Wie arbeitete eigentlich Sigmund Freud?

3. Oktober 2010, 17:21
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Psychotherapie im Wandel: Ein Theaterstück gibt Einblick, wie Freud eine Schweizer Ärztin behandelte

Im Jahre 1921 reiste eine junge Züricher Ärztin nach Wien. Ihr Ziel: sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob sie ihren langjährigen Verlobten heiraten soll. Bei dieser Entscheidung sollte ihr Sigmund Freud helfen. Sie kannte seine Arbeit und hatte ihn gebeten, sie als Patientin anzunehmen. Am 1. April 1921 begann die Analyse: eine Stunde täglich, sechs Tage die Woche, 14 Wochen lang. Danach löste sie die Verlobung. Über ihre Analyse bei Freud hat sie nie mehr gesprochen.

Doch sie hatte Aufzeichnungen gemacht, die ihre Enkelin Anna Koellreuter, Psychoanalytikerin in Zürich, nach dem Tod der Großmutter fand. Sie geben Einblick darüber, was Anna G. damals in den Sitzungen mit Freud gesprochen hatte. Koellreuter zögerte lange, sie zu veröffentlichen, verfasste dann aber eine Buch unter dem Titel Wie benimmt sich der Prof. Freud eigentlich?, und daraus entstand ein Theaterstück, das nun in Wien aufgeführt wird. Sie streifen so nah am Geheimnis ist eine szenische Lesung, die Einblicke darüber gibt, wie Freud selbst gearbeitet hat.

"Die Psychoanalyse hat sich verändert. Heute wird kein Zeitrahmen im Vorhinein festgelegt, auch die Deutungen haben sich weiterentwickelt, und die Übertragung in der Analyse wird ganz anders behandelt, Freud hatte bekanntlich Mühe damit", erläutert Koellreuter.

Historisches Dokument

Anna G.s Tagebuch ist wissenschaftsgeschichtlich in dreierlei Hinsicht interessant: Es dokumentiert eine reine Patientenanalyse und unterscheidet sich dadurch von den vielen bekannten Lehranalysen, die publiziert wurden. Zudem war Anna G. vor Freuds Krebserkrankung in Therapie, Freud konnte noch gut sprechen und tat es auch. Und schließlich gibt es wenige Aufzeichnungen, die den therapeutischen Dialog so klar dokumentieren. "Das Tagebuch meiner Großmutter besteht aus wörtlichen Protokollen und dokumentiert das, was in den Stunden von beiden gesagt wurde. Das ist das Spezielle am Ganzen", präzisiert Koellreuter.

In Zürich und Paris wurde das Stück bereits aufgeführt. Wien, der Ort, an dem Anna G. die Weichen für ihr Leben stellte, ist nun quasi ein historischer Ort: "Hier hat meine Großmutter Abstand zu ihrem Milieu bekommen und konnte sich entscheiden. Die Lösung einer siebenjährigen Verlobung kam damals ja einer Scheidung gleich", fasst ihre Enkelin 89 Jahre nach der Analyse ihrer Großmutter bei Freud zusammen.

Anna Koellreuter wird am Samstag bei der Wiener Erstaufführung eine kurze Einführung zu ihrem persönlichen Umgang mit dem Tagebuch der Großmutter halten. (Karin Pollack / DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2010)

 

"Sie streifen so nah am Geheimnis": Samstag, 9. 10. um 20 Uhr in der Wiener Psychoanalytischen Akademie (Karten: fortbildung@oevg-gestalt.at) und Sonntag 10. 10. um 20 Uhr im Kabinetttheater (Karten: 01/585 7405).

  • Die junge Ärztin Anna G. kam 27-jährig als Patientin zu Dr. Freud nach Wien. Ihre "Kur" dauerte 14 Wochen.
    foto: koellreuter

    Die junge Ärztin Anna G. kam 27-jährig als Patientin zu Dr. Freud nach Wien. Ihre "Kur" dauerte 14 Wochen.

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