Gestrandet im Nirgendwo

3. Oktober 2010, 17:11
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Das Wiener Schauspielhaus mit der österreichischen Erstaufführung von Philipp Löhles "Die Überflüssigen", einer platten Kleinstadtutopie

Wien - In der Porzellangasse im neunten Bezirk scheint die Zeit stillzustehen. Seit drei Jahren wird im Schauspielhaus, dem Wiener Jungautorentheater, die immergleiche "never-ending story" (mit großem Erfolg übrigens!) gespielt. Und es sieht ganz danach aus, als ginge das auch in dieser vierten Saison unter der Leitung von Andreas Beck so weiter.

Intellektuell verwahrloste Vertreter einer betongrauen Desillusionsgesellschaft pflegen in diesem fortlaufenden Stück an von einer höheren Gewalt leergeräumten Provinzorten zu stranden und dort (oder in ihren kalten Kojen in konsumbeherrschten Gespensterstädten) mit blasierter Fadesse-Rhetorik unbeeindruckt aneinander vorbeizureden.

Diesmal sind es also die Protagonisten der deutschen Dramatiker-Hoffnung Philipp Löhle, die sich als Die Überflüssigen von einer eiskalt entgleisten Menschheit abgestoßen fühlen. Philipp Löhle, Jahrgang 1978, hat sich in Wien 2007 bei den Werkstatttagen am Burgtheater vorgestellt und inzwischen als Hausautor am Berliner Maxim-Gorki-Theater gearbeitet.

In seinen Stücken (Genannt Gospodin, Wir sind Hartz IV) greift er entschlossen gesellschaftskritische Themen auf und lässt Andeutungen von Utopien erkennen. Das ist mutig und im Fall der Überflüssigen aber leider klischeetechnisch ein riskantes Unterfangen: In einen gottverlassenen Ort namens Lükke verschlägt es Eddie, der als Werber "verkauft, dass etwas besser aussieht, als es ist".

Er reist zum Begräbnis seiner Eltern an und erkennt seinen Kindheitsort kaum wieder. Löhle nimmt Studien über sterbende Dörfer im Nirgendwo als Vorlage für seine Westernstadt. Mit jedem Haus, das hier abgerissen wird, wird der Wind stärker.

Regisseur Sebastian Schug passt die Ästhetik seiner Inszenierung an das Western-Bild an: einsame Wölfe und melancholische Huren stehen herum und sehen der Zeit dabei zu, wie sie vergeht. Man möchte nicht, dass viel passiert. Kapitalismus-Eddie platzt recht stereotyp in diese öde Antiidylle, die sich selbst genügt.

Der Werbefachmann, der "etwas aufbauen" will und Touristen anlocken möchte auf der einen Seite und die xenophoben Dorfbewohner auf der anderen sind als Figuren platt und naiv angelegt, auch wenn sie von Löhle ansatzweise originelle Wesensmerkmale zugeschrieben bekommen haben.

Zwar trifft Thiemo Strutzenberger in einer zynischen Doppelrolle als Bruder und Sheriff eine witzige Tonlage, auch das restliche Ensemble (Katja Jung, Max Mayer und Steffen Höld) ist um Konturen bemüht, doch scheint es den Protagonisten im Schauspielhaus genau so zu gehen wie dem Sheriff, der sagt: "Wir wissen, dass nichts mehr kommt." (Isabella Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2010)

 

  • In Lükke ist nichts los, und das soll auch so bleiben: Thiemo Strutzenberger und Max Mayer sind "Die Überflüssigen" im Wiener Schauspielhaus.
    foto: alexi pelekanos

    In Lükke ist nichts los, und das soll auch so bleiben: Thiemo Strutzenberger und Max Mayer sind "Die Überflüssigen" im Wiener Schauspielhaus.

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