Verfremdender Bastlerblick auf die Wirklichkeit

1. Oktober 2010, 17:48
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Thomas Schüttes fulminante Werkschau in der Bonner Bundeskunsthalle

In Bonn begegnet man mit Thomas Schütte einem Künstler, der in vielerlei Hinsicht nach dem Grundsatz "think big" ans Werk geht, und der ein ästhetischer Fallensteller und -bauer höchster Güte sein muss. Unter dem Titel "Big Buildings - Modelle und Ansichten 1980-2010" bietet die Bundeskunsthalle eine fulminante Werkschau. Sie beginnt und endet mit einem Mann im Matsch: Eine Bronze ist puppengroß und schrundig patiniert, die andere ist mehr als fünf Meter hoch: ein Monstrum aus Styropor und Gips. Wie für kaum einen anderen Künstler trifft hier das Attribut "seltsam vertraut" zu - Titel seiner Düsseldorfer Werkschau von 2004.

Schüttes Werk ist geprägt von Arbeiten mit architektonischen Modellen, in denen kleine Figuren verharren. Eins zu eins realisiert, wurden seine Häuschen manchmal sogar bewohnbar. Über sein Spiel zwischen Klein und Groß, zwischen Modell und Realisierung, zwischen Kunst als Modell und Modell als Kunst sagte er: "Nur aus dem Fenster schauen und abfriemeln, was man draußen sieht" .

Schütte, geboren 1954 in Oldenburg und Schüler Gerhard Richters und Fritz Schweglers, ist ein Moralist und Häuslebauer der besonderen Art: ein bieder kleinkariert vorgehender Bastler, allerdings mit einem hochzynisch filternden und genial verfremdenden Blick auf die Wirklichkeit.

Da gibt es eine Tanke Deutschland bauhäuslerisch in gelben Bauteilen und getöntem Acrylglas gehalten. Täuschend echt modelliert der Berg aus karg-schroffem Kunststofffels, oben drauf ein Caspar-David-Friedrich-Kreuz und unten durch eine Tunneleinfahrt mit One-Way-Ticket: Auf der Bergrückseite gibt es keine Ausfahrt. Oder auch das fantasielos nachmodellierte Parkhaus - all dies so seltsam vertraut; nicht zuletzt aber vor allem Sinnbild eines Denkmodells. Nicht so laut, hier wird gebaut! heißt ein sprödes Aquarell aus dem Jahr 2006, das ein hingeschlagenes Ausrufezeichen zeigt und nichts anderes meint als den Denkprozess.

Insgesamt sind in Bonn sechzig Arbeiten Thomas Schüttes zu sehen: Architekturmodelle und -ansichten, begehbare Rauminstallationen; auch Bunkermodelle, die anlässlich des Nato-Doppelbeschlusses entstanden sind, und ein Grabmal - mit praktischem Wartehäuschen auf der Rückseite.

Verblüffend das riesige begehbare Ferienhaus für Terroristen, das  Model für ein Hotel oder das One Man House - hintergründige Konstruktionen aus Stahlträgern, Plexiglas- oder Pressspanplatten. All dies ist begehbar, aber alltagsuntauglich. Schütte zielt damit auf die Fundamente einer innerlich unbehausten Gesellschaft - und stellt nebenher wohl auch die Frage: "Wohnst du noch, oder lebst du schon?"

In seinen Modellen oder Grafiken, die sich mit dem Phänomen Museum beschäftigen, fehlen übrigens nie Kamin und Schlot: damit die Kunst auch sauber verheizt werden kann. (Roland Groß aus Bonn/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2010)

 

Bis 1. November

  • Ein "Ferienhaus für Terroristen" (www.kah-bonn.de)
    foto: bundeskunsthalle / vg bild-kunst bonn 2010 / tania beilfuß

    Ein "Ferienhaus für Terroristen" (www.kah-bonn.de)

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