"Die Moral wurde von den Rechten übernommen"

1. Oktober 2010, 19:04
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    foto: standard/einstein forum

    Susan Neiman will mit Moral gegen die Resignation vorgehen. Daraus ist ein "Leitfaden für erwachsene Idealisten entstanden.

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman im STANDARD-Interview

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman über die Scheu der Linken vor dem Heldenbegriff, über die Rehabilitation von Gutmenschen und die Wiederkunft der Moral in der Gesellschaft. Von Christoph Prantner.

*****

STANDARD: Mit Ihrem neuen Buch wollen Sie der Welt "Moralische Klarheit" geben. Das sind ziemlich große Worte in Zeiten wie diesen.

Neiman: Der Titel ist ausdrücklich provokativ gemeint. Moralische Klarheit - diese Worte hat George W. Bush zuletzt prominent benutzt. Ich habe den Titel gewählt, um zu signalisieren, dass die moralischen Begriffe in jüngster Zeit nur von den Rechten übernommen wurden. Linke trauen sich nicht mehr, sie zu benutzen. Das ist ein entscheidender Fehler, den ich ansprechen wollte. Übrigens: Der Untertitel lautet Leitfaden für erwachsene Idealisten. Was bedeutet Idealismus heute? Der Begriff ist ein Schimpfwort geworden. Wir hören allenthalben das Gebot: Sei doch realistisch. Aber eigentlich bedeutet das: Schraub deine Erwartungen herunter. Erwachsenwerden einfach gleichzusetzen mit Resignation, dagegen möchte ich kämpfen.

STANDARD: Kritiker könnten Ihnen vorwerfen, dass Sie eine Gutmenschenfibel geschrieben haben.

Neiman: Die Welt schrieb zuletzt, ich wolle den Begriff des Gutmenschen rehabilitieren. Diese Diagnose stimmt vielleicht auch.

STANDARD: Sie schreiben in Zusammenhang mit moralischem Handeln auch über Helden. In der europäischen Tradition tut man sich schwer mit dem Begriff, man muss ihn zuerst quasi dekontaminieren.

Neiman: In Deutschland zumindest gibt es so etwas wie Vergangenheitsverarbeitung. Das ist ein beispielloser Vorgang, in dem ein Volk mit zunehmend genuinem Interesse sich mit dem eigenen Verbrechen auseinandergesetzt hat. Insofern ist eine historische Dekontamination schon passiert. Aber deren moralische Folgen sind bei weitem noch nicht erkannt worden. Ich treffe immer Menschen, die auf das Wort Held allergisch sind. Aber wir brauchen Helden als Beweise, dass auch einfache Menschen unter schwierigen Umständen moralisch handeln können. Bei der Linken gab es die Haltung - zumindest vor Obama -, dass dieser Begriff unbrauchbar ist. Das heißt aber, dass gerade die stärksten Werkzeuge der Moral in den Händen derer bleiben, die sie missbrauchen, damit dämonisieren und verlogene Ziele verfolgen.

STANDARD: Was macht es denn für einen Unterschied, ob Rechte oder Linke mit Moral als Herrschaftsinstrument ihre Ideologie zu legitimieren versuchen?

Neiman: Moral ist ein Machtinstrument, ja, aber kein Herrschaftsinstrument. Sie kann zu guten oder schlechten Zwecken missbraucht werden. Wer im Zusammenhang mit Moral von Herrschaft spricht, bei dem schwingt Zynismus mit. Ich bin tief davon überzeugt, dass wir moralische Bedürfnisse haben und nicht nur aus Eigeninteresse handeln. Wenn diese Bedürfnisse nicht auf eine ernsthafte und reflektierte Weise befriedigt werden, dann laufen die Menschen zu Demagogen über - ob das nun Tea Parties sind oder Al-Kaida. Beides ist ein Ausdruck einer Unzufriedenheit mit rein materialistischem Denken, das Sinn durch Konsum erzeugen will. Wir wissen, dass das nicht funktioniert. Aber trotzdem haben wir immer noch Berührungsängste mit jenen Begriffen, die unser Leben mit Sinn erfüllen.

STANDARD: Sie schreiben von der Wiederkehr der Moral, auch jene der Religion ist evident. Der Papst beklagt stets die "Diktatur des Relativismus", dabei haben viele lange genug unter dem Absolutheitsanspruch der Kirche gelitten.

