Wenn das Kaffeehaus zur "Zone" wird

1. Oktober 2010, 21:01
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    foto: standard/corn heribert

    Raucher müssen draußen bleiben, heißt es seit Juli 2010 auch im Café Sperl. - Eine Aufforderung zur Untreue?

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    foto: toppress austria

    Qual statt Alm: Noch-"Sperl"-Stammgast Thomas Sautner.

Vom absehbaren Ende einer Liebesgeschichte, drei Monate nach dem gesetzlich verordneten Nikotin-Entzug in der Gastronomie: "Antiseptisch und lebensleer- das wär's dann wohl..."

Neuerdings wird man also gequält im Kaffeehaus. Erstmals nach der Sommerpause sitz ich im Café Sperl, und erstmals darf ich, von Gesetzes wegen, nicht rauchen.

Niemals zuvor war sie derart immens, die Lust auf eine Zigarette. Ich wetze auf dem Polstersessel hin und her, als sei ich ein Kettenraucher. Dabei waren es für gewöhnlich nicht mehr als ein, zwei Selbstgedrehte, die ich während des ganzen Tages im Café mehr paffte als rauchte. Was mich quält, ist nicht vorrangig das Verbot zu rauchen. Was mich derart unrund macht, ist das Verbot zu tun und zu lassen, was ich will.

Die Einschränkung, ich spüre es, greift augenblicklich auf meinen Organismus über, blockiert Schultern, Nacken, Kopf, lässt die Gehirnwindungen schockartig erstarren und ich brauche mir nichts vorzumachen: Heute werde ich mit dem neuen Roman keine Zeile weiter kommen.

Ich klappe den Laptop auf und zu, sehe an die Decke, ziehe Luft tief durch die Nase ein, lasse mich ausatmend gegen die Polsterung zurückfallen, pfeife lautlos hektische Rhythmen, durchblättere wahllos Zeitungen und gehe nicht aus körperlicher, sondern aus geistiger Not ein halbes Dutzend Mal auf die Toilette. Bewegungstherapie. Das fahrige Umherstreifen eines Tieres hinter Gitterstäben. Am eigenen Leib und wortwörtlich erfahre ich, was es heißt, beschränkt zu sein.

Nach wiederholtem Aufsuchen des Zeitungstisches kommt Robert Menasse herein, steuert geradewegs auf mich zu, bleibt mit hängenden Schultern vor mir stehen und sagt: "Ist es nicht furchtbar?"

Möglichst theatralisch atme ich durch, antworte, "ja, eine Tortur" . Soweit unsere Begrüßung. Dass wir von derselben Sache sprechen, brauchen wir einander nicht bestätigen, es ist ablesbar an unseren Sorgenfalten. Die Trauer steht uns ins Gesicht geschrieben, es bestätigt sich am abrupten Kehrtmachen der jungen Kellnerin. Sehr pietätvoll, sie entscheidet, uns vorerst ungestört zu lassen. - "Ich überlege ernsthaft, ins Prückel zu wechseln" , sage ich, "dort darf man noch rauchen."

"Ich hab schon gewechselt, ins Drechsler" , gibt Menasse zurück und blickt sehr ernst - was freilich angebracht ist, schließlich reden wir davon, unserer gemeinsamen Geliebten, dem Café Sperl, den Rücken zu kehren.

Selbstredend gehört sich das nicht und wir haben schlechtes Gewissen. Doch war es nicht schon jeher so, rechtfertigen wir uns, dass sich der Geliebte, wenn ihm die Geliebte die Rute ins Fenster stellt (und nun eben das Rauchen-Verboten-Schild), dass sich der Geliebte in solchen Fällen schweren Herzens aber doch: für die Freiheit entscheidet?

Schließlich wird das Kaffeehaus nicht wegen des Kaffees besucht. Darüber waren sich schon die Altvorderen einig, Heiligkeiten wie Altenberg, Torberg, Pollak, Zweig, Kraus, Kuh, Polgar, Werfel.

