"Eine Aktie ist eben nur ein Stück Papier"

3. Oktober 2010, 17:38
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Damit ein Kunstwerk seinen Wert steigert und nicht nur bemalte Leinwand, die zum Teppich passt, ist, heißt es beim Einkauf viel wissen

Die Kunsthistorikerin Anja Hasenlechner ist spezialisiert auf zeitgenössische Kunst. Publiziert hat sie zu den österreichischen Videokünstlerinnen von Elke Krystufek bis zu Valie Export. Die ehemalige Assistentin von Mak-Direktor Peter Noever hat sich 2001 als Kunstberaterin selbstständig gemacht. Eigentlich, weil sie den Bedarf nach einer solchen Beratung im Freundeskreis wahrgenommen hat, sagt sie. Vorsorgen kann man auch mit Kunst, ist ihre Ansicht. Die Kriterien, die zu beachten sind, damit Kunstsammeln nicht zum Glückspiel wird, unterscheiden sich nicht sehr von jenen anderer Assetklassen.

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derStandard.at: Sie sind in Ihren Job mehr oder weniger hineingewachsen. Wie geht man es an, will man in Kunst investieren?

Anja Hasenlechner: Begonnen hat das so, dass mich Freunde und Bekannte aus dem näheren Umfeld gefragt haben, ob ich nicht mit ihnen in eine Galerie gehen könnte, weil sie sich gerne ein Kunstwerk kaufen möchten. Wir waren damals so Ende 20, Anfang 30 und mein Umfeld hat zu dieser Zeit begonnen, die Wohnungen einzurichten. Natürlich ohne große Budgets.

derStandard.at: Mit Ihrer Hilfe kauft man etwas, was nicht nur zum Teppich passt, bemalte Leinwand ist, sondern hoffentlich langsam auch an Wert gewinnt.

Hasenlechner: Kunst entwickelt sich ganz rasant weiter. Zum einen durch verschiedene Medien aber auch formal und inhaltlich. Was ich empfehle, ist vergleichbar mit der Situation wenn ich eine Immobilie oder eine Aktie kaufe: Man muss sich auch hier informieren. In einer Galerie, bei einem Berater, in einem Aktionshaus. Es ist nicht ganz einfach ohne Ausbildung und ständige Beschäftigung mit dem Thema zu unterscheiden, was Qualität ist und was nicht.

derStandard.at: Welche Fragen muss ich als interessierter Anleger stellen?

Hasenlechner: Woran und an welchen Künstlern sind die internationalen Kuratoren interessiert? Welche kommen zu den großen Messen, zu den Biennalen. Sind die Künstler international positioniert, in Ausstellungen präsent und kommen sie auch in Auktionshäuser? Diese Faktoren sind dafür ausschlaggebend, dass sich ein Werk von 5.000 Euro vielleicht einmal zu 25.000 Euro entwickelt. Wenn es um die Wertentwicklung geht, hat es wenig Sinn in eine lokale Galerie zu gehen wo vielleicht Künstler sind, die keinen Namen haben und auch nicht international angebunden sind. Das ist zwar sehr nett und man unterstützt damit auch die Künstler, aber auf eine Wertsteigerung sollte man nicht hoffen.

derStandard.at: Wenn man sich mit den Indikatoren nicht auseinandersetzt, ist das also eher ein Glückspiel?

Hasenlechner: Genau. Ich habe da auch sehr schöne Beispiele. Ich habe etwa sehr früh Künstlerinnen wie Dorit Magreiter empfohlen. Sie kommt aus einem eher schwierigen medialen Kontext, hat viel mit Installationen und Videos gearbeitet. Ich hab sie gegen Ende der 1990er Jahre schon bei einer ihrer ersten Ausstellungen kennen gelernt. Schon damals hat man gesehen, mit wem sie zusammenarbeitet, von welchen Kuratoren sie auch geschätzt und eingeladen wird. Da gab es in den letzten zehn Jahren wirklich auch eine tolle Preisentwicklung.

derStandard.at: Hat bei diesen Überlegungen Leidenschaft einen Platz?

Hasenlechner: Ich würde sagen, es ist eine Kombination. Es darf aber nicht nur das persönliche Geschmacksurteil im Vordergrund stehen, auch wenn es natürlich ein Faktor ist. Manchmal muss man sich vielleicht auch überwinden, etwas zu kaufen, das einem nicht auf den ersten Blick gefällt, das vielleicht noch eine Herausforderung ist.

derStandard.at: Wichtig ist auch das Budget, das ich zur Verfügung habe. Was würden Sie da für Einsteiger empfehlen.