Neiman: Es gibt einen Unterschied zwischen Religion und Moral. In der Geschichte von Sodom und Gomorrha zum Beispiel wagt es Abraham, Gott anzuklagen wegen Ungerechtigkeit. Er gibt Gott eine Lektion in Moral, weil er ihm vorwirft, Schuldige mit Unschuldigen sterben zu lassen. Das zeigt: Die Moral kommt zuerst. Leider scheint der Papst wenig von der rationalistischen Tradition seiner Religion zu halten. Das ist ein autoritärer Religionsbegriff, von dem man Herrschaft ableiten möchte. Aber wenn Gott selber in dieser Parabel über die Gerechtigkeit nachdenken muss, dann müssen wir das alle tun. Es gibt keine absoluten Gesetze. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2010)

SUSAN NEIMAN (55) hat bei John Rawls in Harvard und in Westberlin Philosophie studiert. Sie war Professorin in Yale und Tel Aviv, seit 2000 leitet die gebürtige Amerikanerin das Einstein-Forum in Potsdam. Am Donnerstag stellte sie ihr neues Buch im Nationalrat in Wien vor: "Moralische Klarheit. Ein Leitfaden für erwachsene Idealisten", erschienen in der Hamburger Edition (32 Euro).

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23 Postings
Mostbluzza
11
4.10.2010, 12:49
ein buch das man getrost

beiseite liegen kann. viele schöne worte, die null aussagen und sich nie festlegen.

das konnten philosophen in europa schon vor ein paar hundert jahren blendend. berührungsängste hätte ich nur mit solchen büchern ... philosophie marketing a la usa.

Stern von Brokot
00
6.10.2010, 11:03
Sie machen sich wohl gerne

lächerlich ...

Malkaye
00
4.10.2010, 09:13
viel glück frau Neiman,

in der brutstätte des materialistischen individualismus...

Raptor Jesus
03
4.10.2010, 01:47
Die Rechten in Amerika stehen nur einen Schritt vor dem Faschismus

Es braucht nur ein Dummbabler daher kommen und schon ist's am Dampfen.
Diese unendliche Liebe zum Vaterland und Militär und das "verteidigen" ihrer Freiheit, um den Minderheiten ihre (Freiheit) zu verwehren.
Musterbeispiel Palin, die stolz darauf ist, das ihr Sohn im Irak Dienst leistet. In Europa, wo man dafür schafft, damit sein oder ihr Kind nicht Krieg miterleben muss ein Alptraum. Aber was erwartet man von einem dumpf-nationalen Ami, dessen Land das letzte mal Krieg und Zerstörung vor 145 Jahren erlebt hat?

Der Ruhestifter
 
00
3.10.2010, 01:30
Vielleicht sollten progressive menschen zur uzi greifen?

Und damit recht viele unbewaffnete, kinder, frauen niedermetzeln? Warum? Damit die schärfsten waffen nicht in den händen jener bleiben, die sie missbrauchen!

Stimmt, das ist ein völlig idiotischer gedanke. So, wie der, den begriff des 'helden' wiederzubeleben, damit er nicht den rechten überlassen werde. Denen er aber gehört. Weil heldentum nun mal ein reaktionäres konzept ist. Was wir als micht-rechte brauchen, ist mut: mut, dinge konsequent weiter zu denken, auch wenn uns die möglichen resultate angst machen. Aber sicher keinen heroischen moralismus.

Aung San Suu Tschi
 
61
2.10.2010, 15:14
Die Moral wurde NICHT von den Rechten übernommen

Der Diskurs (=das öffentlich Sagbare) der Moral wurde von den Rechten übernommen.

Abertausende Linke (und es gibt sie, auch wenn die veröffentlichte Meinung das verneint) wissen genau, was Moral ist und versuchen, danach zu leben.

Die weitergehende Frage ist doch, wann WELCHE Moral mehrheitsfähig wird.

In einer Zeit, wo sogar die Elemente der repräsentativen Demokratie eingeschränkt werden (Verkürzung der Legislaturperioden, angedachte Verkleinerung der parlamentarischen Institutionen) eine brisante Frage.

Es ist halt ein Jammer mit den Akademikern, die nur im eigenen Garterl werken.

habe beschlossen: nicht mehr stricherln
13
2.10.2010, 18:43

Was gibt es denn neben dem Diskurs denn sonst noch? Singularitäten?

alrabiata2
411
2.10.2010, 12:03
J einfach schön wieder einmal moralisch sein zu dürfen ...

so nach herzenlust eine anderen, besseren, menschlicheren und gerechteren welt zu fordern. zu träumen, dass sich dieser wunsch auch noch zu lebzeiten erfüllt. ein paar heldinnen fallen mir da auch ein: die mürrische moralische Ute Bock, Irene Brickner die Stimme und Wort gegen ungerechtigkeiten erhebt. die hunderten frauen, die in unzähligen projekten gegen gewalt an frauen und kindern auftreten, gegen armut und für solidarität. und alle sind der moralische zeigefinger.
das salz in der wunde des schlechten gewissens.
nur wollen müssen wir und uns trauen, gegen den mainstream auftreten und wie meine freundin immer sagt: widerstand ist machbar, frau nachbar

man of constant sorrow
42
2.10.2010, 16:54

eine Ute Bock, als "mürrisch moralisch" abzuqualifizieren, grenzt an Schwachsinn. Lassen Sie sich mal untersuchen. Bitte.