Über alles konnten sie disputieren, nur darüber nicht: Das Wichtigste am Kaffeehaus ist nicht der Kaffee, sondern das Haus. Und die Atmosphäre darin. Im idealen Fall wird sie gespeist von Witz und Intellekt, kosmopolitischem Schwadronieren und klugem Schweigen, Genuss und Gelassenheit und - das Wichtigste - einem alle Poren durchflutenden Gefühl von Freiheit, von leben und leben lassen.

Das Kaffeehaus ist ein Ort der Möglichkeiten, ist Biotop für Geist und Körper, Erholungsraum von Zeit und Welt. Zudem konnte man bis vor kurzem vor der schmutzigen Großstadtluft ins Café flüchten. Doch seit dem Rauchverbot ist die Luft hier herinnen - wider jedes naturwissenschaftliche Gesetz freilich - antiseptisch und ausgesprochen lebensleer. Die Illusion ist verblasst, versunken die Insel der Seligen.

Ein anderer Wind auch weht herein, selbst bei geschlossener Tür, eine Law-and-Order-Brise, ein Gemisch aus Handy-Überwachung, E-Mail- und Internetkontrolle, Vorrats-Datenspeicherung, Fingerprint in Reisepässen, Durchleuchtung der Kontobewegungen, elektronische Zeiterfassung, Impfpflicht, Zwangsversicherung, Speicherung aller Krankheiten via E-Card, Kampfhundeverbot, Essverbot in U-Bahnen und Bettel-Verbot.

"Darf's noch etwas sein?" , fragt die Kellnerin. (Thomas Sautner, DER STANDARD-Printausgabe, 2./3. 10. 2010)

Thomas Sautner (40) studierte Zeitgeschichte und Politologie und lebt als freier Schriftsteller in Wien; zuletzt erschien von ihm im Aufbau-Verlag der Roman "Fremdes Land".

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    Posting 1 bis 25 von 858
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    Taji Soron
    20
    8.10.2010, 14:27
    Alle, die hier von "Einschränkung der persönlichen Freiheit"

    "Regulationswahn" etc. schwafeln sollten sich einmal informieren, wessen Lied sie da singen: http://www.spiegel.de/spiegel/0... -2,00.html

    Der Blinde mit dem Seehund
    03
    5.10.2010, 20:47
    Es wurde per Gesetz verordnet, dass Zigaretten aus Automaten

    nur mit Identitätsnachweis, sprich im besonderen Fall mit Bankomatkarten zu kaufen sind. Es gibt alleine in Österreich ca. 30% Menschen welche über 18 Jahre alt sind und trotzdem keine Bankomatkarte haben bzw bekommen. Sind diese vom Rauchen ausgeschlossen? Hier sollte sich einmal die Raucherlobby stark machen.

    Rudi Refosk
    33
    5.10.2010, 17:03
    So arm!

    So arm, der Herr Sautner. Tränen der Rührung lassen diese Zeilen unvollendet...

    chilli p.
    11
    5.10.2010, 12:54

    ach was rauchfrei - menassefrei!

    Chocoholic
    40
    5.10.2010, 10:44
    Geh grad wieder hin, Herrn Sauters Umsatz ist abgesichert.

    contrarauch
     
    34
    5.10.2010, 09:13
    pro mortem - Tabak - das Kraut des Todes

    Wenn der offenbar schwer nikotinsüchtige Autor im Cafe Sperl "Bewegungstherapie" macht um seine Entzugserscheinungen in den Griff zu bekommen, könnte er doch gleich hinausgehen um sich die Verbrennungsrückstände des Tabakkrautes in die Lunge zu ziehen. Die dabei aufgenommenen Substanzen hätten die Panik im Gehirn wieder beruhigt, die emittierten Feinstaubwolken hätten niemand geschädigt und das Cafe würde nicht kontaminiert.
    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, aus welchem Grunde die Nikotinsüchtigen so erpicht darauf sind, die ihnen bisher in Österrauch zugestandene "Abschussquote" von jährlich annähernd 1.000 Nichtrauchern unbedingt einzuhalten? Viele machen nicht einmal vor ihren eigenen Kindern halt!

