Wer geht zum Philosophen?

1. Oktober 2010, 17:14
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Information allein macht kein Wissen - Leo Hemetsberger coacht Führungskräfte

STANDARD: Wer geht zum Philosophen - jemand, der Trost, Rat sucht?

Hemetsberger: Wenn man Trost und Rat sucht, geht man zum Seelsorger. Wir Philosophen helfen dabei, Fragen zu reformulieren.

STANDARD: Was unterscheidet Sie da von anderen Beratern?

Hemetsberger: Es gibt keine letztgültige Methode, auf die wir zurückgreifen. Unser Werkzeugkasten ist das Denken selber. Dazu braucht es Zeit und Flexibilität, sich vermeintlich Bekanntem von anderer Seite zu nähern, um zu erkennen, was an den Dingen dran ist. Oft will man das andere ja gar nicht sehen. Im philosophischen Dialog ist aber alles im Fluss.

STANDARD: Das scheint aus der Mode gekommen zu sein ...

Hemetsberger: Ja. Aus Zeitmangel und auch durch ein Phänomen: Wir wollen immer mehr Expertenwissen haben, das wir auf uns beziehen und dem wir unsere Verantwortung umhängen können. Dabei verwechseln wir Information mit Wissen. Informationen machen kein Wissen, weil wir dafür die Urteilskraft nicht haben.

STANDARD: ... die Sinnfragen ...

Hemetsberger: Menschen, die zu mir kommen, tun das oft aus akuten Ereignissen heraus. Im Gespräch ergeben sich dann die Sinnfragen, die helfen, Möglichkeiten abzuwägen, wie man mit bestimmten Situationen umgeht.

STANDARD: Woher holen Sie sich die Kraft zum Philosophieren?

Hemetsberger: Aus der bildenden Kunst. Weil sie Fragen zur Freiheit, zur Conditio humana auf einer nichtsprachlichen Ebene ausdrückt. Mich davon inspirieren zu lassen finde ich faszinierend. (Heidi Aichinger/DER STANDARD; Printausgabe, 2./3.10.2010)

Leo Hemetsberger betreibt eine Philosophische Praxis in Baden und Wien. Er coacht Führungskräfte, unterrichtet Philosophie, Führung und Ethik, schreibt und spricht zu zeitgenössischer bildender Kunst.

  • Leo Hemetsberger.
    foto: standard/schmidt

    Leo Hemetsberger.

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