Hasenlechner: Wenn ich ein kleineres Budget habe, aber auch Richtung Investment gehen möchte, dann würde ich jüngere österreichische Künstler empfehlen. Vielleicht nicht sofort Videoarbeiten, sondern Fotoarbeiten, Zeichenarbeiten. Collagen kann man durchaus kaufen, die haben auch eine tolle Wertbeständigkeit. Videos von nicht bekannten Künstlern sind zum Beispiel ein sehr schwieriges Medium. Sie sind zwar meistens günstig, haben aber kaum ein Potenzial, weder am österreichischen noch am internationalen Markt. Bei den Videos gilt wie bei allen anderen Medien auch: Je bekannter ein Künstler, desto teurer die Arbeit und desto sicherer die Anlage. Pipilotti Rist etwa ist so ein Beispiel. Da kauft man vielleicht auch gar nicht mehr nur das Video sondern eine gesamte Rauminstallation. Das bietet sich aber auch schon für Investoren mit einem größeren Budget an.

derStandard.at: Wer fällt für Sie unter die vielversprechenden jüngeren Künstler neben Dorit Magreiter, die Sie bereits genannt haben?

Hasenlechner: Florian Pumhösl, Esther Stocker, Markus Schinwald, Marko Lulic, da gibt es eine Handvoll Künstler, mit denen man eine sehr schöne Sammlung mit wichtigen österreichischen Positionen zusammen stellen kann, die dann vor allem in ihrem Zusammenspiel eine Wertsteigerung darstellt.

derStandard.at: Man kann also verschiedene Kriterien beim Sammeln anlegen?

Hasenlechner: Entweder man entscheidet sich für einen Künstler und begleitet sein Werk oder man sammelt medial also etwa nur Fotoarbeiten oder nur Druckarbeiten oder man konzentriert sich auf eine Generation und kauft hier unterschiedliche Arbeiten. Wenn man zum Beispiel Op-Art gesammelt und hier wichtige Positionen zusammengetragen hat, ist das auch ein sinnvoller Faktor zur Wertsteigerung, wenn ich so ein Konvolut in einem Auktionshaus wieder verkaufen möchte.

derStandard.at: Was wäre ein sinnvolles Mindesteinstiegs-Budget?

Hasenlechner: Starten kann man mit ein paar Hundert Euro. Aber das ist wie bei anderen Assetklassen auch. Wenn man wirklich Richtung Investment gehen und gezielt Geld anlegen und vielleicht auch wertsichern möchte, wäre wohl ein Jahresbudget von 30.000 bis 50.000 Euro sinnvoll. In diesem Rahmen wäre aber auch ein Sammlungskonzept zu empfehlen, das man vielleicht von einer oder zwei Galeristen, einem Kurator, einem Museumsdirektor, einem Auktionshaus erarbeiten lässt.

derStandard.at: Das wären dann sozusagen im übertragenen Sinn die Fondsmanager.

Hasenlechner: Genau. Auch das ist ein langfristiges und sehr informationsintensives Investment, wenn es kein Glückspiel sein soll.

derStandard.at: Lassen sich auch Renditen beziffern wie etwa bei einem Fonds?

Hasenlechner: Es gibt zwar positive Entwicklungen, Einschätzungen und auch manche Indizes. Aber diese Indizes sind bedauerlicherweise nicht sehr fundiert. Aber wenn man richtig sammelt, kann man im Schnitt eine Rendite zwischen fünf und 15 Prozent erwarten. Allerdings sehr, sehr langfristig gedacht.

derStandard.at: Damit könnte ich am Ende ja fast schon auch in Aktien investieren.

Hasenlechner: Bei vielen kommt schon die Sammlerleidenschaft dazu. Es interessiert einen vielleicht auch inhaltlich. Man will wissen, was und wie den die Kunstproduktion der Zeit ist, wie die Welt gesehen wird. Eine Aktie ist es eben nur ein Stück Papier, bei der Kunst ist es immer noch eine künstlerische Arbeit, auch wenn sich das wertmäßig nicht so entwickeln würde, wie man sich das wünscht. (rb, derStandard.at, 3.10.2010)

  • Anja Hasenlechner in der Wiener Galerie Layr Wuestenhagen: Wenn man Wertsteigerungen erzielen möchte, ist ein gutes Beraternetzwerk unerlässlich.
    foto: bruckner

    Anja Hasenlechner in der Wiener Galerie Layr Wuestenhagen: Wenn man Wertsteigerungen erzielen möchte, ist ein gutes Beraternetzwerk unerlässlich.

  • Was hat die Anlage in Kunst anderen Assetklassen voraus? Hasenlechner: Wenn sich der Wert nicht so entwickelt, wie man das gerne möchte, hat man immerhin noch ein Kunstwerk.
    foto: bruckner

    Was hat die Anlage in Kunst anderen Assetklassen voraus? Hasenlechner: Wenn sich der Wert nicht so entwickelt, wie man das gerne möchte, hat man immerhin noch ein Kunstwerk.

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