Lateinamerika: Ist wieder Putsch-Saison?

1. Oktober 2010, 16:46
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Ein Rundumblick anlässlich der Ereignisse in Ecuador zeigt: Vieles hat sich in Lateinamerika zum Besseren gewendet

Offenbar hat es nicht geholfen, dass Ecuadors Präsident Rafael Correa für die Polizei seines Landes österreichische Glock-Pistolen angeschafft hat.

Als unzureichend empfanden die Polizisten anscheinend auch die Erhöhung ihres durchschnittlichen Einkommens von 700 auf 1200 Dollar. Die US-Währung ist im südamerikanischen Ecuador nach wie vor offizielles Zahlungsmittel, obwohl im Präsidentenpalast seit 2006 mit Correa ein links stehender Vertrauter des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez regiert. Am 30. September brachten angeblich über den generellen Sparkurs empörte Sicherheitskräfte den ecuadorianischen Präsidenten in ihre Gewalt. Correa, aber auch Venezuelas Staatschef wollten nicht an eine Rebellion Unzufriedener glauben und sprachen von einem Putschversuch, angeführt von einem früheren Präsidenten Ecuadors. Via Twitter forderte Chavez die in der Allianz ALBA verbundenen Nationen (neben Venezuela und Ecuador u.a. auch Bolivien, Kuba und Nicaragua) auf, Correa zu verteidigen. Für die Beibehaltung der verfassungsmäßigen Ordnung in Ecuador sprachen sich auch konservative Staatschefs wie Chiles Sebastian Piñera aus. Aus Washington, wo viele sofort die Drahtzieher eines Umsturzversuches vermuteten, ließ Außenministerin Hillary Clinton "Gewalt und Gesetzlosigkeit verurteilen" und dem gefangengenommenen Präsidenten ihre Unterstützung ausdrücken.

Nach zwölf Stunden war Correa frei und konnte auf dem Balkon des Präsidentenpalastes in Quito triumphierend vor seine Anhänger treten.

Während sich die Lage langsam beruhigte, begannen die Einwohner Ecuadors über dieses Deja-vu-Erlebnis nachzudenken. 1987 war schon einmal ein Präsident entführt worden. Wegen seines Sparkurses war Leon Febres Cordero von den eher rechten Sozialchristen elf Stunden lang von Soldaten festgehalten und auch noch verprügelt worden.

Also nichts Neues in Lateinamerika? Immer nur dieselbe Abfolge und Elend und revolutionärer Umgestaltung, von Gegenrebellion und Putsch? Das wäre viel zu kurz gedacht. Denn gerade in den beiden letzten Jahrzehnten hat sich in der westlichen Hemisphäre sehr viel neues, bis dahin nie dagewesenes getan – und die Dynamik hält weiter an.

Lateinamerika ist anders geworden, vieles hat sich zum Besseren gewendet. Nirgends wird das deutlicher als in Brasilien, wo an diesen Wochenende in freien Wahlen über Lulas Nachfolge abgestimmt wird. Lulas Kandidatin, die ehemalige Guerillakämpferin Dilma Rousseff, galt als unangefochtene Favoritin.

Als der Chef der Arbeiterpartei und Gewerkschafter Luiz Inacio Lula da Silva im Jänner 2003 sein Amt als brasilianischer Präsident antrat, gaben ihm nur wenige eine Erfolgschance. Doch Lula blieb im Volk beliebt und schaffte es auch, von der Finanzwelt akzeptiert zu werden. Bei aller Kritik muss doch anerkannt werden, dass seine Regierung Millionen Brasilianer aus der ärgsten Armut und dem Hunger befreit hat. Es ist wahr, zugunsten der Rechte der Indigenen gab es wenig und auch die lang erhoffte Landreform blieb aus. Doch in Brasilien herrsche ein parlamentarisches System und der Präsident könne nicht alles durchsetzen, was er wolle, sagte Lula kürzlich in einem Interview. Im Kampf gegen die Armut, für eine gerechtere Verteilung des Wachstums, sieht er weiterhin die Priorität.

Die Kluft zwischen Arm und Reich, in Lateinamerika größer als anderswo auf der Welt, ist und bleibt der unakzeptable Skandal dieser Weltregion. Die gute Nachricht ist, dass die lateinamerikanischen Staaten, nach einem durchschnittlichen Wachstum von 5,5 Prozent und niedrigen Inflationsraten zwischen 2003 und 2008, auch heuer wieder ein ähnlich hohes Wachstum haben werden. Zum ersten Mal seit Menschengedenken hat die große Finanzkrise, an der die Menschen in vielen Teilen der Welt bis heute leiden, die Lateinamerikaner nur am Rande getroffen. Auf die Frage, wie eine gerechtere Gesellschaft geschaffen werden kann, werden freilich ganz unterschiedliche Antworten gegeben.

