Strenge Rituale als archaische, sakrale Liturgie

1. Oktober 2010, 18:11
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Anya Bartels-Suermondts Bildband "Corrida"

Gelingt es dem Choreografen, der zugleich auch ein Protagonist des Schauspiels ist, sämtliche tänzelnden Schritte, Volten, Drehungen in eine synchron-harmonische Einheit von Rhythmus, Kraft, Grazie und Eleganz zu deuten "entsteht ein Kunstwerk voller Ästhetik und Leidenschaft, wie es selten auf Bühnen zu sehen ist." Als Choreografen bezeichnet Anya Bartels-Suermondt den Torero, der in der Arena den Stier zum Tanzen bringen soll. "Corrida de toros" bedeutet nämlich nicht Stierkampf, sondern "Lauf der Stiere" .

Ohne Kritik am blutigen Spektakel auszusparen, versucht die in Düsseldorf geborene, auf Reisen lebende Fotografin in Corrida Wesen und Faszination des martialischen Treibens zu ergründen, das nicht zuletzt auf der hohen Reputation der in der Arena agierenden im streng patriarchalischen Gefüge der Aficionados basiert. Sie findet mythische Ernsthaftigkeit, die mit Messfeiern am Vorabend des Kampfes beginnt, sich in Kapellen des Callejon, dem inneren Gang der Arena, fortsetzt und in der klar definierten Liturgie der Tauromaquia mündet: sensible Porträts der Menschen hinter den Masken, sakral anmutende Rituale, Archaik konzentrierter Stille im Moment der Herausforderung des Todes; Mut und Hingabe, Demut, Leidenschaft, Philosophie des Scheiterns - und verinnerlichte Wertschätzung von Tradition. (Gregor Auenhammer/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2010)

 

  • Anya Bartels-Suermondt , "Corrida" . € 60,– / 352 S., Collection Rolf Heyne, München 2009
 
    foto: collection rolf heyne


    Anya Bartels-Suermondt , "Corrida" . € 60,– / 352 S., Collection Rolf Heyne, München 2009

     

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