    aaronthebaron
    63
    4.10.2010, 10:47
    "Was mich derart unrund macht, ist das Verbot zu tun und zu lassen, was ich will. "

    Haben Sie es schon mal mit Psychotherapie probiert?

    sixela
    57
    4.10.2010, 13:44

    Außerdem: dass man beispielsweise der Kellnerin nicht (unaufgefordert) an den Busen greift oder nicht auf den Sessel uriniert - das koennte man ja auch einfach gerne tun - wird der Kommentator wohl doch als selbstverständlich finden. Er wird lernen müssen, dass Rauchen im Lokal auch zu den unerwünschten Tätigkeiten gehört!

    baroli
    62
    4.10.2010, 14:14

    Ein Drittel aller Österreicher wünscht es aber sehr wohl.

    Sie werden ihre Träume wohl begraben müssen.

    Nissia
    00

    nein: 81% der österreicher sind gegen prohibition.

    Jo. Bruno
     
    00
    30.1.2011, 23:30
    Selbst wenn ich unterstelle, daß die von der HerrschendenWissenschaftlichenMeinung beschriebenen Zusammenhänge zwischen Tabakkverbrauch und Lebenszeitverkürzung zutreffend wären, *),

    *) (der Verweis auf Reihenexperimente mit zigarettenzwangsberauchten Kaninchen versetzt dem Argument soundso eine tüchtige "Schubumkehr": diese Tiere sterben im Gegensatz zu Mäusen nicht vorzeitig, weil ihnen das ererbte Verhaltensprogramm:"Rauch= fliehe aus dem brennenden Haus" fehlt; diese Hinderung der Flucht, also der Experimentator, erzeugt einen Lebensangst-Zustand, welcher genau in die erkannte Mortalität führt- Hamer folgert: auch beim Menschen könnte die im einzelnen erzeugte Angst auf die Mortalität führen- Kampagne also-),
    möchte ich Sie bitten im Geiste von :
    http://derstandard.at/plink/124... id12934969
    in :
    http://derstandard.at/plink/129... id19548490
    "einzuspringen".

    Just N. Opinion
     
    45
    4.10.2010, 16:57
    dass baroli gern auf den kaffeehaussessel uriniert, war zu erwarten.

    ein drittel aller oesterreicher halte ich aber fuer zu hoch geschaetzt.

    baroli
    12
    4.10.2010, 17:04

    Welch sublimer Wortwitz.

    Chocoholic
    21
    6.10.2010, 00:27
    War aber von Ihnen aufglegt. Sorry.

    baroli
    11
    6.10.2010, 00:35

    ...nur wenn man nicht Deutsch kann.
    Ich bezog mich eindeutig auf den letzten Satz.

    Chocoholic
    10
    6.10.2010, 14:13
    Jaja natürlich %]

    Blanca Hohn
    32
    4.10.2010, 15:24

    "Bei uns wor des imma so."

    "Do könnt am Ende jeder kummen."

    Sie sind wohl der Inbegriff einer Frau Karl.

    Auch der Österreicher ihres Schlages ist erziehbar. Kreisky hat da viel gemacht. Leider fehlen heute Politiker dieses Kalibers.

    baroli
    33
    4.10.2010, 16:04

    Was interpretieren sie wieder für Unfug in meine Aussage hinein ?

    Laut WHO hat Österreich 43,3% Raucher.
    Die wollen sie ignorieren oder umerziehen ?

    Von Kreisky hättens eine hinter die Löffel gekriegt, wenn sie ihm mit ihren absurden Vorstellungen gekommen wären.
    Dohnal, der wir mindestens genausoviel zu verdanken haben, war Kettenraucherin.
    Na, was jetzt ?

