Wer mehr studiert, soll auch mehr zahlen

5. Oktober 2010, 13:43
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Mittels Akademikerabgabe zahlen Absolventen ihrer Uni nach dem Abschluss Gebühren – Die Wissenschaftsministerin will "darüber reden"

Das Uni-Budget reicht nicht aus. Darin sind sich alle Beteiligten einig. Die Rektoren haben nun sogar einen Protesttag angekündigt, um Druck auf die Regierung auszuüben: Mehr Geld muss her. Auch der zuständigen Ministerin Beatrix Karl ist das klar. Sie will aber die Universitäten nicht nur durch die öffentliche Hand finanzieren, sondern auch die Bürger und Bürgerinnen zur Kasse bitten. Bei einem Treffen mit den Rektoren im September wurde nun beschlossen, sich verschiedene Modelle der Finanzierung anzuschauen. Eines davon: Die Akademikerabgabe.

3,6 Prozent für Bachelor, 6 Prozent für Master

Die Universitätenkonferenz (uniko) hat bei einer Podiumsdiskussion einen Bildungsökonomen aus Deutschland eingeladen, der genau dieses Konzept entwickelt hat. Bei Dieter Dohmens Modell müssten Absolventen eines Bachelorstudiums 3,6 Prozent und Masterstudierende 6 Prozent ihres monatlichen Einkommens bezahlen. "Wer dann 2.000 Euro verdient, zahlt monatlich 120 Euro, wer 5.000 Euro verdient, zahlt 300 Euro als Akademikerabgabe", heißt es auf der Homepage des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, das Dohmen selbst gegründet hat. Nach seinem Modell müsste man die Abgabe sieben Jahre lang bezahlen. Den vorigen Beispielen zufolge würden die Einnahmen für die Universität pro Studierenden dann insgesamt 10.000 bzw. 20.000 Euro ausmachen.

"Hochschulabsolventen kosten Staat doppelt so viel"

Dohmens Argument für die Akademikerabgabe: "Ein Hochschulabsolvent kostet die öffentliche Hand fast doppelt so viel wie ein Absolvent der beruflichen Ausbildung". Auch die österreichische Wissenschaftsministerin und der Chef der Uniko, Hans Sünkel, können diesem Vorschlag etwas abgewinnen. "Die Unis brauchen mehr Geld. Ministerin Karl ist daher für jeden konstruktiven Vorschlag offen und kann sich vorstellen, über eine Akademikerabgabe zu diskutieren", heißt es aus dem Wissenschaftsministerium auf Anfrage von derStandard.at. Die OECD-Studie "Education at a glance" hätte gezeigt, dass der öffentliche Anteil der Finanzierung überdurchschnittlich hoch sei, während die private Finanzierung überdurchschnittlich gering ist, so die Sprecherin der Ministerin, Elisabeth Grabenweger.

Rektorenchef kann sich Modell vorstellen

Rektorenchef Sünkel schlägt in dieselbe Kerbe. "Die Universitäten können nicht nur aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, ein Teil muss auch aus privaten Mitteln kommen", sagt er im Gespräch mit derStandard.at. Wenn diese Akademikerabgabe ab einer bestimmten Einkommenshöhe eingeführt werde und die Mittel auch tatsächlich direkt an die Universität und nicht an das Finanzministerium bezahlt wird, kann sich Sünkel dieses Modell "durchaus vorstellen".

Ganz im Gegensatz zum Grünen-Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald. "Es besteht die Gefahr, dass dieser Vorschlag für andere Bereiche, in denen der Staat Kürzungen vorsieht, Schule macht", sagt Grünewald zu derStandard.at. Als Beispiele nennt er eine Abgabe für Schwerkranke für die Intensivstation oder eine Steuer für Behinderte, die auch mehr Kosten verursachen als andere Bürger und Bürgerinnen. Grünewald sieht in der Bildung eine "ureigenste Aufgabe des Staates".

Grüne: "Benachteiligung von Akademikern"

Für den Grünen wäre eine Akademikerabgabe eine "Benachteiligung von Akademikern". Auch dem Argument, sie sei sozial verträglicher, als Studiengebühren, kann er nicht viel abgewinnen. "Zahlen müssen alle. Wenn man mit einem geringen Einkommen fünf Prozent zahlen muss, dann ist das auch viel." Der Nationalratsabgeordnete sieht in der Bildung eine "ureigenste Aufgabe des Staates". Für ihn ist eine Akademikerabgabe auch deshalb "nicht der Weisheit letzter Schluss", weil Studierende während der Ausbildung sechs bis sieben Jahre auf ein Einkommen verzichten.

"Keine abschreckende Wirkung für Studienanfänger"

"Die OECD hat in ihrem Bildungsbericht festgestellt, dass wir im Durschnitt 100.000 mehr Studierende brauchen würden. Deshalb ist es für mich klar, dass wir Anreize und keine Hürden schaffen müssen", so der Wissenschaftssprecher. Rektorenchef Sünkel setzt diesem Argument eine deutsche Studie entgegen, die besagt, dass die Studiengebühren dort nicht abschreckend auf Studienanfänger wirken (derStandard.at berichtete). Dass eine Akademikergebühr eine abschreckende Wirkung auf potentielle Studienanfänger hätte sei "lächerlich". 

Ob er nun Studiengebühren oder eine Akademikerabgabe besser fände, will Sünkel nicht sagen. "Das ist Geschmackssache". Derzeit ist in jedem Fall weder genug öffentliches Geld da, noch stehen genügend private Mittel zur Finanzierung der Universitäten zur Verfügung. Zudem ist zu bezweifeln, dass die SPÖ, die gegen Studiengebühren ist, einer Akademikerabgabe zustimmen würde. (Lisa Aigner, derStandard.at, 05.10.2010)

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    "Ein Hochschulabsolvent kostet die öffentliche Hand fast doppelt so viel wie ein Absolvent der beruflichen Ausbildung", sagt Bildungsökonom Dohmen.

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