibt es zu sehen, schräge Lieder und mehrere Leidensgeschichten zu hören. Man fühlt sich an Christoph Marthaler erinnert, leider fehlt dieser Revue aber der Tiefgang. Nur für Augenblicke wird die Wucht spürbar, die der Abend insgesamt habe könnte: Wenn Banigan Passanten über ihr Kaufverhalten interviewt. Und wenn Juliette Eröd als einkaufssüchtige Frau Teuschel ihren Frust derart herausschreit, dass es alle hören können - und nicht nur die Zuschauer über die Kopfhörer.

Nächtens dann gelangte im Dom im Berg der 30-minütige Film Joule der italienischen Filmemachergruppe Zapruder zur Uraufführung: Er reiht Spielarten von Arbeit aneinander und ist ein Kommentar zum Film All Inclusive, der im Hotel Joule und mit Zitaten spielt. Der Trick dabei: in 3-D. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2010)

 

  • Die Gewinnchancen sind hoch im "Casino of Tricks", weil im Kessel zwei Kugeln rollen. Doch um die Jetons ausgehändigt zu bekommen, muss man einen Trick preisgeben.
 
    foto: steirischer herbst / silveri


    Die Gewinnchancen sind hoch im "Casino of Tricks", weil im Kessel zwei Kugeln rollen. Doch um die Jetons ausgehändigt zu bekommen, muss man einen Trick preisgeben.

     

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