    Blanca Hohn
    44
    4.10.2010, 16:32
    sie begreifens nicht. (no na.)

    Das waren Politiker, die ihrer Zeit voraus waren und Maßnahmen gesetzt, die ihrer Zeit voraus waren: Justiz, Ehe- und Familienrecht.... Alles Dinge, die Ewiggestrige der damaligen Zeit bekämpft haben so wie Sie heute NR-Schutz.

    Kreisky wäre auch heute seiner Zeit voraus und würde ein RV durchsetzeen, während sich die heutigen Politiker mit dem Rückgrat eines Gummiseils in die Hemden machen.

    Sie hingegen sind halt in der 70-Jahre-Stinkezeit stehengebleiben, das ist der Unterschied. Sie klammern sich an ihre Pseudo-Intellekto-68er-Phase genauso wie ein Konservativer der 70er-Jahre damals an Kaiser, Gott und Ständestaat.

    Poldi Fesch
    04
    4.10.2010, 19:47
    das ist ja

    das besonders liebe, ein Verbot in einer Schutzbestimmung zu verstecken u. dann Werbung zu machen, sie waere noetig. 95% unserer Schutzbestimmungen sind nicht verhaeltnismaeszig

    baroli
    23
    4.10.2010, 16:57

    Sind sie mit Kreisky in spiritistischer Verbindung ?

    Sie bilden sich nur ein, daß man sich an irgendwas klammern muß, weil es ihnen ein Bedürfnis ist.

    Ich habe früher geraucht und ich rauche weiter, genau wie 43,3% der Bevölkerung auch.

    Und sie werden daran ganz sicher nichts ändern.

    Blanca Hohn
    43
    4.10.2010, 17:58
    daß man sich an irgendwas klammern muß

    Neeeein, tun Sie natürlich nicht, Sie posten hier nur seit 2 Jahren 24/7, weil Ihnen das Rauchen sowieso total wurscht ist. Natürlich. Sicher.

    "Ich habe früher geraucht und ich rauche weiter, genau wie 43,3% der Bevölkerung auch."

    Ja, natürlich, sag ich ja. Der Herr-Karl-Prozentanteil, der "des imma schon so " gemacht hat.

    In Ö hat man Homo-Ehe und EU-Beitritt durchgebracht, auch gegen grantelnde Tyrannosaurier-Exemplare wie Sie. Sie werden das RV auch noch erleben. Und wenn's Pech haben, auch noch eine Reform Ihrer allzu gut bestallten ÖBB-Frühpensionsansprüche.

    baroli
    13
    4.10.2010, 18:07

    Ich poste seit etwas mehr als einem Jahr, sie allerdings schon jahrelang vor mir.
    Mir ist nicht wurscht, wie ein paar Fanatiker Raucher disziplinieren wollen , das ist der einzige Grund, warum ich hier bin.

    Wenn sie in einer Homo-Ehe leben, von mir aus, ist mir sowas von egal.

    Was den EU Beitritt betrifft, wären jetzt schon wieder die meisten Leute froh,wenn sie nicht dafür gestimmt hätten.
    Heute sähe eine Abstimmung ganz anders aus.

    Übrigens , ich bin weder bei den ÖBB, noch in Frühpension, auch wenn sie es mir noch 20 Mal unterstellen.

    Blanca Hohn
    41
    4.10.2010, 18:35
    Bitte...

    ...Unterstellungen sind Ihnen ja überhaupt nicht fremd, gell...

    Sie schreiben doch immer, wie üppig Ihre Pension ist und in welch zartem Alter Sie sie schon genießen dürfen. Dann warens halt bei der ÖNB Portierin, was weiß ich, ist mir auch wurscht.

    Und dass die meisten Kampfraucher aus der Anti-EU-Sektierer-Ecke kommen, ist eh bekannt.

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