Kuba, das in der Staatengemeinschaft Lateinamerikas und der Karibik lange eine Außenseiterposition hatte, ist von der Familie wieder aufgenommen worden. Kubas kommunistische Führung hat zahlreiche Reformen eingeleitet, deren Folgen für die Zukunft noch unabsehbar sind.

Fortschrittshoffnungen waren auch in der Freundschaft zu Venezuela begründet, wo Präsident Hugo Chavez sein als neuen Sozialismus definiertes Entwicklungsmodell mit sprudelnden Öleinnahmen finanzierte. Auch für befreundete Staaten war Chavez der gern gesehene Zahlmeister, bis der Preisrückgang auf dem Weltmarkt für Erdöl die Geldquelle kaum noch sprudeln ließ. Nun wird zu beobachten sein, wie Chavez, der soeben auch innenpolitisch einen Dämpfer abbekommen hat, in Venezuela die Armut reduzieren und die ausufernde Kriminalität bekämpfen will.

Eine explosionsartige Zunahme von Gewalttaten bringt derzeit das große Mexiko ins Wanken, wo die Politik lange nur von Bandenkriegen innerhalb des Drogenmilieus sprach. Mexiko sah sich lieber – wie Brasilien – als internationaler Spieler, der für Globalthemen wie den Klimawandel eine Bühne anbietet. Beim Klimagipfel in Cancun wird man zu Jahresende auch sehen, ob die Europäer für die Anliegen des Südens Verständnis zeigen, oder ob sie, wie so manche europäischen Konzerne, ihre Ziele ohne Respekt für die Bedürfnisse Lateinamerikas verfolgen.

In Bolivien hat Präsident Evo Morales auf dem alternativen Klimagipfel in Cochabamba heuer bereits die Forderung nach einem "guten Leben" im Einklang mit dem Planeten Erde und zur Abkehr vom bisherigen Raubbau an der Natur gestellt. Die Tatsache, dass ein indigener Bolivianer die Präsidentschaft seines Landes erreicht hat, ist schon für sich genommen der Beweis für einen großen Veränderungsprozess. Den ersten Knalleffekt gab es dabei im Jänner 1994 mit der Rebellion der Indigenen im südmexikanischen Chiapas. Seither sind die Indigenas überall in Lateinamerika zu einem unübersehbaren, wenn auch längst nicht überall anerkannten Faktor geworden.

In Chile, einem wirtschaftlich vergleichsweise hoch entwickelten Land, erleiden derzeit Angehörige des Mapuche-Volks diese Diskrepanz am eigenen Leib. Unter der Pinochet-Diktatur wurden sie von ihrem Land in kleine Reservate vertrieben. Die demokratische Opposition versprach ihnen die Wiederherstellung ihrer Rechte und die Pflege ihrer Kultur. Doch als einige Mapuche nach der Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie nicht ewig auf die Umsetzung warten wollten und hinter ihre Forderungen mehr Nachdruck setzten, ging der Staat nach dem Antiterrorgesetz gegen sie vor. Ein Hungerstreik von mehreren Dutzend Angehörigen des Mapuche-Volkes macht die Welt auf die Situation in Chile aufmerksam.

In Argentinien, wo im 19. Jahrhundert Ausrottungskriege gegen die Indigenas geführt worden sind, führten die wenigen Überlebenden von zwei Dutzend indigenen Ethnien lange ein extremes Schattendasein. In den vergangenen Jahren hat Argentiniens "Nationalinstitut für Angelegenheit der Indigenas" begonnen, für die geschätzte halbe Million Angehöriger dieser Volksgruppen ein Programm der "sozialen Inklusion" zu schaffen, das Vertretern der Indigenas freilich viel zu wenig weit geht.

Als diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse tritt Argentinien mit einer bewundernswert vielfältigen und reichhaltigen Literatur hervor, die eine Aufarbeitung der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 und ihrer gesellschaftlichen Folgen versucht. Mit der Lebenswirklichkeit außerhalb der Großregion von Buenos Aires befassen sich allerdings nur sehr wenige der nun ins deutsche übersetzten Bücher. Aber vielleicht ist der Auftritt bei der Buchmesse aus Anlass der 200-jährigen Unabhängigkeit mehrerer Staaten von der spanischen Kolonialherrschaft auch nur der Beginn eines neu beginnenden Interesses an der argentinischen, an der lateinamerikanischen und karibischen Literatur. Wir bleiben dran. (Erhard Stackl, derStandard.at, 1.10.2010)

  • Zum ersten Mal seit Menschengedenken hat die große Finanzkrise, an der 
die Menschen in vielen Teilen der Welt bis heute leiden, die 
Lateinamerikaner nur am Rande getroffen.

    Zum ersten Mal seit Menschengedenken hat die große Finanzkrise, an der die Menschen in vielen Teilen der Welt bis heute leiden, die Lateinamerikaner nur am Rande getroffen.

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