Blutkrusten und Sprünge

3. Oktober 2010, 16:43
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Krystian Herba springt in 18 Minuten über das Stiegenhaus den Milleniumstower hinauf. Ob der Othmar auch einmal so weit gekommen wäre?

Müsste man Othmars Jugend mit einem Wort beschreiben, wäre es „Blutkruste". Die trug er immer mehr oder weniger auffällig mit sich herum. Immer auf den Knien und Ellenbogen, manchmal auch im Gesicht. Othmars Eltern waren geschieden, und er lebte bei seiner Mutter. Oder viel mehr im Haus seiner Mutter. Er hatte, aus damaliger Sicht, das Glück, dass seine Mutter nie Zeit für ihn hatte - tagsüber ging sie arbeiten, die Nächte widmete sie der intensiven Suche nach einem Stiefvater für Othmar.

Othmar kannte neben Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill nur ein Hobby: Radfahren. Oder das, was er darunter verstand. Ihm ging es nämlich nicht darum, wie er damit von A nach B kommt. Seine Fragen lauteten: Wie weit kann man mit einem Rad springen? Wie weit kann man am Hinterrad fahren? Oder wo kommt man mit einem Rad überall rauf und runter. Zudem war er ein findiger Customizer. Nur, dass wir das Wort damals nicht kannten.

Sinnlose Fahrradumbauten

An dem Tag, an dem er den Lenker seines Rades abschraubte, das Lenkrad eines Spielzeugtraktors montierte und die Bremshebel kurzerhand auf die Mittelstange schraubte, waren die Blutkrusten besonders schön. Wir wissen bis heute nicht, ob er die Hand überhaupt einmal bis zur Bremse brachte, bevor er stürzte. Nach einer längeren Versuchsreihe war klar: Der wackelige Rundlenker war mit einer Hand nicht zu derfahren.

Natürlich war Othmar seinerzeit ein Held und Vorbild. Mein Bruder und ich trainierten heimlich und hätten ihn sicher in der einen oder anderen Disziplin eingeholt, hätten nicht unsere Eltern unseren Plan durchkreuzt. Nach dem Rekordsprung meines Bruders, der damit endete, dass man ihm mit dem Schleimbeutel auch eine halbe Schottergrube aus dem Ellenbogen operierte, gab es strikte Regeln die Fortbewegung mit dem Fahrrad betreffend. Die Gipshand mit dem Schläucherl, aus dem regelmäßig Blut tropfte, beeindrucke Othmar aber sehr.

Krystian Herba

Kris dürfte eine ähnlich bewegte und blutverschmierte Jugend in Rzeszòw in Polen gehabt haben. Nur er verlagerte mit 16 Jahren sein Interesse nicht zu Disco und Vespa, sondern trainierte hart weiter. Seit 16 Jahren ist Krystian Herba angeblich Radprofi – also seit er 13 Jahre alt ist. Und nicht nur das, er ist auch erfolgreicher Snowboarder und hat polnische Meister- und Vizemeistertitel unter den Amateuren geholt.

Am Wochenende war er mit seinem acht Kilogramm schweren Trial-Bike in Wien. Der Milleniumstower war sein Parcours. Er nahm sich vor, in 20 bis 22 Minuten mit dem Rad das 202 Meter Hochhaus zu bezwingen. Nicht mit dem Lift oder über die Fassade, sondern über das Stiegenhaus. Und das geht so. Kris fährt mit dem Fahrrad schräg zur Stiege, hebt das Vorderrad und setzt es auf einer oben liegenden Stufe auf. Und dann: Hop, hop, hop. Mit acht Sprüngen schnupft er die 13 Stufen. Die sind nur 26 Zentimeter tief, dafür aber 18 Zentimeter hoch. Noch komplizierter: Das Stiegenhaus ist nur runde zwei Meter breit.

18:09 für 816 Stufen

So frisch der Kris unten loslegt, so fertig ist er, als er 18 Minuten, 9 Sekunden und 12 Hundertstel später oben ankommt. Er fällt erschöpft zu Boden, und sein Brustkorb hebt und senkt sich, als würde er noch weitere Stufen springen wollen. Dabei dachten einige schon bei der Hälfte, dass es Kris nicht ganz nach oben schaffen wird, so gezeichnet war er von der Anstrengung. Aber sein Betreuerteam trieb ihn bis ins Ziel. Mit dabei ein Arzt. Wohl aber nicht wegen der Blutkrusten. Wenn Kris blutet, dann weil er es vor lauter Anstrengung ausspuckt.

Seine nächsten Hupf-auf Projekte: "Das Empire State Building in New York, der Eifelturm in Paris und das Burj Khalifa in Dubai würden mich reizen."

  • Er fährt weniger als er springt. Krystian Herba bezwingt die Stiegenhäuser der höchsten Wolkenkratzer.
    foto: krystian herba

    Er fährt weniger als er springt. Krystian Herba bezwingt die Stiegenhäuser der höchsten Wolkenkratzer.

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