alrabiata2
00
4.10.2010, 10:23
ich habe dies im sinne des artikels

als eine positive beschreibung geliefert und das ganz ehrlich als bewunderung gemeint.
und alle mensche, die Ute Bock schon persönlich in einer arbeitssituation begegenet sind, wissen das sie durchaus mürrisch sein kann. sie ist ein mensch mit einem großen herzen, doch wenn ihr was gegen den strich geht putzt sie dich runter.
dadurch wird sie auch von allen respektiert.

also soweit zu meiner krankheit

nichtkaefer
1011
1.10.2010, 21:59
Rinks und Lechts

Was bedeutet eigentlich 'links' und 'rechts'. Diese Bezeichnungen sind zu sinn-leeren, journalistischen Selbstläufern geworden.

L. Bob Rife
00
3.10.2010, 08:58

akademisch: ja. --> http://www.politicalcompass.org/
polemisch: nein. dass sie das so empfinden liegt daran dass die linken (v.a. politiker) den glauben an ihre ursprünglichen wertvorstellungen verloren haben und alle nur mehr in verschiedenen schattierungen der als gesellschaftlicher konsens missverstandenen rechten werte reden!

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ethik: siehe moral.
moral: siehe ethik.
:p

habe beschlossen: nicht mehr stricherln
17
2.10.2010, 18:44

das glauben aber nur die Grünen, und zwar schon SEIT Vd Bellen! Ein Riesenfehler!

Franz Klug
104
2.10.2010, 00:17
links und rechts werden uns Menschen noch mindestens

4,5 Milliarden Jahre begleiten und wenn wir den Abschied vom einst verglühenden Sonnensystem schaffen, dann noch länger.
Die Frage wie eine Gesellschaft ihren ökonomischen Reichtum und ihre Herrschaftsverhältnisse organisiert wird immer über die links/rechts Achse laufen. Die Rechten werden mehrheitlich, qua Kapitalismus, den Reichtum ungerecht verteilen, für eine autoritäre Führerstaatskultur bzw. für Autorität durch Religion sein, während die Linken für Reichtum für Alle, Selbstbestimmung und Freiheit von Religion, eintreten.

Mike 23
01
4.10.2010, 21:48
Wie passt bitte

Kapitalismus mit autoritärer Führerstaatskultur zusammen????

Genau das sind die Schlagworte, die sich zwar schon längst wiedersprechen, aber da sie ohnehin jeglichen Inhalt verloren haben, gleichgültig miteinander verbunden werden können.

Michael

irgendein/e posterIn
 
04
2.10.2010, 21:33
sie sind ja ein richtig origineller denker

Alfred Jodelhuber
 
44
1.10.2010, 23:27

...sagt der Zahntechniker.

Ulrich Nagel
14
1.10.2010, 23:26

Den meisten ist ziemlich klar welche politischen, kulturellen , moralischen, oekonomischen Positionen mit diesen Begriffen assoziiert sind. In Einzelfaellen wird es sicher abweichungen geben.

nichtkaefer
00
2.10.2010, 13:22
ziemlich klar welche politischen

Dann definieren Sie diese mal!

Toni_Montana
 
24
2.10.2010, 20:49

strengens selbst mal das hirn an.
ein paar bsp.
links ist für eine arbeiterkammer
rechts will sie abschaffen.

links ist für gewerkschaft
rechts nur für die anständigen und leistungsträger, die es geschafft haben

links ist eher für regeln
rechts eher gegen regeln

links für umverteilung
rechts ist dafür dass jeder seines finanziellen glückes schmied ist und gegen staatliche leistungen

es gibt wirklich viele sachen, die da anzuführen wären

nichtkaefer
01
3.10.2010, 12:51
Ich hab's ja immer gewußt:

Strache muss ein Linker sein.

Mike 23
00
4.10.2010, 21:49
Danke

Auf den Punkt gebracht.

Toni_Montana
 
00
8.10.2010, 20:23

?
Wollens jetzt behaupten, dass strache für eine arbeiterkammer, für die gewerkschaft, für regeln und für umverteilung ist?

DAS wäre mir bis jetzt entgangen. Aber vielleicht ist er ja wie die linken befürworter der zuwanderung und gegen hetze, denn das wäre mir bis jetzt ebenso entgangen.

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